Bauen

Jörg Heiler, Vorstandsmitglied der Bayerischen Architektenkammer. (Foto: Leonie Balloni)

15.04.2024

„Räume spiegeln die Gesellschaft und deren Werte wider“

Architektenkammer-Kolumne zum Thema Barrieren abbauen

Wir alle kennen Situationen, in denen wir leicht und gut zugängliche Räume und Wege brauchen: Wenn wir schwere Güter transportieren, Kinderwägen oder Rollstühle schieben, mit Kindern, älteren oder beeinträchtigten Menschen unterwegs sind oder uns selbst eine Verletzung zugezogen haben.

Räume – und das gilt für private wie öffentliche, für Außen- ebenso wie für Innenräume –, die in jeder Lebensphase und -situation Teilhabe ermöglichen, sind jedoch nicht nur eine komfortable und angenehme Alltagshilfe: Sie zeigen auch, welchen Stellenwert eine inklusive Haltung in unserer Gesellschaft hat. Denn Räume spiegeln die Werte einer Gesellschaft wider.

Uns Architekten als Gestalterinnen und Gestalter der gebauten Umwelt kommt dabei eine besondere Rolle zu: Im Baukammerngesetz werden wir nicht nur zum gestaltenden, technischen, wirtschaftlichen und umweltgerechten Planen von Bauwerken aufgerufen. Sondern auch zum sozialen.

Besondere Verantwortung

Und das bedeutet: Alle Kammermitglieder, aus der Architektur ebenso wie aus der Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung, übernehmen eine besondere Verantwortung. Und das gilt auch für unsere Berufsstandsvertretung, die Bayerische Architektenkammer. In Art. 13 Baukammerngesetz heißt es: „Aufgabe der Architektenkammer ist es, …das barrierefreie Bauen… zu fördern“. Ich bin froh und stolz, dass wir das Thema Barrierefreiheit in der Bayerischen Architektenkammer tatsächlich mit so großem Nachdruck und Erfolg seit Jahrzehnten befördern: Seit 40 Jahren betreibt die Bayerische Architektenkammer mit finanzieller Förderung des bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales die Beratungsstelle Barrierefreiheit. 20 freiberufliche Beraterinnen und Berater aus den Fachbereichen Architektur, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur und Kommunikation stehen dort für kostenfreie, kompetente und dabei neutrale (Erst-)Beratungen zur Verfügung, an inzwischen 18 Standorten in ganz Bayern. Sie können von Kommunen, Unternehmen, Planern genauso wie von Privatpersonen in Anspruch genommen werden.

Dabei hat sich das Spektrum des Beratungsangebots über die Jahre natürlich ebenso verändert, wie sich unsere Gesellschaft wandelt: Längst geht es nicht mehr nur um den barrierefreien Umbau eines Einfamilienhauses, um Barrierefreiheit im öffentlichen Raum, in Schulen, in öffentlichen Bauten, Kirchen, Museen oder im Tourismus, wie sie etwa der Baumwipfelpfad im Bayerischen Wald oder das Haus der Berge in Berchtesgaden umgesetzt haben. Sondern es geht auch um das Thema Barrierefreiheit in der Kommunikation, also um digitale Barrierefreiheit und Leichte Sprache. Denn digitale Barrierefreiheit und Leichte Sprache werden in der aktuellen weltpolitischen Lage immer wichtiger: Durch die globale Migration sind wir eine vielseitige Gesellschaft geworden.

Dabei kommt Nichtmuttersprachlern Leichte Sprache ebenso zugute wie Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen. Um Vielfalt nicht nur mitzudenken, sondern auch abzubilden, ist das Team der Beratungsstelle Barrierefreiheit inklusiv und interdisziplinär, das fängt in der Geschäftsstelle an und reicht bis zu unseren Partnern, der Stiftung Pfennigparade und der CAB Caritas Augsburg Betriebsträger gGmbH. Denn ob Sprache leicht genug ist, können am besten diejenigen beurteilen, die auf sie angewiesen sind.

Darüber hinaus helfen die Expertinnen und Experten in der Architektenkammer bei Fragen zu Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten und bei sozialen Fragen der Stadt-, Verkehrs- und Freiraumplanung und bieten Vorträge und Schulungen sowie Planungshilfen an. 

Abbild der Gesellschaft

Der gebaute Raum ist immer auch Abbild der Gesellschaft, das gilt für Außenanlagen ebenso wie für Innenräume. Unser Ziel bleibt es, einen signifikanten und manifesten Beitrag zu einer sozial und ökologisch nachhaltig gebauten Umwelt zu leisten. Das Jubiläum der Beratungsstelle Barrierefreiheit ist dabei Bestätigung und Ansporn zugleich, und die zahlreichen Erfolgsgeschichten barrierefreier Neu- und Umgestaltungen, ganz konkrete Best-Practice-Beispiele, sprechen für sich.

Die Zahl der Menschen, die auf möglichst barrierefreie Lebensbedingungen oder aktive Unterstützung im Alltag angewiesen sind, wird weiter zunehmen. Durch den medizinischen Fortschritt steigt die Lebenserwartung und der Anteil der Betroffenen mit auditiven, kognitiven und motorischen Einschränkungen, während der Fachkräftemangel in der Betreuungs- und Pflegebranche uns vor Augen führt, wie wichtig es ist, möglichst lange unabhängig und eigenständig zu sein.

Unsere Gesellschaft wird daher mehr denn je auf barrierefreie Räume angewiesen sein. Barrierefreie Gestaltung kommt zudem allen zugute. Denn: Wenn Barrierefreiheit von Anfang an mitgedacht wird, schränkt sie planerisch nicht ein, sondern eröffnet neue Möglichkeits- und Denkräume. 
 

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