Reisen

Votivtafeln in der Wallfahrtskirche Maria Mühlberg. (Foto: Hettler)

27.05.2011

Papsthaus, Jacklturm und Ludwig II.

Unterwegs im Chiemgau mit dem Rad von Waging über Traunstein nach Seeon und Herrenchiemsee

Ein Freitag im Mai am Waginger See. Am Tag zuvor hatte der Himmel nach schwül-heißen Temperaturen seine Schleusen geöffnet und es herrschte fast Land unter, doch jetzt ist von alledem nichts mehr zu sehen, außer ein paar Pfützen. Die Sonne lacht und verheißt bei angenehmen Temperaturen eine interessante und sehenswerte Radtour von Waging über Traunstein bis zum Kloster Seeon. Damit die rund 45 Kilometer lange Tour nicht zu anstrengend wird, schwingen wir uns auf Elektroräder, die „Pedelecs“ der Priener Radschmiede additive bikes. Die Batterie auf dem Gepäckträger beschleunigt die Fahrt geräuschlos in drei Stufen auf bis zu 25 Kilometer pro Stunde. Unsere Etappe ist Teil des 248 Kilometer langen Benedikt-Radwegs, der die Geburtsstadt des heutigen Papstes mit den Orten seiner Jugendzeit verbindet. Und einer der schönsten Streckenabschnitte führt durch den Chiemgau, von See zu See zu See.

Markttag in Traunstein


Das erste Etappenziel erreichen wir nach einem langgezogenen „Aufstieg“ mit der Wallfahrtskirche Maria Mühlberg. Das Kirchlein liegt auf einem Hügel vor Waging und gibt einen herrlichen Blick auf das Geschwisterpaar Waginger und Tachinger See frei. Die Wallfahrtskirche ist seit mehr als 250 Jahren Ziel von Wallfahrern aus dem Rupertiwinkel und dem Chiemgau. In der Kirche befindet sich der Schrein des heiligen Märtyrers Viktor, einem Katakomben-Heiligen, den ein Bauer von einer seiner zahlreichen Pilgerreisen aus Rom mitgebracht hatte. Gefasst wurden die Gebeine von den Nonnen auf Frauenchiemsee.
Das Interessanteste in der Kirche sind aber die Votivtafeln, die sowohl an den Wänden hängen, als auch an der Decke der Empore befestigt sind. Maria Mühlberg verfügt über einen der größten Bestände an Votivtafeln im südostbayerischen Raum. Über 400 Votivtafeln zeugen von einer tiefen Gläubigkeit. Das älteste Votivbild geht bis in das Jahr 1671 zurück.
Bevor die Gruppe St. Leonhard am Wonneberg erreicht, müssen wir aber noch ganz schön in die Pedale treten und das trotz Elektrounterstützung. Die ehemalige Wallfahrtskirche mit ihrem vierfachen Zwiebelturm beherrscht bereits von Weitem das Ortsbild. Im Inneren befinden sich spätgotische Fresken, die erst in den 1980er Jahren freigelegt wurden. Jedes Jahr im November findet hier der Leonhardiritt mit Tiersegnung statt. Der heilige Leonhard gilt als Schutzpatron der landwirtschaftlichen Tiere, insbesondere der Pferde.
Die Natur geizt in diesen Tagen nicht mit ihren Reizen. Saftiges Grün, bunte Wiesenblumen, wogende Wintergerste im Wind, Natur pur. Die Wege führen an Wiesen sowie Feldern vorbei und bringen die Radler nach Hufschlag zum ehemaligen Wohnhaus der Familie Ratzinger. Dort wohnte Joseph Ratzinger, der heutige Papst Benedikt XVI., mit seinen Eltern und Geschwistern von 1937 bis 1951. Ins Haus darf man nicht, aber von außen wirkt das Anwesen immer noch gut in Schuss.
Von Hufschlag hat man einen schönen Blick auf Traunstein, das städtische Herz des Chiemgaus. Täglich gingen Joseph und sein Bruder Georg Ratzinger vom elterlichen Anwesen zur Schule in die nahe gelegene Kreisstadt. Der Weg führte sie über einen Hügel, auf dem das Ettendorfer Kircherl steht und den Blick auf „Hochfelln“ und „Hochgern“ freigibt – die beiden Aussichtsberge oder vielmehr die Dachterrassen des Chiemgaus.
Am Freitag ist Markttag auf dem Traunsteiner Marktplatz. Von selbstgemachter Marmelade über Obst und Gemüse, Backwaren bis hin zu Wurst und Fleisch, das Angebot ist reichhaltig und vor allem regional. Interessant ist auch die Geschichte des Traunsteiner Jacklturms. 1851 abgebrochen, da bei einem Brand zerstört, und knapp 150 Jahre später wieder aufgebaut. Die Rekonstruktion erfolgte, ohne genaue Pläne des historischen Turms zu haben. Allerdings fügt sich der „neue“ Jacklturm harmonisch ins Traunsteiner Altstadtbild mit seinen liebevoll restaurierten Bürgerhäusern und schließt gekonnt eine zuvor bestehende Lücke in der Silhouette der Stadt.
In der Pfarrkirche St. Oswald feierten Joseph und Georg Ratzinger am 8. Juli 1951 dann auch ihre Primiz. Ihre Eltern hatten damals Sorge, so heißt es, dass die Traunsteiner lieber an dem zur gleichen Zeit stattfindenden Radrennen teilnehmen könnten, statt an der Primizfeier ihrer Söhne. Die Sorge war unbegründet. Zahlreich strömten die Chiemgauer zum Kirchenfest und eines ist sicher: Auch damals schon kamen viele mit dem Rad.
Von Traunstein geht es nach einer kleinen Rast weiter an den Chiemsee, das „Bayerische Meer“. Glitzernd und ruhig liegt der See vor uns in der Nachmittagssonne, eine leichte Brise weht, sanft umspült das Wasser das Kiesbett. Wir genießen die Stille und atmen die frische Seeluft ein. Über Schützing, mit seiner kleinen Badebucht, geht es weiter nach Seebruck und von dort sind es nur noch wenige Kilometer bis zum letzten Stopp: dem ehemaligen Benediktinerkloster Seeon. Das Kloster lag früher auf einer Insel, die jetzt jedoch durch eine Aufschüttung mit dem „Festland“ verbunden ist.
Auch mehr als 200 Jahre nach den Benediktinern ist Kloster Seeon – heute Kultur- und Bildungszentrum des Bezirks Oberbayern – noch ein Haus der Ruhe und Gastlichkeit. Die ehemaligen Mönchszellen sind heute komfortable Wohnräume. Auch Wolfgang Amadeus Mozart war wiederholt bei den Benediktinern zu Besuch und komponierte für das Kloster.

Götterdämmerung


Wer dieser Tage den Chiemgau besucht, ist nicht nur gut beraten, diesen Landstrich mit dem Rad zu erkunden, sondern sollte auf alle Fälle auch Herrenchiemsee und die dort stattfindende Bayerische Landesausstellung 2011 „Götterdämmerung – König Ludwig II“ im Neuen Schloss besuchen. Für die Ausstellung wurden neben den Prunkräumen erstmals die unvollendet gebliebenen Zimmerfluchten geöffnet.
Ludwig II. gehört zu den berühmtesten Persönlichkeiten der europäischen Geschichte und die ganze Welt bewundert seine Schlösser. 125 Jahre nach seinem Tod widmet sich die absolut sehenswerte Landesausstellung der Geschichte eines „Unzeitgemäßen“, der zur Ikone der Moderne wurde. Die Ausstellung ist in fünf Akte unterteilt: Wie Ludwig König wurde – Wie der König Krieg führen musste und einen Kaiser über sich gesetzt bekam – Wie der König seine Gegenwelten schuf – Wie Ludwigs Königreich modern wurde – Wie Ludwig starb und zum Mythos wurde. Die Ausstellung enthält sich jeder „Todes-Theorie“, vielmehr rekonstruiert sie, so weit dies aufgrund von Dokumenten und Fakten möglich ist, die letzten Stunden Ludwigs. Ob Mord, Selbstmord oder Unfall, diese Frage muss jeder Besucher für sich selbst beantworten.
Besonders faszinierend sind die 3-D-Simulationen, die die ungebauten Träume des Königs erstehen lassen: Schloss Falkenstein, den Flug über den Alpsee oder einen chinesischen Palast inmitten der alpinen Bergwelt. Neben solchen Inszenierungen sind persönliche Gegenstände Ludwigs die „Stars“ der Ausstellung. Sie zeichnen sein Leben von der Wiege bis zur Bahre nach.
Noch eine kleine, aber interessante Randnotiz: Aufgrund einer Bitte der Chiemseegemeinden kaufte Ludwig II. 1873 Herrenchiemsee den Besitzern, einem württembergischen Holzhändler-Konsortium, für 350 000 Gulden ab, um die Abholzarbeiten auf der Insel zu stoppen. So wurde der König zu einem ersten staatlichen „Umweltschützer“. (Friedrich H. Hettler)

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