Beruf & Karriere

26.06.2020

"Der Wandel durch Corona ist unwiderruflich"

Wirtschaftspsychologin Katharina Lochner über Homeoffice, flexible Arbeitszeitmodelle und digitale Tools in kleinen und mittelständischen Betrieben

Überleben Homeoffice und flexible Arbeitszeitmodelle die Corona-Krise oder kehren wir bald wieder zu alten Gewohnheiten zurück? Im Interview berichtet Katharina Lochner, Professorin für Wirtschaftspsychologie am Iserlohner Campus der University of Applied Sciences Europe, wie nachhaltig die Veränderungen sind.

BSZ: Frau Lochner, viele Menschen, besonders aus kleinen und mittelständischen Betrieben, befinden sich derzeit aufgrund der Corona-Krise erstmals in ihrem Arbeitsleben über längere Zeit im Homeoffice. Kontakt mit Kollegen, Kunden oder dem Chef findet nur per Telefon oder E-Mail statt. Kann das über einen längeren Zeitraum funktionieren?
Katharina Lochner: So ganz ohne persönlichen Kontakt wird es auf Dauer schwierig werden. Die Forschung beschäftigt sich ja schon seit Längerem mit dem Thema virtuelle Teams, und aus dieser Forschung werden die Schwierigkeiten deutlich: Zunächst erfordert virtuelles Zusammenarbeiten eine sehr klare Abstimmung über Ziele, Herangehensweisen und Rollen. Wenn hier unsorgfältig vorgegangen wird, führt es zu Misskommunikation und damit letzten Endes zu schlechteren Arbeitsergebnissen und Frust. Über einen kürzeren Zeitraum ist das vielleicht nicht so schlimm, aber über einen längeren Zeitraum können hier die Folgen schon gravierend werden. Informationsaustausch und Wissensmanagement sind weitere Themen, die über die Distanz wirklich herausfordernd sind. Zudem ist das Thema Vertrauen ein großes: Man sieht nicht, was, wie und wie viel die anderen arbeiten, und auch der persönliche Kontakt zur Vertrauensbildung fehlt. Das kann schnell dazu führen, dass die Motivation nachlässt.

BSZ: Deutschland reagiert tendenziell ja eher skeptisch auf neue Entwicklungen in der Arbeitswelt. So sind viele Arbeitgeber und Arbeitnehmer Neuerungen wie flexiblen Arbeitszeitmodellen oder digitalen Tools bisher mit Zurückhaltung begegnet. Wird sich durch die aktuelle Situation an dieser misstrauischen Einstellung etwas ändern?
Lochner: Misstrauen mag ein Grund für die Zurückhaltung sein. Ich sehe jedoch einen anderen Aspekt sehr stark im Vordergrund, und zwar, dass Dinge, die nicht unbedingt notwendig sind, erst einmal auf die lange Bank geschoben werden. Hierzu gehört beispielsweise die Herstellung einer Infrastruktur, mit der flexibel gearbeitet werden kann. Diese wurde nun aus der Not heraus geschaffen, sodass zumindest jetzt die technischen Bedingungen für digitales Arbeiten vorhanden sind. Dennoch ist nicht zu leugnen, dass hier und da Misstrauen gegenüber flexiblen Arbeitszeitmodellen und digitalen Tools herrscht. Allerdings sind wir meiner Meinung nach da an vielen Stellen schon weiter als wir denken. Es gibt natürlich die klassischen Vorreiter wie beispielsweise Zalando, die schon deutlich vor der Corona-Krise mit flexiblen Arbeitszeitmodellen und digitalen Tools gearbeitet haben. Jedoch hat auch der Fachkräftemangel viele Mittelständler bereits dazu gebracht, hier deutlich offener zu sein. Dort hat also die Not den Wandel eingeleitet und man macht positive Erfahrungen damit. Ich sehe nicht, warum das in Bezug auf die durch Corona bedingten Veränderungen nicht auch so sein sollte.

"Einen Rückfall auf die „Vor-Corona-Zeit“ wird es nicht geben"

BSZ: Welche Vorteile bieten Homeoffice und flexible Arbeitszeitmodelle grundsätzlich für Arbeitgeber und Arbeitnehmer?
Lochner: Für mich ist ein ganz großes Plus des Homeoffice das unterbrechungsfreie Arbeiten. Es ist nicht zu unterschätzen, wie häufig man im Büro unterbrochen wird und zu welchen Reibungsverlusten das führt. Gerade bei analytischen oder konzeptionellen Aufgaben kommt man da störungsfrei viel besser voran. Darüber hinaus ermöglicht es aber auch, Beruf und Alltag besser zu integrieren. Ein Arzt-, Bank- oder Behördenbesuch kann mühelos in einen Homeoffice-Tag integriert werden. Der Alltag wird somit leichter zu organisieren, was Ressourcen befreit. Auch um pflegebedürftige Angehörige oder Kinder kann man sich besser kümmern. Zudem pendeln nicht wenige Menschen sehr weite Strecken, wenn dies zumindest an einigen Tagen wegfällt, bringt dies mehr Lebensqualität. All diese Aspekte mindern den Stress und können Arbeitnehmer damit zufriedener und produktiver machen. Aus Arbeitgebersicht ist sogar zu überlegen, ob jeder Mitarbeiter tatsächlich noch einen eigenen Arbeitsplatz benötigt. Allerdings ist hier auch zu berücksichtigen, dass es gerade unter der sogenannten Generation Z viele gibt, die lieber im Büro als zu Hause arbeiten wollen, um eine bessere Trennung von Beruflichem und Privatem zu erreichen. Und das bringt uns zu einem weiteren wichtigen Punkt: Flexible Arbeitszeitmodelle und Homeoffice sind nicht jedermanns Sache und sind auch nicht immer angebracht. Es gibt Menschen, die können zu Hause nicht arbeiten, weil sie zu abgelenkt sind und dann gar nichts schaffen oder denen die Disziplin fehlt, am Ende des Tages die Arbeit zu beenden und die damit viel zu viel arbeiten, sodass sie dadurch unter Umständen krank werden.

BSZ: Hartnäckig hält sich auch das Vorurteil besonders von Arbeitgeberseite, im Homeoffice würde zu viel „gefaulenzt“ werden. Lässt sich das Ihrer Meinung nach bestätigen?
Lochner: Nein. Das mag in Einzelfällen so sein. In den meisten Fällen ist es jedoch so, dass eher zu viel als zu wenig gearbeitet wird.

BSZ: In Zeiten von Facebook, Twitter und Co.: Wird durch mehr Homeoffice und Digitalisierung der direkte soziale Kontakt nicht zu sehr eingeschränkt und sogar abgewertet?
Lochner: Ich denke, er verschiebt sich eher von Kollegen hin zu Familie und Freunden. Durch wegfallende Pendelzeiten hat man mehr Zeit mit dem Partner oder der Familie und vielleicht auch unter der Woche abends noch mehr Energie, mit Freunden etwas zu unternehmen.

BSZ: Wie ist ihre Einschätzung: Wird die Corona-Krise die Art und Weise, wie wir arbeiten, nachhaltig verändern oder fallen wir wieder in die „Vor-Corona-Zeit“ zurück?
Lochner: Ich denke, einen Rückfall auf die „Vor-Corona-Zeit“ wird es nicht geben. Wie bereits gesagt, es wurden technische und organisatorische Voraussetzungen geschaffen, dass flexibel gearbeitet werden kann, und vielerorts wurden damit positive Erfahrungen gemacht. Daher werden wir nach der Krise sicherlich flexibler und digitaler arbeiten als vor der Krise. Jedoch bemerken viele Menschen auch jetzt erst, welche Herausforderung es ist, sich zu Hause komplett selbst zu organisieren, wie aufwendig Informationsaustausch, Wissensmanagement und Planung sein können und wie sehr ihnen der persönliche Kontakt mit den Kollegen fehlt. Außerdem wurde in einer Art Feldexperiment ja nun erprobt, was digital gut funktioniert und was nicht, sodass nun eine informierte Entscheidung getroffen werden kann, wo zurück zum Arbeiten vor Ort in der Firma gegangen und wo tatsächlich beim flexiblen Arbeiten geblieben werden sollte. (Interview: Florian Feichtmeier, Mittelstand in Bayern)

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