Bauen

Die Glyptothek ist Teil des Königsplatzes. (Foto: Kaija Voss)

04.09.2020

Verbeugung vor der Antike

Der Königsplatz in München: Was ihn besonders macht

Kommt man von Westen, von der Nymphenburger Straße, sieht man als erstes die Propyläen. Ein klassizistisches Monument, ein Symbol für Großartigkeit und Glanz der Geschichte oder, wie es der Münchner Kunsthistoriker Norbert Lieb einst formulierte: „Ein Torbau von erhabener Zwecklosigkeit.“ Vorbild für die bayerische Variante des klassischen Stadttors sind die Propyläen der Athener Akropolis. Die Münchner Variante zeigt, neben der griechischen Antike, auch Anklänge an die massiven Pylonen ägyptischer Tempelfronten. Dahinter liegt der von zwei Museen gerahmte Königsplatz, ein antikes Forum in München. Die Anlage wurde einst von Kronprinz Ludwig, dem späterem König Ludwig I., veranlasst, um dem Betrachter den Genuss antiker Ästhetik und idealer Proportionen zu ermöglichen.

Gerade in Bayern war im 19. Jahrhundert die Verbindung nach Griechenland besonders eng durch den Sohn Ludwigs I., König Otto von Griechenland. Ludwig I. selbst war ein Philhellene und wollte München zum Isar-Athen werden lassen. Aus Liebe zum antiken Griechenland führte er den Buchstaben „y“ in den Landesnamen seines Königreichs ein, aus Baiern wurde Bayern. Im Gegenzug wehte nun die weiß-blaue Flagge der Wittelsbacher über Griechenland.

Erste Pläne für eine Gestaltung des Königsplatzes stammen bereits von Carl von Fischer. Leo von Klenze, der ab 1815 in München wirkte, behielt dessen symmetrische Grundkonzeption bei. An der Nordseite des Platzes erbaute er mit der Glyptothek eines der ersten öffentlichen Museen Deutschlands. Mit dem Namen Glyptothek bezeichnete Ludwig I. das von ihm gewünschte Sammlungsgebäude für antike Kunst. Glyptothek kommt vom griechischen Wort glyptein, was so viel bedeutet wie „in Stein schneiden“. Ludwig I. beginnt im Rahmen seiner Italienreise von 1804/05 mit dem Aufbau einer eigenen und in den folgenden Jahren rasch wachsenden Antikensammlung. Bereits 1812 erwirbt er die Ägineten, eine klassische Figurengruppe vom Westgiebel des Aphaia-Tempels im griechischen Ägina.

Mehrere Entwürfe geliefert

In den Tagebüchern Leo von Klenzes findet sich die Haltung, die der Vater von Ludwig I., Max I. Joseph, zur Antikenleidenschaft seines Sohnes hatte: „Mein verrückter Sohn will wieder, dessen bin ich sicher, Geld ausgeben, um alten Plunder zu kaufen, und er hofft, dadurch Griechen und Römer aus dieser Rasse von Biertrinkern zu machen, die er eines Tages regieren wird, ich wette, dass dieser Klenze gleichermaßen dazu beiträgt, ihn anzustiften und diese Torheiten auszuführen.“

Leo von Klenze liefert gleich mehrere Entwürfe in historisierenden Stilen: griechisch, römisch, Renaissance. Der griechische Entwurf gefällt am besten. Klenze kann seinen ersten großen Bau in München verwirklichen. Inspiriert für die quadratische Vierflügelanlage mit zentralem Eingangsbauwerk wurde er durch den französischen Architekturtheoretiker Jean-Nicolas-Louis Durand und dessen Standardwerk: die Architekturlektionen.

Auch das von Karl Friedrich Schinkel zeitgleich erbaute Alte Museum in Berlin weist Merkmale der Architekturlektionen auf. Es gibt eine weitere Parallele zur Berliner Museumsinsel: Sowohl Kronprinz Ludwig als auch der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. hatten beschlossen, Museen für die Öffentlichkeit zu errichten. Das Alte Museum in Berlin wurde am 3. August 1830 zum Geburtstag des Königs eröffnet, die Glyptothek in München nur zehn Wochen später, am 13. Oktober, dem Namenstag der Königin Therese von Bayern.

König Ludwig I. ist begeistert, Klenze notiert eifrig in seinen Tagebüchern: „Am 15. oct., gestern, kam endlich der Kronprinz hier an, und ich begegnete ihm zufällig, als er vom Reisewagen aus grade die Glyptothek gesehen hatte, denn da es heitres Wetter war, so hatte er nicht, wie er es mir geschrieben, die Augen im Vorbeifahren geschloßen, im Falle es trübe und sonnenloser Himmel gewesen wäre. Er winkte mir nach der Glyptothek hin und viel [sic!] mir aus dem Schlage zu: „Trefflich! Herrlich, mein Klenze!“ und begleitete diesen wiederholten Ausruf mit den freundlichsten Grüßen, solange er mich noch sehen konnte!“

Als Verbeugung vor der Antike findet man die drei klassischen Säulenordnungen vereint auf dem Königsplatz. Eine Anlage wie aus dem Architekturlehrbuch. Die Propyläen mit ihrer massiven dorischen Ordnung stehen für die Architektur der Macht. Die Glyptothek, als Hort der Kunst, zieren zarte ionische Säulen. Die heutige Antikensammlung schmücken korinthische Säulen. Bei der Erbauung im Jahre 1848 diente das Haus als Kunst- und Industrieausstellungsgebäude, zur Förderung von Kunst und Gewerbe. Architekt war Georg Friedrich Ziebland.

Granit statt Rasen

Der Königsplatz war als Rasenplatz mit einem Fahrweg für Kutschen gedacht. Er war Teil des sogenannten Wittelsbacher Königswegs von der Residenz bis nach Nymphenburg. Die Platzfolge begann am Odeonsplatz, es folgte der Wittelsbacherplatz, der strahlenförmige Karolinenplatz, der Königsplatz, schließlich der halbrunde Stiglmaierplatz und dann ging es nach Nymphenburg.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Konzept verändert: Der Rasenplatz wurde mit Granitplatten gepflastert und sollte der „Hauptstadt der (nationalsozialistischen) Bewegung“ als zentraler Aufmarschplatz dienen. Für die Umgestaltung des Königsplatzes Anfang der 1930er-Jahre war der Architekt Paul Ludwig Troost verantwortlich. An das östliche Platz-ende, die heutige Arcisstraße, kamen neoklassizistische Zwillingsbauten, der NSDAP-Verwaltungsbau und der sogenannte Führerbau. Historische Bedeutung erlangte Letzterer durch das hier unterzeichnete Münchner Abkommen 1938.

Unversehrte NS-Bauten

Architektonisches Pendant zum Führerbau war das NSDAP-Verwaltungsgebäude. Ihm weichen musste das Palais Pringsheim – eine der wichtigsten künstlerischen und gesellschaftlichen Begegnungsstätten Münchens um 1900. Das Ehepaar Alfred und Hedwig Pringsheim, Schwiegereltern von Thomas Mann, er Mathematikprofessor und Kunstsammler, sie eine Tochter der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm, wurde zwangsenteignet und floh nach Zürich.

Auch die zwei sogenannten Ehrentempel an der Ostseite des Königsplatzes gehörten zum ideologischen Programm. Heute existieren nur noch die Sockel der Tempel. Sie waren zum Gedenken an den Hitler-Ludendorff-Putsch vom 8./9.November 1923 gegen die bayerische Staatsregierung errichtet worden. Ziel des Putsches war die Beseitigung der parlamentarischen Demokratie und die Errichtung einer nationalsozialistischen Diktatur. Der Königsplatz wurde ebenso für die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 und für Kundgebungen zum „Tag der Deutschen Kunst“ von 1937 bis 1939 missbraucht. Ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte am klassischen Ort.

Im Zweiten Weltkrieg wurden vor allem die Bauten des 19. Jahrhunderts zerstört. Die Frage nach dem Umgang mit den nahezu unversehrt gebliebenen NS-Bauten stellte sich. Bereits 1945 fiel die Entscheidung, sie einer kulturellen Nutzung zuzuführen. Im Führerbau ist heute die Hochschule für Musik und Theater München beheimatet, der Verwaltungsbau wurde Haus der Kulturinstitute.

Das NS-Dokumentationszentrum München befindet sich dort, wo bis 1945 das sogenannte Braune Haus, die einstige NSDAP-Parteizentrale war. Dass es heute hier steht, ist ein großer Erfolg. Gerade in München, das maßgeblich mit Gründung und Aufstieg der NSDAP verbunden ist, währte die Entscheidungsfindung um einen angemessenen Ort der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus lange. Ab 2001 gibt es den Grundsatzbeschluss der Stadt zum Aufbau eines NS-Dokuzentrums. Den 2008 dafür ausgeschriebenen Wettbewerb gewann das Berliner Büro Georg Scheel Wetzel Architekten.

Die Fassade des kubischen Baukörpers bestimmen schmale, asymmetrisch angeordnete, vertikale Fensterschlitze. Es ist ein Fremdkörper, der auf seine neoklassizistischen N achbarn mit ihrer Monumentalität und Symmetrie bewusst keinen Bezug nehmen will. Das NS-Dokumentationszentrum München – Lern- und Erinnerungsort zur Geschichte des Nationalsozialismus – wurde am 30. April 2015, auf den Tag genau 70 Jahre nach der Befreiung Münchens, eröffnet. Es ist ein Meilenstein auf dem Weg zur Bewältigung von Deutschlands NS-Vergangenheit – keineswegs ein Schluss-Stein.

Auf dem Königsplatz lassen die Glyptothek und die Antikensammlung mit ihren prachtvollen, nach dem Krieg wieder aufgebauten Fassaden, die Klenzesche Planung bis heute spüren und den Besucher noch immer die Proportionen der Antike, des einstigen Isar-Athen genießen. Der Platz strahlt eine große Einheitlichkeit und Vollkommenheit aus, er ist ein großartiger Eingang für das Kunstareal in der Maxvorstadt. (Kaija Voss)

(Die Antikensammlung, das Haus der Kulturinstitute und der Königsplatz - Fotos: Kaija Voss)

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