Kommunales

Ende des Urbanismus: Das Wohnen im Grünen wird für immer mehr eine attraktive Alternative. (Foto: Jan Woitas)

03.09.2021

Dörfer und Vororte boomen

Im vergangenen Jahr zogen erstmals mehr Menschen aufs Land als in die Stadt

Natürlich wird München auch in den nächsten Jahren wachsen. Mit rund 1,84 Millionen Menschen rechnet Stadtbaurätin Elisabeth Merk bis 2040. Und weil Hamburg im gleichen Zeitraum weniger Einwohner*innen gewinnen wird, könnte München spätestens zum Ende des nächsten Jahrzehnts die Hansestadt als zweitgrößte deutsche Kommune überholt haben.

Aber unübersehbar ist auch: Das Wachstum verlangsamt sich. Und das liegt nicht nur an Corona, auch wenn die Pandemie sicher noch mal als Verstärker dieser Entwicklung wirkte. Der Zuzug geht weiter zurück, die Zahl der Abwandernden wächst. Das Bevölkerungsplus von München ist immer mehr auf einen Geburtenüberschuss zurückzuführen. Es handelt sich um einen deutschlandweiten Trend: Die Metropolen verlieren Menschen ans Umland, vor allem – aber nicht nur – an die Vorstädte.


Mietpreise und Homeoffice verstärken den Trend


Im vergangenen Jahr zogen erstmals mehr Bundesbürger*innen in ein geringer besiedeltes Gebiet, als aus dem ländlicheren Raum in ein dichter besiedeltes, so eine Untersuchung des Online-Informationsdiensts Block-Builders.de. Bei 12,3 Prozent der Umzüge in Deutschland (2020) zog es die Bürger*innen in eine geringer besiedelte Region – wohingegen 10,4 Prozent einen dichter besiedelten Wohnort wählten. Obgleich die Mehrheit einen Domizilwechsel innerhalb eines vergleichbaren Gebiets vorgenommen hat, zeigte sich abermals, dass das Wohnen im Grünen für immer mehr eine attraktive Alternative wird.

„Das Wohnen in ländlicheren Regionen wird für immer mehr Bürger interessant“, so der leitende Block-Builders-Analyst Raphael Lulay. „Mitverantwortlich hierfür ist neben der Mietpreissituation in den Großstädten nicht zuletzt auch der Trend hin zum Homeoffice“. Und auch die häufig als langweilig und spießig geschmähten Vorstädte haben aus Sicht vieler Menschen wohl auch ihre Vorteile.
Der Urbanismus scheint an die Grenzen seiner Attraktivität zu stoßen. Vereinfacht gesagt heißt Urbanismus: eine Verdichtung der Stadt, speziell der Großstadt – mehr Menschen, mehr Häuser, mehr Arbeitsplätze und mehr Verkehr auf immer gleichem Raum.
 

Weniger Lebensqualität und mehr Erkrankungen


Dass dies auf Dauer der Lebensqualität nicht zuträglich sein kann, leuchtet ein. Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben laut Kassenärztlicher Vereinigung in den Metropolen Deutschlands ebenso zugenommen wie psychische Beschwerden.

Und auch die Ausbaufähigkeit der Infrastruktur – vom ÖPNV über Schulen und Kitas bis zu Freizeiteinrichtungen – stößt irgendwann an ihre Grenzen. Hinzu kommen mit dem Wachstum verbundene Preissteigerungen, mit denen das Lohnniveau immer weniger Schritt halten kann. Den höchsten Zuwachs bei der Kaufkraft in Bayern hatten laut Industrie- und Handelskammer zuletzt nicht die Bewohnenden von München, Augsburg oder Nürnberg, sondern jene im Landkreis Kelheim.

Natürlich bringt Urbanismus auch Vorteile. Ökologisch sinnvoll: Wenn man nicht zur Arbeit pendeln und kein Auto braucht, um einzukaufen oder die Kinder in die Schule oder Kita zu bringen, produziert man weniger CO2 und kann vielleicht ganz aufs Auto verzichten. Außerdem bedeuten dichtere Städte weniger versiegelte Landschaften. Die gesamte Daseinsvorsorge ist in der Stadt mit weniger Energieverbrauch verbunden – von der Müllabfuhr über den ärztlichen Notdienst bis zur Wasser- und Stromversorgung.
 

Die Mehrheit der Deutschen möchte nicht in der City leben


Das Problem dabei: Die Mehrheit der Deutschen möchte so nicht leben. Über die Hälfte der deutschen Stadtbevölkerung – gut 53 Prozent – kann sich vorstellen, in den nächsten ein oder zwei Jahren aufs Land zu ziehen. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar im Auftrag eines Mobilfunkunternehmens.

Von 294 deutschen Landkreisen verzeichneten 284 in den vergangenen Jahren einen steten Zuzug – vor allem von Berufstätigen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren, also dem Alter, in dem man Kinder bekommt und großzieht. Die Landkreise Dachau, Erding und Ebersberg werden laut Bundesinstitut für Stadt-, Bau- und Raumforschung bis 2040 um 14 Prozent wachsen – das ist deutschlandweiter Rekord.
Die Jobbörse StepStone hat kürzlich die Gehälter und Lebenshaltungskosten in deutschen Großstädten analysiert und mit den umliegenden Landkreisen verglichen. Das Ergebnis für München: Das durchschnittliche Jahreseinkommen beträgt 53 600 Euro und liegt damit über dem deutschen Durchschnitt von 47 700 Euro.

Die Lebenshaltungskosten liegen allerdings ebenfalls deutlich über dem Durchschnitt: allem voran die Miete (bundesweit Spitze), aber auch Freizeitaktivitäten und sogar Lebensmittel. Ein Beispiel: In München kostet eine Leberkässemmel 2,70 Euro – fast doppelt so viel wie in Grafenau.
Dem Durchschnittsverdienenden bleiben in der bayerischen Landeshauptstadt monatlich ganze 250 Euro zur freien Verfügung: Das sind acht Euro am Tag. Was nutzen da all die vielen tollen Restaurants, Cafés, Bars, Kinos, Museen und Theater? (André Paul)

 

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!
Die Frage der Woche
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Jahresbeilage 2020

Nächster Erscheinungstermin:
10.Dezember 2021

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 11.12.2020 (PDF, 15 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.