Kommunales

Die Ortsschilder von Neustadt bei Coburg (Bayern) und Sonneberg (Thüringen) stehen sich direkt gegenüber. Die Nachbarstädte waren 40 Jahre durch die innerdeutsche Grenze getrennt. Seit 30 Jahren ist der Eiserne Vorhang weg. Die Nachbarschaft ist noch immer dabei, sich zu normalisieren. (Foto: Nicolas Armer/dpa)

01.10.2020

Es war nicht immer einfach

Das bayerische Neustadt und das thüringische Sonneberg gedeihen

40 Jahre getrennt, 30 Jahre vereint: Was hat die Nachbarstädte Neustadt und Sonneberg an der bayerisch-thüringischen Landesgrenze mehr geprägt? Die Frage will in den beiden Städten, die so eng zusammenliegen wie sonst keine anderen auf jeweils einer Seite des ehemaligen Eisernen Vorhangs, keiner beantworten. Aber eines ist klar: Die beiden Kommunen, beide seit Jahrhunderten von der Spielzeugindustrie geprägt, erzählen eine Erfolgsgeschichte der deutschen Wiedervereinigung.

Das Ortsschild an der Gebrannten Brücke - dem ehemaligen Grenzübergang - nutzen sie gemeinsam. Auf der einen Seite steht der Ortsname von Neustadt bei Coburg. "Große Kreisstadt" nennt sich die 15.000-Einwohner-Kommune nicht ohne Stolz. Auf der anderen Seite desselben gelben Metallschildes steht der Name von Sonneberg. Mit 22 000 Einwohnern ist der Thüringer Nachbar größer, historisch war er bedeutender, "Weltspielzeugstadt" trägt Sonneberg als Beinamen.

Neustadt und Sonneberg haben viele Jahre gemeinsame Sache gemacht - fast so, als wären sie eins. Dann kamen der Zweite Weltkrieg und die deutsche Teilung. Ein Grenzzaun sollte fortan die Nachbarn trennen - gemeinsames Wirtschaften, gemeinsames Freizeitverhalten war für 40 Jahre tabu.

Konsumtempel dominieren

Heute erinnert an der Gebrannten Brücke kaum noch etwas an diese Zeit. Ein Anwohner sichert sein Anwesen noch mit einem alten Stück des DDR-Grenzzaunes. Ansonsten dominieren Konsumtempel westlicher Prägung das Bild in dem zum Gewerbegebiet umfunktionierten Grenzstreifen. Lediglich eine braune Metalltafel weist darauf hin, dass an diesem Fleckchen Geschichte geschrieben wurde: "Hier waren Deutschland und Europa bis zum 12. November 1989 um 8 Uhr geteilt."

Frank Rebhan war damals gerade 30 Jahre alt geworden. Heute ist Rebhan 60 und seit 25 Jahren Oberbürgermeister von Neustadt bei Coburg. Die 30 Jahre seit der Wiedervereinigung hat der Kommunalpolitiker zu großen Teilen an vorderster Front verbracht. Zu dem, was in den vergangenen drei Jahrzehnten passiert ist, hat der SPD-Mann eine glasklare Meinung. "Die Deutsche Einheit ist ein Segen für Deutschland und auch für meine Stadt."

Die Grenzregion in den nordbayerischen Regierungsbezirken Oberfranken und Unterfranken, einst als "Zonenrandgebiet" ganz an den äußersten Rand des politischen Westens gedrängt, hat ähnlich wie ihre thüringischen und sächsischen Nachbarn massiv vom Fall des Eisernen Vorhangs profitiert - auch wenn es zunächst nicht so aussah. Der Freude über die Öffnung der Grenze folgte schnell die Ernüchterung.

Zweitakt-Gestank

Der Gestank der Zweitakt-Motoren von Trabant und Wartburg, überfüllte Innenstädte und Supermärkte und nicht zuletzt die Angst vor der Billig-Konkurrenz aus dem Osten im Wettbewerb um die damals knappen Arbeitsplätze - schnell war der Spruch vom "Jammer-Ossi" auf der einen und vom "Besser-Wessi" auf der anderen Seite geprägt. Die "Mauer in den Köpfen" schien wieder zu wachsen - auch dank einiger Kardinalfehler in der deutschen und internationalen Republik, wie Rebhan heute glaubt.

"Es gab Verwerfungen, teilweise politisch gemacht", sagt der Oberbürgermeister. "Es gab eine scharfe Fördergrenze, was dazu führte, dass die Regionen in Grenznähe in den alten Bundesländern erhebliche Probleme bekommen haben", umschreibt Rebhan. Im Klartext: Unternehmen folgten dem Ruf des Fördergeldes und investierten im Osten. Auch aus Neustadt zog es Unternehmen in die thüringische Nachbarschaft.

Dort ging es steil bergauf - nicht nur wegen des Fördergeldes. "Das Engagement vieler Bürger in der Region machte einen Aufholprozess möglich, der seinesgleichen sucht", sagt Sonnebergs Bürgermeister Heiko Voigt (parteilos). Sonneberg stehe heute in wichtigen Kennziffern über dem Bundesdurchschnitt und auch dem Durchschnitt der alten Bundesländer.

Fördersätze angeglichen

Die Fördersätze sind inzwischen stärker angeglichen - und mit ihnen vieles andere. Neustadt und Sonneberg haben ein gemeinsames Stadtbusnetz, ein Internationales Puppenfestival richteten die Nachbar-, Partner- und Spielzeugstädte gemeinsam aus. Für den Tag der Franken im vergangenen Jahr waren beide Städte gemeinsam Gastgeber.

Auch die Pendlerströme sind inzwischen - wohl auch als eine Folge der Förder- und Ansiedlungspolitik - ausgeglichener. In den Jahren nach der Wende war der Arbeitsamtsbezirk Coburg, in dem Neustadt liegt, derjenige mit der größten Zahl an Einpendlern aus Thüringen. Bis zu 30.000 Südthüringer machten sich täglich auf den Weg zu ihren nordbayerischen Arbeitsplätzen. Heute sind es noch ungefähr 10.000. Für viele Neustadter ist es völlig normal geworden, in Sonneberg zur Arbeit zu gehen oder einzukaufen - oder andersherum.

"Die Wiedervereinigung war ein großer Gewinn für die Menschen, aber auch für unseren Coburger Wirtschaftsraum, weil wir schlagartig aus der Position des Zonenrandgebietes in die Mitte Europas gelangt sind", sagt Friedrich Herdan, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Coburg. Sein Südthüringer Kollege Peter Traut sieht das nicht anders. Traut betreibt in Sonnebergs Nachbarlandkreis Hildburghausen ein Unternehmen für Umwelttechnologie. Die Arbeitskräfte holt er sich zum Teil aus Nordrhein-Westfalen.

Die Arbeitslosigkeit in den Südthüringer Landkreisen Hildburghausen und Sonneberg ist trotz der Corona-Krise mit deutlich unter fünf Prozent so gering wie selten in Deutschland. Dass sie im nahen bayerischen Arbeitsamtsbezirk Coburg mit 3,7 Prozent noch günstiger liegt, zeigt, dass Oberbürgermeister Rebhan recht hat: Die Deutsche Einheit war ein Gewinn - für Thüringen und auch für Bayern.
(Michael Donhauser, dpa)

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