Kommunales

Beliebt bei Jung und Alt: die historische Kramerei im Freilichtmuseum Massing. (Foto: Freilichtmuseum Massing)

15.11.2019

Geschichtsvermittler und Geschichtenerzähler

Die bayerischen Freilichtmuseen im Spiegel der Zeiten

Die bayerischen Freilichtmuseen sind mehr als Kostüm und Kulisse: einmal selbst mit Pfeil und Bogen schießen, Flint schlagen oder Wolle spinnen, in Vorführungen sehen, wie früher gelebt und gearbeitet wurde. Unsere Autorin hat sich in den Einrichtungen umgeschaut.

Während Inszenierungen von Geschichte im Fernsehen Quotenerfolge erzielen, versuchen Fachhistoriker und Heimatpfleger die lokale Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in der Region zu entmystifizieren und erlebbar zu machen. Im Heimat- und Freilichtmuseum sind überwiegend Alltags- und Gebrauchsgegenstände, sowie historische Arbeits- und Handwerksgeräte zu sehen.

Im Museumsgarten werden ehemals wichtige Pflanzen kultiviert. Flachs wird angebaut und weiterverarbeitet, die Mühle mahlt, mit der Säge werden Bretter geschnitten, im Ofen wird Brot gebacken, am Museumsacker Erdäpfel geerntet. Nachgestellte Szenen werden durch Archivmaterial und Zeitzeugen-Erinnerungen in den Besucherzentren ergänzt.

Freilichtmuseen bieten allerdings mehr als ein „Fenster zur Vergangenheit“. Sie kreieren für die Besucher Erlebnisräume: Diese können über die bloße Beobachtung hinaus das Geschehen nicht nur kognitiv nachvollziehen, sondern auch emotional miterleben. Dennoch sind Wissenschaft und Event im Freilichtmuseum kein Gegensatzpaar, sondern eine Seite derselben Medaille.

Hinter diesen Vorbehalten gegen „Museen zum Anfassen“ stehen grundsätzliche Fragen nach der richtigen Form der Geschichtsvermittlung: Ist es legitim, dass Geschichtsdarstellungen sich von der akademischen Distanz der Vitrinensammlung trennen? Was kann ,Auszuprobieren“ und ,mit allen Sinnen erfahren’ für die Entwicklung des Geschichtsbewusstseins und für eine vertiefte Auseinandersetzung mit der historischen Wirklichkeit beitragen? Moderne Museumspädagogik ist sich dabei einig. In ihrer Ambivalenz können Freilichtmuseen ein intensives Verständnis für die Lebensumstände vergangener Zeiten ermöglichen, mehr als Bücher oder Filme es vermögen.

Als Erfinder gilt König Oskar II. von Schweden


Als weltweit erstes Freilichtmuseum gilt eine im 19. Jahrhundert von König Oskar II. von Schweden zusammengestellte Häusersammlung, gegründet 1881. Zwar hatte bereits die französische Königin Marie Antoinette 100 Jahre früher in Versailles mit dem idealisierten Dorf Hameau de la Reine einen Trend aufgegriffen, der seit Anfang des 18. Jahrhunderts das Leben auf dem Land romantisch verklärte. Jean-Jacques Rousseaus Vorstellung eines Lebens näher an der Natur verband sich zu einer pastoralen Idylle, in dem ein bewusst schlicht gestaltetes Bauernhausensemble als romantische Staffage diente. Die ländliche Idylle war der Dernier Cri der aristokratischen Subkultur, das Leben auf dem Lande wurde mit der Vorstellung von Freiheit und Schönheit verbunden.

Die Idee, einzelne landwirtschaftliche Gebäude oder ganze Dörfer als Schauobjekte auszustellen, überlebte die Französische Revolution. Der tiefgreifende Wandel im Zuge der Industrialisierung forcierte gegen Ende des 19. Jahrhunderts Bemühungen zur Rettung von Zeugnissen des „Traditionellen“. Insbesondere die skandinavischen Museen begannen, sich der Sammlung ländlich geprägter Kulturgüter zu widmen. Mithilfe von Freilichtmuseen sollte das Landleben umfassender dargestellt werden. Wissenschaftlich begleitet war deren Aufgabe die Dislozierung und Wiederaufstellung beziehungsweise Konservierung und Rekonstruktion von typischen Bauten und authentischen Objekten, deren Einrichtungen, Geräte und Werkzeugen.

Die Geschichte der bayerischen Freilichtmuseen beginnt 1954 mit dem „Schwäbischen Bauernhofmuseum Illerbeuren“ im Süden von Bayerisch-Schwaben. Zuständigkeiten und Trägerschaften orientierten sich schnell im Rahmen der Gliederung des Freistaats an seinen Regierungsbezirken. So können zweckmäßig die geografischen Räume besser widergespiegelt werden. Das bisherige Fehlen eines volkskundlich ausgerichteten Landesmuseums in Bayern lässt zudem den Freilichtmuseen die Rolle zukommen, im regionalen Rahmen die Alltagsgeschichte zu erforschen und zu präsentieren.

Bauernhofmuseum Massing wurde 1969 gegründet


Das 1969 gegründete niederbayerische Bauernhofmuseum Massing ging heuer in seine 50. Saison. Das Museum ist eins der wenigen, das um einen Nukleus von historischen Gebäuden vor Ort entwickelt wurde. Auf etwa zehn Hektar Gelände befinden sich rund 18 historische Gebäude mit den schönsten Dingen des bäuerlichen Wohnens im Rottal. Die zuletzt über 35 000 Besucher profitieren vermehrt von dem sich stetig erweiternden museumspädagogischen Angebot.

Für den wegweisenden Ansatz des neuen Depots gab es 2007 die Sonderprämierung des bayerischen Museumspreises. Das unter derselben Leitung stehende und 1980 eröffnete Freilichtmuseum Finsterau zeigt auf acht Hektar gut 20 niederbayerische Gebäude mit Bezug auf das ländliche Siedlungswesen des Bayerischen Waldes. Die 70 000 Besucher pro Jahr profitieren von einer Sammlung von zirka 30 000 kulturgeschichtlichen Objekten des Sammlungsmagazins, das schon bei seiner Gründung weit über Bayerns Grenzen hinaus als vorbildlich galt.

Das „Gedächtnis der Oberpfalz“ – so nennt sich das Freilandmuseum Neusath-Perschen – wartet mit zwei Standorten auf. Ein erstmals 1161 erwähnter und seit 1605 unverändert gebliebener langgestreckter Dreiseithof mit der dazugehörigen romanischen Kirche ist eines der wichtigsten Zeugnisse bäuerlicher Architektur in der Region.

Pioniere im Erhalt der Gebäudesubstanz


Der Bezirk Oberpfalz errichtete nach der Übernahme der Anlage außerhalb von Perschen 1980 zusätzlich das Freilandmuseum Neusath. Aus den geplanten acht Höfen entstanden mittlerweile 55 übertragene und wiedererrichtete Gebäude auf 30 Hektar – eingeteilt in fünf „Dörfer“, die von rund 60 000 Besuchern im Jahr über Wege, die historischen Landstraßen aus dem 19. Jahrhundert nachempfunden sind, erkundet werden.

Die bayerischen Freilichtmuseen haben aber auch in den vergangenen Jahren auf sich aufmerksam gemacht als Pioniere im Erhalt der Gebäudesubstanz. So konnte die Methodik ausgebaut und differenziert werden, Massivbauten in ihrer historischen Substanz und allen Spuren ihrer Geschichte zu dislozieren. Darüber hinaus leistet eine im Wesentlichen im Freistaat erprobte und entwickelte Technologie zur Beheizung eine sichere Frostfreiheit in unbewohnten Gebäuden und damit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Gebäudesubstanz.
Herausforderung der nächsten Jahre wird für die bayerischen Freilichtmuseen nicht nur der Verschleiß durch das hohe Besucheraufkommen sein, sondern auch der Übergang in die Welt der sozialen Medien, sowie die Nutzung digitaler Präsentationstechniken. Ganz analog und zutiefst romantisch allerdings bleibt in einigen dieser historischen Erlebniswelten im Dezember der Bummel über einen bunten Weihnachtsmarkt.
(Rebecca Koenig)

Die vollständigen Seiten des Bayerischen Bezirketags Teil I


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