Freizeit und Reise

Die Saußbachklamm in der Nähe von Waldkirchen. (Foto: Friedrich H. Hettler)

04.10.2021

Schiefweg, Haidel und Gabreta

Auf Entdeckungstour in Waldkirchen und seiner Umgebung

Dem „Goldenen Steig“ verdankt Waldkirchen seine Entstehung, die an die erste Jahrtausendwende zurückreicht. Als im 11./12. Jahrhundert die Besiedlung des „Nordwaldes“ von Passau aus voranschritt, wurde nahe dem Salzweg nach Böhmen ein neuer Pfarrsitz gegründet: die „Kirche im Wald“. Die erste nachweisbare Erwähnung des Ortes erfolgte 1203.

Die Passauer Bischöfe, seit der Wende zum 13. Jahrhundert Herren dieses Landstrichs, gaben Waldkirchen das Marktrecht (1285). Der Passauer Fürstbischof Bernhard von Prambach bestätigte im Jahr 1300 das Marktrecht, die alleinige Salzniederlage im Passauer Abteiland und den Straßenzwang. Die Säumer mussten hier nach einem Tagesmarsch von Passau beziehungsweise Wallern kommend Herberge nehmen und die Pferde versorgen, während die Bauern der Umgebung ihre Erzeugnisse feilbieten konnten. Die daraus entstandenen Wochenmärkte sowie ein aufblühender Salzhandel brachten schon sehr bald Wohlstand in die Mauern Waldkirchens.

Jedoch gelang es den Waldkirchnern später nicht, die Rechte für den damals einträglichen Salzhandel zu verteidigen. Das Marktrecht galt bis 1806. Nach mehrmaliger Bedrohung des Marktes, unter anderem im Jahr 1458 durch das böhmische Heer unter Kaplirz de Sulewicz, ließ der Passauer Bischof Ulrich von Nußdorf daraufhin zwischen 1460 und 1470 eine Ringmauer mit zehn Türmen und zwei Torbauten errichten. Allerdings sind nur noch wenige Teile der Befestigung erhalten.

Sechs verheerende Marktbrände suchten Waldkirchen in den folgenden Jahrhunderten heim. Der letzte ereignete sich nach Beschuss durch amerikanische Truppen in den letzten Kriegstagen am 26. April 1945.
Ein ungebrochener Aufbauwille der Bürger*innen ließ Waldkirchen zu allen Zeiten immer wieder neu erstehen. Seit jeher nahm Waldkirchen als wirtschaftlicher und kultureller Mittelpunkt eine bedeutende Stellung im südlichen Bayerischen Wald ein.

Radabweiser am Marktplatz

Nach etwa tausendjähriger Entwicklung wurde der Markt 1972 zur Stadt erhoben. Waldkirchen ist heute nicht nur die einwohnerstärkste und jüngste Stadt im niederbayerischen Landkreis Freyung-Grafenau, sondern ein staatlich anerkannter Kur- sowie Erholungsort und im Landesentwicklungsprogramm zusammen mit der Stadt Hauzenberg als Mittelzentrum ausgewiesen.

Eine Besonderheit Waldkirchens ist die Familie der Radabweiser am Marktplatz. Zunächst waren solche Steine funktionale Hilfen. Als hier noch Viehmärkte abgehalten wurden und sich das Leben in den Geschäften und Wirtshäusern des Marktplatzes und der Seitengassen abspielte, waren zahlreiche Pferdefuhrwerke unterwegs. Um die Hausecken und -wände zu schützen, wurden granitene Steinsäulen aufgestellt, die die Räder der Fuhrwerke abwiesen. Mitte des 19. Jahrhunderts schuf Matthias Hausbäck die Hochzeiter-Figur. Alle anderen Figuren, wie zum Beispiel der Säumer, der Kaufmann, der Torwächter, der Herr Marktrichter und die Stoanerne Gretl, sind wesentlich jüngeren Datums.

Heute ist Schiefweg ein Ortsteil von Waldkirchen. Hier wurde 1874 Emerenz Meier geboren, die zu den bedeutendsten Dichterinnen Bayerns zählt. Ihre Gedichte und Geschichten aus dem Alltag der einfachen Leute werden schon zu ihren Lebzeiten gern gelesen. Allerdings zwingt die wirtschaftliche Not Meier, nach Amerika auszuwandern. In Chicago findet sie zwar eine neue Heimat, doch vor allem durchlebt sie dort das tragische Schicksal einer Emigrantin, deren Hoffnungen sich nicht erfüllen.

Das Auswanderermuseum „Born in Schiefweg“ im Emerenz-Meier-Haus erzählt die Geschichte der Auswanderung aus dem Bayer- und Böhmerwald nach Amerika im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Gleichzeitig wird Emerenz Meiers eigenständiger Platz in der bayerischen Literaturlandschaft aufgezeigt und ihr Mut herausgestellt, sich als Frau in der damals ausschließlich von Männern dominierten Gesellschaft behauptet zu haben. Das Museum umfasst acht Themenräume im Obergeschoss des Emerenz-Meier-Geburtshauses. Ein sehr interessantes und sehenswertes Museum.

Ach ja, komfortabel und stylisch übernachten sowie hervorragend essen können Gäste in Waldkirchen auch, beides insbesondere im 2018 eröffneten Hotel Herzstück von Claus Löfflmann, direkt am Marktplatz.

Von Waldkirchen aus lassen sich zahlreiche kleinere oder größere Touren auf Schusters Rappen oder dem Drahtesel unternehmen. So liegt zum Beispiel die Saußbachklamm in unmittelbarer Nähe von Waldkirchen. Die Klamm ist ein wildromantisches Naturschutzgebiet. Moose, Farne und Wald-Geißbart wetteifern am rauschenden Bach Erlau um die Gunst der besten Plätze im schattigen Waldtal. Gewaltige Granitblöcke bestimmen die sechs Kilometer lange Tour.

Als Saußbach wird eigentlich nur ein Abschnitt am Oberlauf der Erlau bezeichnet. 1885 ließ die Marktgemeinde Waldkirchen am oberen Eingang zur Saußbachklamm ein Schwimmbad anlegen, das in der Folgezeit immer wieder wegen seines, wie es im Bayerwald-Führer (Deggendorf 1904) heißt, „quellfrischen, nervenstärkenden Perlwassers von den gesammelten Bergquellen“ angepriesen wurde. Heute wird das ehemalige Freibad als Fischweiher genutzt.

1939 wurde die Saußbachklamm als offizielles Naturschutzgebiet ausgewiesen, was sie aber auch dann noch nicht unbedingt vor störenden Einflüssen bewahrte. Erwähnt seien hier nur die späteren großflächigen Fichten-Aufforstungen auf den Saußbachwiesen und Hängen am rechten Bachufer. Schon relativ lange wurde Wasser vom Saußbach abgezweigt und über den auch heute noch existierenden „Kanal“ als Marktbach zum Waldkirchener Marktplatz geleitet. Der bereits erwähnte Passauer Bischof Ulrich von Nußdorf nutzte zur Speisung der Gräben der Befestigung des Marktes das Wasser vom Saußbach. Beim Wehr oberhalb der Saußbachklamm erfolgte die Abzweigung. Über den „Graben“, der 1968 endgültig aufgelassen wurde, gelangte das Wasser zum Marktplatz. Das Wasser diente unter anderem zur Trinkwasserversorgung, zum Wäschewaschen, zur Brennholztrift, für Seifensiederei und Gerberei sowie für die Brauerei.

Rund 20 Kilometer von Waldkirchen entfernt liegt Ringelai. Das Besondere an dieser Gemeinde ist das absolut sehenswerte Keltendorf Gabreta. Profundes Wissen über das Leben der Kelten und das vor allem sehr professionell, aber trotzdem äußerst anschaulich und interessant, präsentiert, gibt es bei einer Führung durch Gabreta. Ein absolutes Muss für jeden Besucher.

Dieser archäologische Erlebnispark lädt zum hautnahen Eintauchen in die Zeit und das Leben der Kelten ein. Nachgebaute frühgeschichtliche Häuser bilden die Kulisse für Gabreta, in dem das tägliche Leben unserer keltischen Vorfahren anschaulich wiedergegeben und praktisch erlebbar wird.

Weben, backen, töpfern

Besucher*innen, Eltern wie Kinder können hier aktiv beim Bau neuer keltischer Häuser mitarbeiten oder alte keltische Handwerkstechniken ausprobieren. Weben, backen und töpfern nach traditionellem keltischem Vorbild ist nicht nur lehrreich, sondern macht vor allem Spaß.

Auf Äckern und Weiden wird die Landwirtschaft und Tierhaltung der keltischen Zeit anschaulich dargestellt. Familien können sich im Keltendorf Gabreta selbst bei Aussaat, Ernte und Tierbetreuung beteiligen. Namensgebend für das Keltendorf ist der antike Name „Gabreta“ für das bayerisch/böhmische Waldgebirge. Die Kelten selbst waren etwa seit dem 8. Jahrhundert vor Christus in Mittel- und Westeuropa ansässig und bildeten eines der bedeutendsten Völker Europas.

Das keltische Wirtschaftsleben basierte auf Ackerbau und Viehzucht (besonders Pferde), Salzbergbau, Münzprägung (Gold) und regem europaweitem Handel. Die Großsippe mit einem Stammesfürsten an der Spitze war die Grundlage der politischen Organisation. Gleichermaßen Priester, Lehrer, Arzt, Richter und Zauberer war der Druide, der sein Wissen nur mündlich weitergab.

Es war Paul Freund, ein Einheimischer, der durch seine Beharrlichkeit und Sammelleidenschaft den Beweis erbrachte, dass in Ringelai bereits eine Keltensiedlung gewesen sein musste. Im Rahmen eines archäologischen Forschungs- und zugleich Sozialprojekts wurden dann die Bauten und das Dorfwesen rekonstruiert.

Von Ringelai ist es nicht weit zur Ilz. Sie ist mit einer Länge von 68 Kilometern ein Nebenfluss der Donau und wird wegen ihrer schwärzlichen Farbe oft auch „Die Schwarze Perle“ genannt. Das Ilztal gehört zu den letzen Wildflusslandschaften Bayerns. Sie entspringt im Nationalpark Bayerischer Wald an den Hängen von Rachel und Lusen. Die Färbung stammt von den ausgewaschenen Huminstoffen der Moore und Fichtenwälder in diesem Gebiet. Viele kleine Quellen, Bäche und Hochmoore nähren die Quellflüsse Große Ohe, Kleine Ohe und Mitternacher Ohe, die sich an der Ettlmühle bei Eberhardsreuth zur Ilz vereinen.

Wirtschaftlich wurde der Fluss bis ins 19. Jahrhundert zur Holztrift genutzt. Etwa sechs Wochen dauerte die Trift vom inneren Bayerischen Wald bis nach Passau. Jährlich wurden dorthin bis zu 100 000 Ster Holz verfrachtet. Relikte dieser Zeit sind noch heute sichtbar: Klausen (kleine Wasserspeicher) und Triftkanäle in den Wäldern oder die Triftsperre und der Trifttunnel bei Hals.

Das Tal der Ilz bevölkern schätzungsweise mehr als 20 000 verschiedene Tierarten. In der Ilz kommt auch die Flussperlmuschel vor, ebenso der Flusskrebs als Indikatoren für die besonders hohe Wasserqualität.
Rund eine halbe Stunde östlich vom Ort Grainet, mitten im Wald, befindet sich das Kohlstattbrünndl. Das Kapellenensemble am Fuße des Bergs Haidel ist ein Platz zum Innehalten, Nachsinnen und zur Ruhe kommen. Der Kreuzweg mit 14 Granitsäulen leiten und begleiten vom Hobelsberg zum Wallfahrtsort Kohlstattbrunn, der 1753 entstand.

„Lorenz Seidl, Häusler von Frauenberg, ging an einem Sonntag im September 1753 in die Pfarrkirche nach Grainet. Er hatte ein Gewehr bei sich und erblickte auf dem Weg einen Hasen. Er ging diesem lange nach. Jetzt läutete man zum Gottesdienst und ganz erzürnt verfluchte er den Hasen. Schwarz kam er unter seinen Arm. Er flehte zu Jesus und Maria und der Hase war verschwunden.“

Das verlassene Dorf

Dieser Text findet sich auf dem ältesten Votivbild in der Waldkapelle in Kohlstattbrunn mit dem Titel „Ursprung der Wohlfahrt“. Der Legende nach errichtete dieser Jäger später aus Dankbarkeit über seine Rettung vor dem Teufel in Gestalt eines schwarzen Hasen an dieser Stelle eine Wallfahrtskapelle. Diese wird das ganze Jahr über von Wallfahrer*innen besucht, einen ganz besonderen Zulauf erhält die kleine Waldkapelle aber alljährlich am Tag Mariä Himmelfahrt (15. August). Denn an diesem Tag findet in Kohlstattbrunn bei der Kapelle eine Heilige Messe im Freien statt.

Seinen Namen erhielt der Wallfahrtsort von einer Quelle, dem Kohlstattbrunnen. Der Brunnen wurde bereits im 18. Jahrhundert als Wallfahrtsziel genutzt, denn das quellfrische Trinkwasser diente Augen- und Halskranken als Heilwasser.

Quasi der Hausberg von Grainet ist der Haidel, ein 1165 Meter hoher bewaldeter Berg. Charakteristisch für den Gipfel, der einen flachen Rücken bildet, sind zwei weithin sichtbare Bauwerke: ein Aussichtsturm und ein Sendeturm der Deutschen Telekom AG.

Am Osthang des Haidel, oberhalb von Haidmühle, bilden einige Bäche die Kalte Moldau. Im Mittelalter führte ein Salzhandelsweg, einer der sogenannten Goldenen Steige, von Passau über den Berg in Richtung Prachatitz in Böhmen.

Als 1925 ein schwerer Sturm den Wald auf dem Gipfelrücken des Haidel kahl schlug, erkannte man die hervorragende Aussicht, die sich vom Gipfel aus über die Hügel des Bayerischen Waldes und des Böhmerwaldes bis hin zu den Alpen bot. Um diese Aussicht zu erhalten, wurde, bevor der Gipfel wieder bewaldet war, 1934 ein erster 15 Meter hoher Aussichtsturm aus Holz erbaut. Der mittlerweile dritte Haidel-Aussichtsturm ist 35,16 Meter hoch und aus Douglasien- und Lärchenholz gefertigt. Über 159 Stufen gelangt man zur 30,33 Meter hohen Aussichtsplattform.

Nicht allzu weit vom Aussichtsturm auf dem Haidel entfernt befindet sich Leopoldsreut oder „Sandhäuser“, ein auf 1110 Metern gelegenes und seit 1963 verlassenes Dorf in der Gemeinde Haidmühle im niederbayerischen Landkreis Freyung-Grafenau. Der damalige Landesherr des Hochstifts Passau, Fürstbischof Leopold V., veranlasste 1618 auf der Höhe des Haidels ein Walddorf mit neun Anwesen zur Grenzsicherung anzulegen und nach ihm zu benennen; die Endung „-reut“ bedeutet „roden“. Heute stehen nur noch die neu instandgesetzte Kirche, die ehemalige Schule, die früher die höchstgelegene Schule Deutschlands gewesen war, und das ehemalige Forsthaus. (Friedrich H. Hettler)

 

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