Bauen

Das Zielstatt-Quartier in München-Sendling. (Foto: Allgemeine Südboden)

08.11.2019

Transparenz und Freiraum

Auf Bauhaus-Spuren in München – gestern und heute

München bringt man nicht zwingend mit dem Bauhaus in Verbindung. Wer es jedoch wagt, einen zweiten, tieferen Blick auf die Münchner Geschichte und Architektur zu werfen, wird feststellen, dass die klassische Moderne durchaus ihre Spuren hinterlassen hat.

Gunta Stölzl beispielsweise, die erste Bauhaus-Meisterin, wurde hier 1897 geboren. Sie studierte an der Münchner Kunstgewerbeschule und wechselte 1919 noch als Studentin zum Bauhaus Weimar. In Dessau leitete sie später erfolgreich die Weberei. Wassily Kandinsky, Wegbereiter der abstrakten Kunst, studierte um 1900 an der Münchner Kunstakademie. Er wurde 1922 ans Bauhaus berufen. Paul Klee, ein weiterer berühmter Bauhaus-Meister, versah im Ersten Weltkrieg in der Schleißheimer Flugwerft Flugzeuge mit Tarnanstrich. Und auch Oskar Schlemmer arbeitete in München. Auch wenn im Jahr 1938, als er seine Wandreliefs in Bogenhausen fertigstellte, das Bauhaus als Institution schon Geschichte war. Schlemmer wurde offiziell als „entarteter Künstler“ verfemt. Er musste sich und seine Familie mit Gelegenheitsjobs ernähren, arbeitete für ein Stuttgarter Malergeschäft und versah im Krieg Kasernen mit Tarnanstrichen.

Die Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk existierten in München bereits seit 1897. Sie waren als Ausstellungs- und Verkaufsplattform gegründet worden, mit dem Ziel, individuelle oder in Kleinserien gefertigte Inneneinrichtungen zu produzieren. Nach dem Vorbild des „Arts and Crafts Movements“ sollte ein Kontrapunkt gegen die aufkommende Massenproduktion gesetzt werden. Die Vereinigten Werkstätten wiederum waren wichtige Unterstützer des Deutschen Werkbunds, einer wirtschaftskulturellen „Vereinigung von Künstlern, Architekten, Unternehmern und Sachverständigen“, der 1907 in München im Hotel Vier Jahreszeiten gegründet worden war. Er war Netzwerk und Sammelpunkt progressiver Ideen in Kunst und Handwerk zugleich – ein wichtiger Wegbereiter der Moderne. Viele Bauhäusler waren gleichzeitig Werkbundmitglieder.

Eng verbunden mit dem Werkbund ist auch die Entstehung der Neuen Sammlung in München. Die Sammlung vorbildhaften Designs ist seit 1925 bayerisches Staatsmuseum und hat heute ihr Domizil in der Pinakothek der Moderne. Einen Teil des Bestands bildeten Musterstücke der BauhausSchule, angekauft noch vor 1933. Aktuell ist dort einer der wenigen Beiträge Bayerns zum Bauhaus-Jubiläumsjahr zu sehen, die Ausstellung „Reflex-Bauhaus. 40 objects – 5 conversations“.

In Sachen Architektur kommt man an der „Bayerischen Postbauschule“ nicht vorbei. Ihr Hintergrund war der Poststaatsvertrag von 1920: Er sah den Übergang der Bayerischen Staatspost in die Deutsche Reichspost in Berlin vor. Als Zeichen der Unabhängigkeit entstand mit der Münchner Oberpostdirektion eine separate Abteilung des Reichspostministeriums samt Bauabteilung. Dessen Leiter, Robert Vorhoelzer, plante etwa ab Mitte der 1920er-Jahre für München in den Formen des Bauhauses. In den Jahren 1925/1926 entstand das Paketzustellamt an der Arnulfstraße, erkennbar am gläsernen Zylinder als Oberlicht eines kreisrunden Funktionsraums.

 

Heute stehen die Bauten unter Denkmalschutz

Weitere Paradebeispiele für gelungene Bauhaus-Moderne in München sind die Post an der Tegernseer Landstraße, genannt Tela-Post, die Postämter am Harras, am Goetheplatz und in der Fraunhoferstraße. Heute stehen die Bauten unter Denkmalschutz. Geschwungene Gebäudefronten, gerundete und „gläserne“ Ecken, weiße kubische Baukörper, großzügige Verglasungen und Flachdächer setzen neue architektonische Maßstäbe. Die Postämter hatten angegliederte Wohnbauten, damals speziell für Beamte und Angestellte der Post gedacht, ebenso wie die moderne Versuchssiedlung des Bayerischen Post- und Telegraphenverbands in München.

Bauhaus-Architektur ist aber nicht nur in historischen Bauwerken zu finden. Auch heute lassen sich Bauherren und Architekten verstärkt von den Ideen der Bauhaus-Gründer inspirieren, vor allem wenn es um die Entwicklung sogenannter Kreativquartiere geht.

„Werk 3“ in der Nähe des Ostbahnhofs ist dafür ein gutes Beispiel. Oder, etwas weiter südlich gelegen, die „neue balan – campus der ideen“, das ehemalige Infineon-Hauptquartier an der Balanstraße. Bewusst soll ein Kontrapunkt zu den monolithischen Bürogebäuden geschaffen werden, die jahrzehntelang das Stadtbild prägten. Die Architektur ist Teil des Konzepts, einen identitätsstiftenden, offenen und experimentellen Campus zu kreieren.

Als Stilmittel
bewusst eingesetzt

Enge Anlehnungen an die Bauhaus-Bauten sind gewollt und werden bewusst als Stilmittel eingesetzt. Im Zuge der Nachverdichtung beispielsweise entstand an der St.-Martin-Straße ein Neubau, der sich optisch eng an das Werkstattgebäude in Dessau anlehnt.

Auch bei einem jüngeren Projekt des gleichen Bauherrn, der Allgemeine Südboden, dem ZielstattQuartier im Stadtteil Sendling, sind Anlehnungen an die BauhausArchitektur zu beobachten. Hier zeigen sich Ähnlichkeiten mit den Gebäuden der „Vereinigte Seidenweberei Aktiengesellschaft“, kurz VerSeidAG in Krefeld. Diese wurden in den 1930er-Jahren von Ludwig Mies van der Rohe erbaut.

Die Gründe dafür sind sicherlich auch in der aktuellen gesellschaftspolitischen Situation begründet. Standen die Bauhaus-Gründer der beginnenden Industrialisierung gegenüber, wird die heutige Gesellschaft infolge der Digitalisierung mit Umbrüchen konfrontiert, die ein vergleichbares Ausmaß annehmen.

Walter Gropius wagte den Aufbruch in die Moderne, heute ist der Aufbruch in neue Arbeitswelten zu bewältigen. Vom Bauhaus inspirierte Architektur unterstreicht dabei den Zeitgeist der „New Work“: Sie ist funktional und gleichzeitig atmosphärisch. Die Gebäude bieten Transparenz und Freiraum. Helle und offene Raumstrukturen laden zur Kommunikation ein. Der Faktor Mensch wird in diese ganzheitliche Betrachtung bewusst mit einbezogen und entsprechende Erholungs- und Sozialflächen eingeplant. Die idealen Voraussetzungen dafür, Collaboration und Wissenstransfer zu fördern.

Schon Gropius forderte: „Der Arbeit müssen Paläste errichtet werden.“ Das gilt bis heute, nur entstehen diese auf moderne Art und Weise, mit Freiflächen, Dachterrassen und manchmal auch mit einem langgestreckten Pool.

Und letztlich lassen sich auch wirtschaftliche Gründe finden: Bauhaus steht nach wie vor für den Beginn des industriellen Bauens mit dem Ziel, kosteneffizient zu bauen. Werte, die auch für heutige Projektentwickler durchaus Relevanz haben. (Andrea Bäring, Kaija Voss)

(Haus 14/27 auf der neuen balan - Foto: Allgemeine Südboden; das Dessauer Bauhaus - Foto: Shutterstock, Traveller Martin; die VerSeidAG in Krefeld - Foto: Heiner Engbrocks)

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