Freizeit und Reise

Wild romantisch präsentiert sich die Pöllatschlucht unterhalb von Schloss Neuschwanstein. (Foto: Friedrich H. Hettler)

08.07.2020

Vom Wasserdoktor zum Gesundheitspionier

Sebastian Kneipp und seine Naturheilverfahren im Allgäu entdecken

Von ungeahnter Aktualität ist derzeit Sebastian Kneipp (1821 bis 1897): Erstmals wurde er im Februar 1853 wegen Kurpfuscherei angeklagt, weil er eine an Cholera erkrankte Frau behandelte. Weitere Anzeigen von Ärzten und Apothekern folgten. 1854 brach eine Cholera-Epidemie in München aus und verbreitete sich, auch ins Allgäu.

Kneipps Vater war der erste Tote in seinem Geburtsort Stephansried. Zu dieser Zeit war Kneipp als Kaplan in nahen Boos, und als dort die Epidemie ausbrach, heilte er trotz Unterlassungserklärung die Menschen, was ihm den Namen „Cholera-Kaplan“ einbrachte. Und eine Versetzung, zunächst nach Augsburg, dann nach Bad Wörishofen.

Welche Bedeutung das Naturheilverfahren von Sebastian Kneipp heute für uns hat, kann der Allgäubesucher unter anderem bei zahlreichen Wanderungen erleben.

Der Gast wandert beispielsweise auf ausgewählten Etappen der Wiesengänger-, Wasserläufer- und Himmelsstürmer-Route der Wandertrilogie Allgäu, einem 876 Kilometer langen Weitwanderwegenetz. Die drei Routen der Wandertrilogie machen drei Landschaftsbilder und Höhenlagen des Allgäus erlebbar, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Als Genusswanderer ist man dabei auf den Glückswegen der Wiesengänger-Route im Kneippland Unterallgäu und im Schlosspark Ostallgäu auf der Wasserläufer-/Himmelsstürmer-Route unterwegs.

Eine tolle Route ist zum Beispiel die Wasserläufer-Himmelsstürmer-Route von Füssen über Hohenschwangau, vorbei am Schwan- und Alpsee, hinauf zum Tegelberghaus auf über 1700 Metern. Dabei sollte man aber einen Abstecher über die Pöllatschlucht einlegen. Nach dem Aufstieg aus der wild-romantischen Schlucht kommt man schließlich auf der Marienbrücke mit ihrem phänomenalen Blick auf Schloss Neuschwanstein an. Von dort geht es dann auf einem gewundenen Pfad, zumeist im Wald, rund 900 Höhenmeter bergauf. Der Weg ist, von ein paar etwas schwierigeren, aber nur kurzen Teilstücken abgesehen, sehr gut begehbar und bietet immer wieder tolle Blicke auf Ludwigs Märchenschloss Neuschwanstein, Hohenschwangau, den Schwan-, Alp- und Forggensee. Am Tegelberghaus angekommen, hat man sich dann wahrlich eine deftige Brotzeit verdient. Runter geht es schließlich weniger beschwerlich mit der Tegelbergbahn.

Füssen hat in Sachen Kur und Gesundheitsurlaub eine mehr als hundertjährige Tradition und ist einer der meistprädikatisierten Kurorte in Deutschland. Die Kernstadt selbst ist Kneippkurort, der Ortsteil Bad Faulenbach Moorheilbad sowie Kneippkurort und der Ortsteil Weißensee Luftkurort. Hopfen am See trägt die Prädikate Kneippkurort und Luftkurort.

Der Schwerpunkt der Gesundheitsdestination lag immer schon auf der Kneipptherapie, die heute zeitgemäß interpretiert wird. So laden die im Hopfensee schwimmende Kneippinsel und die durch alle Ortsteile führende Kneipp-Radrunde dazu ein, die Gesundheitslehre des Allgäuer „Wasserdoktors“ kennenzulernen und unkompliziert einmal auszuprobieren. Auch der Leitgedanke „Ankommen und Aufbrechen“, der sich durch die Gesundheits- und Wellnessangebote der Füssener Sanatorien und Kurhotels zieht, orientiert sich an den Ideen Kneipps.

Ankommen: Das meint langsam werden, sich Zeit nehmen, um den mentalen Akku aufzuladen und das innere Gleichgewicht zu stärken. Kneipp hat das „innere Ordnung“ genannt und für lebenswichtig gehalten. In seiner Nachfolge setzen die Gesundheitsgastgeber auf ganzheitlich orientierte Therapieangebote bis hin zu Gesundheits-Coaching und Work-Life-Balance. Und auch die herrliche Landschaft zwischen Alpengipfeln und sanften Voralpenhügeln unterstützt die Entschleunigung.

Gesunder Schlaf ist wichtig

Da im kommenden Jahr Kneipps 200. Geburtstag gefeiert wird, kann sich der Gast auch auf die Spuren des Naturheilkundlers begeben und dabei unter anderem mehr über das Konzept „Gesunder Schlaf mit Kneipp“ in Füssen erfahren. Zu erwähnen ist, dass Kneipps Naturheilverfahren ins immaterielle Weltkulturerbe aufgenommen worden ist.

Im Zeitalter von Multitasking, dichter Reizbelastung, hohem Arbeitstempo sowie dem Spagat zwischen Beruf und Familie führen viele Menschen ein „übermüdetes“ Leben, und die Zahl der Patienten mit lebensstilbedingten Schlafstörungen nimmt ständig zu. Im Kneippkurort Füssen können diese Menschen mithilfe der traditionsreichen Kneipptherapie ihre Schlafprobleme in den Griff bekommen. Schlafen ist lebensnotwendig, ein Grundbedürfnis wie Essen und Trinken. Wenn der Schlaf gut ist, erholen wir uns und tanken Kraft – körperlich, geistig und seelisch.

Schlafen ist ein aktiver Zustand, bei dem das bewusste Erleben ausgeschaltet ist. Jeder Mensch hat ein individuelles Schlafbedürfnis. Ob wir Nachteule oder Morgenlerche sind, ein Lang- oder ein Kurzschläfer, wird uns bereits in die Wiege gelegt. Doch alle schlafen wir nach einem ähnlichen Rhythmus. Dabei beeinflussen viele Faktoren unsere Nachtruhe: Gesundheitszustand, Lebensweise, Belastungen, Umwelteinflüsse, Gestaltung des Schlafzimmers sowie Qualität von Matratze, Decke und Kopfkissen.

Rund 100 Probanden haben 2016 im Rahmen einer dreijährigen Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) das in Füssen entwickelte kneippbasierte Präventionsprogramm „Gesunder Schlaf durch Innere Ordnung“ getestet (www.fuessen.de/besser-schlafen). Die Studienergebnisse zeigen, dass es signifikante Verbesserungen bei Schlafqualität, Wohlbefinden und chronischer Stressbelastung bewirkt. Auch noch sechs Monate nach Abschluss des Programms zeigte sich bei knapp drei Viertel aller Teilnehmer eine klinisch relevante Verbesserung der Schlafqualität. Das Programm ist mittlerweile auch als zuschussfähige Kompaktkur anerkannt worden und soll ab Herbst 2020 in den Dauerbetrieb gehen.

Warum Kneipp? Der Allgäuer Gesundheitspionier war bei Weitem nicht nur der „Wasserdoktor“, der seinen Patienten kalte Güsse und Bäder verordnete, er war gleichzeitig auch ein Präventionsvisionär. Er wollte den Menschen vor allem einen gesunden Lebensstil näherbringen, mit dem sie im Alltag die Balance zwischen den eigenen Ressourcen und den Anforderungen von außen halten konnten – die „Innere Ordnung“ war die zentrale Säule seiner Gesundheitslehre. Füssen sieht in diesem Ansatz die Chance, Kneipps ganzheitliches Naturheilverfahren zeitgemäß weiterzuentwickeln und auf aktuell auftretende Gesundheitsprobleme und Indikationen wie beispielsweise Schlafstörungen anzuwenden.

Über das Präventionsprogramm hinaus haben die Touristiker in Füssen für das Thema Schlaf noch ein zweites Standbein geschaffen, das auch Gastgeber außerhalb der Gesundheitshäuser einbezieht. Seit Ende 2017 läuft hier ein Gastgeber-Coaching, das darauf abzielt, spezialisierte „Schlafgastgeber“ auszeichnen zu können. Bisher haben 13 Schlafgastgeber den Zertifizierungsprozess, der sich auf einen von der Hochschule Kempten entwickelten Kriterienkatalog stützt, erfolgreich abgeschlossen. Weitere sollen folgen.

Diese Häuser bieten besonders ausgestattete Gästezimmer und Serviceleistungen, die für den erholsamen Schlaf ihrer Gäste sorgen sollen. So liegt in jedem Zimmer die neue Schlaffibel mit Informationen und Tipps aus, es gibt Kissen-Bars, Schlaftees und Maßnahmen zur Elektrosmogreduzierung. Pro Betrieb steht außerdem mindestens ein ausgebildeter Schlaflotse als zentraler Ansprechpartner für alle Fragen und Anliegen bereit. Benötigt ein Gast medizinische Hilfeleistungen wie ein Schlafscreening oder einen Termin im Schlaflabor, stellt der Schlaflotse den Kontakt zu den Fachärzten und Kliniken her.

Ganz nach dem Motto Sebastian Kneipps, dass wir „mit jedem Schritt und Tritt, welchen wir in der Natur machen, immer wieder neuen Pflanzen begegnen, die für uns höchst nützlich und heilbringend sind“, kann sich der Allgäugast auch auf eine Kräuterreise mit einer Wildkräuterführerin in Bad Grönenbach machen.

Als eine der fünf Säulen der Kneipptherapie wird die Bewegung in Bad Grönenbach besonders großgeschrieben. Denn, wie schon Kneipp sagte: „Um gesund zu bleiben, muss sich der Mensch bewegen.“ Die Unterallgäuer Hügellandschaft durchstreift man als „Wiesengänger“ über die „Glückswege“ auf der Route der Wandertrilogie Allgäu. Bad Grönenbach ist Etappenort und lädt auf dem Trilogierundgang zu einem Erkundungsspaziergang durch den Ort ein.

Im Kneippheilbad Bad Grönenbach hat der Gast vielfältige Möglichkeiten, für eine gewisse Zeit dem Alltag zu entfliehen und neue Kräfte zu sammeln. Die Mischung aus Natur, Erholung und Gesundheitsangeboten lockt Wanderer, Radfahrer, Ruhesuchende, Wellnessliebhaber, Kneippanhänger sowie Reha-Patienten in die Unterallgäuer Marktgemeinde. Die Gastgeber, wie zum Beispiel das Kneippsanatorium und Gesundheitsresort Bad Clevers, erwarten die Gäste mit herzlicher Gastfreundschaft und tollem Service. Das Bad Clevers eignet sich wunderbar zum Erholen und Krafttanken, denn Hektik und Lärm sind ganz weit weg. Um das Ensemble herum ist ein Idyll mit stillem See, bestens zum Baden geeignet, großem Garten, saftig-grünen Wiesen und Wäldern. Hier kann der Gast so richtig abschalten und entschleunigen.

Aber wenn man schon einmal auf den Spuren Kneipps ist, sollte der Besuch seines Geburtsorts Stephansried, ein kleiner Ort in der Nähe von Ottobeuren, mit auf der Agenda stehen. Allerdings sollte der Besucher nicht enttäuscht sein, denn das Geburtshaus existiert nicht mehr. Stattdessen erinnert jetzt ein großes Kneipp-Denkmal an den berühmten Sohn des Ortes. Apropos Ottobeuren, dort wurde Sebastian Kneipp am 18. Mai 1821, einen Tag nach seiner Geburt, in der Barock-Basilika getauft. Und natürlich gibt es auch in Ottobeu- ren einen Kneipp-Aktiv-Park. (Friedrich H. Hettler)

(Auf dem Weg zum Tegelberghaus. Herrlicher Blick auf Schloss Hohenschwangau. Das Taufbecken von Kneipp und das Bad Grönenbacher Steinmännle. Das Konterfei des Wasserdocktors auf dem Denkmal in Stephansried - Fotos: Friedrich H. Hettler)

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