Beruf & Karriere

Werden Online-Pressekonferenzen oder Video-Meetings künftig Standard? (Foto: dpa/Matthias Balk)

30.04.2020

Die Corona-Krise als Weckruf

Arbeiten, tagen, weiterbilden: In Zeiten von Covid-19 ist das plötzlich alles online möglich – wird das auch nach der Krise so bleiben?

Digital konferieren, Homeoffice statt Anwesenheitskultur, E-Learning statt Präsenzunterricht: Covid-19 zeigt in vielerlei Hinsicht, welche Möglichkeiten die Digitalisierung der Arbeitswelt eröffnet. Wir haben drei Expert*innen aus Bayern gefragt, ob und wie die Pandemie unseren Arbeitsalltag verändern wird.

Viele Menschen arbeiten derzeit im Homeoffice – läutet Covid-19 das Ende der Präsenzkultur ein?

„Die Corona-Krise führt uns aktuell vor Augen, wie nützlich das Internet zur Aufrechterhaltung des sozialen Lebens und der Arbeitswelt sein könnte. Wer es möglich machen kann, geht ins Homeoffice. Und Menschen bleiben trotz Quarantäne mithilfe des Internets in Verbindung. Die Chatgruppe unserer Großfamilie war seit Langem nicht mehr so aktiv wie jetzt. Wir halten uns so gegenseitig auf dem Laufenden, tauschen wichtige Infos aus und machen uns Mut.

Ja, es gibt viele gute Beispiele. Schüler, die sich zum Online-Unterricht verabreden. Beschäftigte, die den laufenden Betrieb von zu Hause aus aufrechterhalten. Teams, die sich über das Internet zu täglichen Besprechungen verabreden. Aber gemessen an den Möglichkeiten ist die Realität aus meiner Sicht insgesamt eher ernüchternd.

Jetzt rächt es sich, dass in Unternehmen, Schulen und Universitäten in den letzten Jahren in Sachen Digitalisierung wenig passiert ist. Händeringend suchen die Unternehmen nach Mitarbeitern, die ihre Kolleginnen und Kollegen schulen können, Homeoffice zu machen und Onlinemeetings durchzuführen. In manchen Behörden brechen die Server zusammen, weil sie gar nicht darauf ausgelegt sind, dass plötzlich alle von zu Hause aus arbeiten. Und der Unterricht in den Schulen findet nur in den seltensten Fällen im Informationsraum statt, weil die Lehrkonzepte für einen Online-Unterricht fehlen und weder Schüler noch Lehrer dafür geschult sind.

Kurzum: Es fehlt an technischer Ausstattung und vor allem an Kompetenzen, um die technischen Möglichkeiten zu nutzen.

Die aktuelle Corona-Krise könnte also ein Weckruf sein, die Möglichkeiten der Digitalisierung konsequent zum Wohle der Menschen zu nutzen. Hoffen wir es!“ Andreas Boes, Soziologe am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München.

E-Learning gilt in der Corona-Krise als Mittel, um die Lehre in Schulen und Hochschulen aufrechtzuerhalten. Aber wie gut funktioniert das, sind die Rahmenbedingungen für umfangreiche Onlinekurse gegeben?

„Die Pandemie legt Struktur- und Organisationsmängel schonungslos offen. Auch im Bereich E-Learning. Natürlich gibt es Schulen und Universitäten, die in einem Tempo auf Onlinelehre umstellen konnten, das der Ausbreitung des Virus angemessen ist. Und es ist offensichtlich, dass viele Lehrkräfte und Verwaltungen in unseren staatlichen Bildungseinrichtungen bemerkenswert gut improvisieren können.

Dennoch wird es nach der derzeitigen Krise nicht ausreichen, die Online-Lehrkapazitäten auszubauen. Und auch die Ausstattung mit Endgeräten bei den Lernenden scheint das kleinste Problem zu sein: Umfragen zufolge besitzen immerhin 99 Prozent aller Schülerinnen und Schüler, die älter als zwölf Jahre alt sind, ein Smartphone und etwa 70 Prozent haben Zugang zu einem Computer.

Viel wichtiger scheint, dass in manchen Regionen die Breitbandversorgung nicht ausreicht, um zum Beispiel Lernvideos oder große Dateien abzurufen. Um zu verhindern, dass die Unterschiede zwischen den großen Städten und den ländlichen Räumen noch größer werden, ist also ein Ausbau der Infrastruktur dringlicher denn je. Das Problem ist „nur“: Diese Anforderungen werden an öffentliche Haushalte gerichtet, die nach der Krise vor finanziellen Schwierigkeiten stehen werden.“ Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing.

Digital konferieren, arbeiten, lernen – wie steht es um die Sicherheit der digitalen Plattformen? Wie gut sind diese für die verstärkte Nutzung gerüstet und wo besteht Handlungsbedarf?

„Ich bin beeindruckt davon, wie bereitwillig und klaglos die Menschen zurzeit auf digitale Kooperationsplattformen umsteigen, denn die Akzeptanz solcher Plattformen ist eine wesentliche Voraussetzung für die erfolgreiche Bewältigung der digitalen Transformation.

Die etablierten Plattformen scheinen ihre Kinderkrankheiten bezüglich IT-Sicherheit auch hinter sich zu haben. Problematisch ist allenfalls die Verfügbarkeit der Dienste, damit sind Videokonferenzdienste oder Koordinationsplattformen wie Slack gemeint, deren Kapazitäten zu Stoßzeiten durch den massiv angestiegenen Bedarf und vereinzelte Überlastungsangriffe an ihre Grenzen kommen.

Wie die Krise zeigt, ist Verfügbarkeit eine entscheidende Sicherheitseigenschaft, die durch die massive Verlagerung von Diensten ‚in die Cloud‘ in Gefahr gerät und neu überdacht werden muss. Es gibt zwar bereits ‚Umschaltlösungen‘, sodass bei Überlastung eines Servers ein anderer die Anfragen übernimmt. Aber solange man auf das Netz angewiesen ist, bleibt die prinzipielle Angreifbarkeit bestehen.

Sinnvoll wären lokale Rückfalloptionen, die auch ohne Zugriff aufs Internet, aber dann mit eingeschränkter Funktionalität weiterlaufen. Beispiele dafür sind Versionsverwaltungssysteme wie git, die prinzipiell auch offline funktionieren.

Aus IT-Sicherheitssicht problematisch sind zusätzlich die kriminellen Trittbrettfahrer der Krise, die die Ängste vieler Menschen ausnutzen, um sie zum Öffnen von bösartigen E-Mails oder zum Klicken auf bösartige Links zu verleiten. Hier sind alle Menschen gefordert, sich präventiv zu verhalten. Die Qualitätsmedien (egal, ob online oder offline) spielen hierbei eine wichtige Rolle und scheinen durch ihren umsichtigen Umgang mit der Krise an Vertrauen zu gewinnen. In Krisensituationen ist es wichtig, dass die Gesellschaft das Gefühl hat, umfassend und objektiv informiert zu sein.“ Felix Freiling, Informatikprofessor an der Universität Erlangen-Nürnberg. (bidt)

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