Beruf & Karriere

Die Fokussierung auf Fragen statt Antworten führt laut Experten zu überraschend positiven Ergebnissen. (Foto: dpa)

31.08.2018

Die Kunst der klugen Kritik

Fragen gelten nicht nur als Königsweg der Kommunikation, sie können auch wesentlich zum Umgang mit neuen Herausforderungen beitragen

Wer viele Fragen stellt, gilt als ineffizient – zu Unrecht. Chefs sollten Mitarbeiter viel mehr motivieren, Erkenntnisse kritisch zu hinterfragen oder Aufgabenstellungen aus ungewohnten Fragestellungen heraus anzugehen. Das eröffnet eine neue Problemsicht.

Stellt man gestandenen Fachleuten eine Aufgabe, die sie nicht auf Anhieb lösen können, wird erst einmal viel diskutiert. Im „Was-wäre-wenn“-Modus werden Szenarien entworfen, die auf vorhandenen Erfahrungen aufbauen. Es wird möglichst weitreichend geplant, potenzielle Risiken werden abgewogen und Alternativen skizziert. Bis es tatsächlich an die Umsetzung geht, vergeht in der Regel viel Zeit. Wenn zahlreiche Unbekannte im Spiel sind, was beispielsweise neue Geschäftsmodelle, Marktfaktoren oder technische Lösungswege anbelangt, kann es sehr lange dauern, bis erste Erkenntnisse zum „Wie“ aus der Praxis vorliegen.

Kinder verhalten sich ganz anders, sobald sie mit neuen Aufgaben konfrontiert werden. Sie versuchen meist ohne großes Drumherum, zu einer Lösung zu gelangen und legen los. Was funktioniert und was nicht, stellt sich in der Umsetzung heraus. Die Frage lautet dann: Wie könnte es besser gehen?
Dieses unvoreingenommene Experimentieren mit Ideen und Handlungsoptionen wie auch das – oftmals unbeabsichtigte – Infragestellen eingefahrener Normen gelten als Voraussetzungen für kindliches Lernen. Erwachsene tun sich schwer damit, gehört das Festhalten an Konventionen und bewährten Abläufen doch vermeintlich untrennbar zum privaten und beruflichen Alltag.

Mit Blick auf die Notwendigkeit der schnellen Anpassung an nicht vorhersehbare Markt- und Wettbewerbsentwicklungen werden die richtigen Fragestellungen allerdings wertvoller als schematische, vorgefertigte Antworten, davon sind Bildungsexperten wie Tony Wagner und Paul Bottino von der Harvard University überzeugt. Der Wirtschaftsjournalist Warren Berger verarbeitete deren Erkenntnisse zusammen mit den Erfahrungen vieler kreativer und erfolgreicher Innovatoren in seinem Buch Die Kunst des klugen Fragens und zeigt auf, wie eine Kultur des Fragens bewusst gefördert werden kann.

Nur aggressive Fragen sind schädlich

In Unternehmen und Organisationen ist allerdings häufig eher das Gegenteil der Fall, auch das hat er bei seinen Recherchen herausgefunden. Wer zu viele Fragen stellt, gilt schnell als unbequem oder ineffizient. Ein Verhaltensmuster, das bereits in der Schule verinnerlicht wird: „Eine Belohnung gibt es nur für auswendig gelernte Antworten“, so Warren Berger mit Blick auf die chronisch mangelnde Ermunterung, als gesetzt geltende Erkenntnisse kritisch zu hinterfragen oder Aufgabenstellungen aus ungewohnten Fragestellungen heraus anzugehen.

„Fragen sind schädlich, wenn sie aggressiv gestellt werden, andere bloßstellen, unfaire Zweifel an den Ideen anderer schüren oder eine Kultur der Angst nähren.“ Hal Gregersen, Executive Director des MIT Leadership Center in Cambridge, betont die Bedeutung des bewussten und fairen Umgangs mit Fragen, um zu wirklich neuen Erkenntnissen und Veränderungsoptionen zu gelangen. Seine Erfahrungen aus der Forschung und der Beratung zahlreicher Unternehmen und Non-Profit-Organisationen zeigen, dass die Fokussierung auf Fragen statt Antworten auch bei Brainstorming-Prozessen zu überraschend positiven Ergebnissen führen kann.

Nach der von Gregersen entwickelten und erprobten „Fragenschwallmethode“ werden nicht Lösungsansätze oder Antworten auf Problemstellungen in den Mittelpunkt eines Brainstormings gestellt, sondern Fragestellungen rund um die Herausforderung oder „das Problem“. Antworten oder Erklärungen sind im ersten Schritt nicht zulässig – was für viele an diesem Vorgehen Beteiligte offenbar schwer auszuhalten ist. Hält man sich daran, werden oftmals auch Grundannahmen infrage gestellt, was zu neuen Bewertungen und letztlich zu besonders praktikablen Lösungen führen kann. Wichtig ist dabei gewissermaßen ein „Flow“ aus Folgefragen und letztlich die Umdeutung der gewonnenen Fragestellungen in mögliche Lösungswege.

Woran erkennt man nun kluge Fragen und wie kann man diese „kultivieren“? Sobald hinter einer Frage ein ehrliches Erkenntnisinteresse steht und nicht der Wunsch, eine erwartete Antwort zu erhalten oder eine vorhandene zu platzieren, bringt diese wohl gute Voraussetzungen mit sich. „Fragen sind am produktivsten, wenn sie offen statt geschlossen, kurz statt lang und einfach statt komplex sind“, rät Hal Gregersen.

Statt zu fragen: „Ist mit der Produktvariante A oder B für unser Geschäft die bessere Rendite zu erzielen?“ könnte eine kluge Frage lauten: „Wie würden unsere Kunden am liebsten ihre Aufgabe erfüllen?“ Aus diesem Ansatz heraus stehen letztlich vielleicht beide Produktvarianten infrage, weil keine der Kundenanforderung wirklich gerecht wird. Der Gewinn wäre eine Lösung, die einen überraschenden Kundennutzen bietet – und vielleicht sogar besser machbar ist, als alle gedacht hätten. (Frank Beck)

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