Freizeit und Reise

Abbild des Mittelalters – der Palazzo Ducale in Urbino. (Foto: Friedrich H. Hettler)

18.10.2022

Malerische Orte, traditionelles Handwerk

Die Marken – ursprüngliches Italien zwischen Apennin und Adriaküste

Die Marken, eine ostitalienische Region, liegen zwischen den Apenninen und der Adria. Ihre Hauptstadt Ancona liegt an der Riviera del Conero, einem Gebiet, das von Sandbuchten, Kalksteinklippen und mittelalterlichen Dörfern geprägt ist. Im Landesinnern findet man befestigte Bergsiedlungen und die Täler des Nationalparks Monti Sibillini. Im Norden grenzen die Marken an die Emilia-Romagna und die Republik San Marino, im Süden an die Abruzzen und im Westen an die Toskana, Umbrien und Latium. Die Region besteht aus den Provinzen Ancona, Ascoli Piceno, Fermo, Macerata und Pesaro-Urbino.
Diese ursprüngliche Region Italiens ist geografisch dreigeteilt. Im Ostteil, an der Adria gibt es Küstenebenen mit den drei Städten Ancona, Pesaro und Fano. Westlich anschließend, stellenweise unmittelbar hinter der Küste erhebt sich das Hügelland mit den alten Städten Urbino und Ascoli Piceno. Die Grenze zu Umbrien bildet der Umbrisch-Markesische Apennin, dessen höchste Erhebung der 2476 Meter hohe Monte Vettore ist. Im Südwesten schließt sich der Abruzzische Apennin an.

Der Begriff „Marken“ entstand aus der Bezeichnung Mark für ein Grenzgebiet des Heiligen Römischen Reiches. Erstmals taucht der Name Marca in der karolingischen Zeit auf, als Marca Fermana für den bergigen Teil von Picenum, Marca Camerinese für die nördlichere Gegend, die einen Teil Umbriens umfasste, und Marca Anconitana für die frühere Pentapolis.

1080 erhielt Robert Guiskard die Marca Anconitana als Lehen von Gregor VII., dem die Gräfin Mathilde von Tuszien die Marken Camerino und Fermo abtrat. Für 1105 ist dokumentiert, dass Heinrich IV. das gesamte Territorium der drei Marken unter dem Namen Mark Ancona vergab. Danach fiel es wiederum an die Kirche und wurde als Teil des Kirchenstaats von päpstlichen Legaten verwaltet.
Die Marken wurden 1860 Teil des Königreichs Italien. Dabei stimmten am 4./5. November 1860 die Wahlberechtigten für den Anschluss an Italien. Mit den Lateranverträgen von 1929 gab der Heilige Stuhl offiziell seinen Anspruch auf das Gebiet des ehemaligen Kirchenstaats und damit auch auf die Marken auf.

Eins der absoluten Highlights der Marken ist die kleine, auf einem Hügel liegende Universitätsstadt Urbino. Die rund 15 000 Einwohner zählende Stadt ist der wohl schönste, auf jeden Fall aber an Attraktionen reichste Ort der Marken. Schon von weitem sichtbar ist der Palazzo Ducale, Amtssitz der Dogen, der mächtigen Herzöge da Montefeltro und della Rovere. In der Renaissance erlebte die Stadt eine Blütezeit, in die unter anderem auch die Gründung der Universität (1506) fiel. Der bedeutendste Herrscher des Herzogtums Urbino war Federico da Montefeltro, er regierte von 1444 bis 1482.

Federico war einer der erfolgreichsten Condottieri seiner Zeit, ein vorsichtiger Diplomat und Förderer von Kunst und Literatur. An seinem Hof wirkten Piero della Francesca, Francesco di Giorgio Martini und Raffaels Vater Giovanni Santi. Federico stärkte seine Position durch eine Heirat mit Battista aus der mächtigen Sforza-Familie und die Verheiratung seiner Tochter mit Giovanni della Vore, dem Lieblingsneffen von Papst Sixtus IV., der im Gegenzug Federico den Herzogstitel verlieh.

Der Palazzo Ducale der Herzöge von Urbino ist das bedeutendste Bauwerk der Stadt. Es wurde unter Federico von Luciano Laurana, einem dalmatinischen Architekten, errichtet, der von Filippo Brunelleschis Bauten in Florenz beeindruckt war. Der Palast wurde im 20. Jahrhundert teilweise als Regierungsgebäude genutzt. Er beherbergt die Galleria Nazionale delle Marche, eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen der italienischen Renaissance.
Absolut sehenswert ist auch die Oratorio di San Giovanni. Die ursprünglich einem Spital zugeordnete Kapelle an der Via Mazzini aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts bekam 1908 eine neugotische Fassade. Das Holzgewölbe des Oratoriums hat die Form eines Schiffsrumpfs. Die Bekanntheit dieser Kirche rührt von der Ausmalung im Inneren; auf der rechten Wand befinden sich Fresken der in den Marken geborenen Brüder Lorenzo und Jacopo Salimbeni mit Szenen aus dem Leben Johannes’ des Täufers. Auch die Darstellung der Kreuzigung von 1416 über dem Hauptaltar stammt von den Brüdern Salimbeni. Das Ensemble gehört zu den Hauptwerken des Internationalen oder Weichen Stils der Gotik um 1400 in Italien. Ihre Kennzeichen sind spielerische Eleganz, Liebe zum kostbaren Detail und Sinn für Phänomene der Natur und Landschaft.

Etwas außerhalb der Stadtbebauung liegt die Kirche San Bernardino, die Grablege der Herzöge von Urbino. Der Bau wurde nach einer Vorgabe von Federico da Montefeltro zwischen 1482 und 1491 erbaut, um dem Herzog, seiner Frau und deren Nachkommen als Begräbnisort zu dienen. Architekt war Francesco di Giorgio Martini, der von dem jungen und schon vielversprechenden Donato Bramante unterstützt wurde. 
Reich an Geschichte, Kultur und Traditionen ist auch das Städtchen Offida, das zu den „Borghi piú belli d’Italia“, den schönsten Dörfern Italiens gehört. Die Ortschaften dieses Verbands werben mit ihrer jeweilig einzigartigen Charakteristik. Diese Orte verstehen ihre Aufgabe nicht allein in der Tourismusförderung, sondern auch in der Bewahrung und Restaurierung von historischen Gebäuden und Denkmälern, die oftmals in Gefahr sind, verloren zu gehen.

Bekannt ist Offida insbesondere durch das Handwerk des Klöppelns. Der Tourist, der mit einem natürlichen Entdeckerdrang ausgestattet durch die engen Gassen und Sträßchen Offidas spaziert, wird mit Sicherheit, vor allem im Sommer, auf Frauen jeden Alters treffen die vor den Eingängen ihrer Häuser sitzen und gemeinsam Klöppeln. Bei näherer Betrachtung wird man überrascht sein mit welcher Geschicklichkeit die Künstlerinnen mit Klöppel, Fäden und Nadeln hantieren, wobei sie diese wertvolle Kunst von Generation zu Generation weitergeben. Die Spitzen werden auf einem Klöppelkissen, das auf einer Holzstruktur liegt, gearbeitet.

Man kann nicht mit Sicherheit sagen, wann und wie das Klöppeln in Offida eingeführt wurde. Fresken, Gemälde, Bücher von Mustervorlagen und dazu die historischen Angaben, die ab dem 16. und 17. Jahrhundert erschienen, sind die Hauptquellen, aus denen man sich ein Bild über die Produktion der ersten offidanischen Spitzen machen kann. Das erste Dokument, dass sich auf Klöppelspitzen aus Offida bezieht, datiert auf das Jahr 1511. In diesem Dokument wird eine Schenkung wertvoller Klöppelspitzen seitens Offidas an die Kirche des heiliges Kreuzes erwähnt, um ein Ende der Pest von 1507 zu erbitten.

Im 17. Jahrhundert war das Fertigen von Klöppelspitzen nicht nur eine florierende Handwerkskunst, sondern auch eine wichtige Einnahmequelle für viele ortsansässige Familien. Mit einer sich steigernden Produktion stieg auch die Qualität und Feinheit der Spitzen, sodass die Handarbeiten bei den Händlern sehr gefragt waren.

Im Zuge der Entwicklung und Verbreitung der Textilindustrie, der Verbesserung der hygienischen Zustände und des Wunsches einer verbesserten Lebenqualität, kam es im 18. Jahrhundert zu einer weiteren Nutzung der Klöppelspitzen, indem man die immer mehr verbreitete Damenunterwäsche durch Spitzenapplikationen eleganter gestaltete. Dies eröffnete eine neue Einnahmequelle und war für die Frauen eine Möglichkeit ihre Kreativität zum Ausdruck zu bringen.

Eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Offidas ist die Kirche Santa Maria della Rocca, die sich zum Zeitpunkt ihrer Erbauung außerhalb der Stadt befand. Wo heute die Kirche steht erhob sich einst eine Burg aus langobardischer Zeit, an die eine kleine Kirche angeschlossen war. Die Form der Kirche erinnert eher an eine Festung als ein Gotteshaus. Es wurde von den Benediktinern direkt auf einer anderen, noch älteren Kirche aus dem Jahr 1000 erbaut, die heute die Krypta darstellt. Absolut sehenswert sind im Inneren die Fresken. sowohl in der Krypta als auch in der Kirche.

Die kleine Stadt Castelfidardo an der Adria ist seit mehr als 130 Jahren das Akkordeonzentrum des Landes. Viele weltbekannte Akkordeon-Hersteller sind dort angesiedelt. Einer dieser Hersteller ist die Firma Dino Baffetti & C. Baffetti bietet eine Vielzahl verschiedener Modelle an: Klavier-Akkordeons, traditionelle diatonische Handharmonikas und Club-Modelle. Alle Instrumente werden von Hand gefertigt und sind das Produkt von traditioneller Handwerkskunst vereint mit moderner technologischer Forschung. Das Ergebnis sind Akkordeons von hervorragender Qualität.

Baffetti legt großen Wert darauf, dass seine Instrumente den Einflüssen der Zeit widerstehen. Deshalb ist auch das kleinste technische Detail mit größter Sorgfalt gearbeitet. Neben der technischen Perfektion achtet Baffetti darauf, dass auch die optischen Details stimmen. Ein Akkordeon soll ja nicht nur für einen Ohrenschmaus sorgen, sondern auch eine Augenweide sein.

Aber auch sportlich kann man die Marken erkunden wie zum Beispiel während einer E-Bike-Tour, einer Kanu-Tour in den tiefen Schluchten der Marmitte dei Giganti in Fossombrone oder einer Wanderung im Naturpark Monte San Bartolo. Dieser Küstenweg führt an der Steilküste entlang und gewährt spektakuläre Ausblicke aufs Meer und die umliegenden Dörfer und Hügel der Marken.

Die Kulinarik kommt in den Marken ebenfalls nicht zu kurz. Wer es bodenständig, deftig und traditionell gerne mag, sollte sich auf alle Fälle einen Platz im Agriturismo Fiorenire oder/und im Agriturismo La Valle del Vento sichern. Das Restaurant des Agriturismo Fiorenire befindet sich im Erdgeschoss eines Bauernhauses aus dem 18. Jahrhundert, das in den 2000er-Jahren renoviert wurde, wobei die ursprünglichen Designs und Strukturen respektiert wurden. Die Küche ist eine Kombination aus Innovation und Tradition, basierend auf der Verwendung von biologischen und lokalen landwirtschaftlichen Produkten. Jeder einzelne Gang den Clara Francesco hier auftischt ist ein Gedicht.

Wer selbst Hand anlegen will beim Zubereiten einer Spezialität, dem sei ein Kochkurs im Agriturismo La Valle del Vento nahe Urbino ans Herz gelegt. Hier kann man zum Beispiel lernen wie Crescia Sfogliata Urbinese zubereitet wird. Crescia ist ein italienisches Fladenbrot, das für die Regionen Marken und Umbrien typisch ist und sich im Laufe der Zeit in verschiedenen Variationen verbreitet hat. Die Crescia von Urbino, auch Crescia sfogliata genannt, wird aus Mehl, Eier, Milch, Schweineschmalz, Salz und Pfeffer hergestellt. Der Geburtsort der Crescia sfogliata wird den Küchen des Herzogpalastes von Urbino zugeschrieben.

Die Marken bieten alles, was sich ein Tourist*in von einem Urlaub erwartet, malerische Ortschaften, mittelalterliche Burgen, Hügel und Täler, Strände und Meer, tausendjährige Geschichte und Moderne sowie Kunst, Kultur und Kulinarik. (Friedrich H. Hettler)
 

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