Kommunales

Nürnberg bietet nicht nur pittoreske mittelalterliche Impressionen, sondern auch Monumentalbauten aus der NS-Zeit. Beides zieht jedes Jahr viele Touristen an. (Foto: dpa)

13.04.2018

Kultur als Wirtschaftsfaktor

Nürnberg bewirbt sich in Brüssel um den Titel "Kulturhauptstadt Europas"

Nürnberg bewirbt sich für das Jahr 2025 um den Titel „Kulturhauptstadt Europas“. Ob die Frankenmetropole trotz ihrer Nazi-Vergangenheit Chancen hat, diskutierten Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD), Bayerns Ex-Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) sowie Historiker und Kulturexperten in der bayerischen Landesvertretung in Brüssel vor einem skeptischen Publikum.

Der Name der Stadt, der sich von „nor“ für steiniger Fels ableitet und einen von weither sichtbaren Felsberg (Keuperfels) mit einer Burg bezeichnet, weckt als Erstes negative Konnotationen: Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde Nürnberg von den Nationalsozialisten als „Stadt der Reichsparteitage“ zu einem der wichtigsten Orte nationalsozialistischer Propaganda. Dort wurden 1935 die „Nürnberger Rassegesetze“ beschlossen. Dort fanden ab November 1945 Gerichtsprozesse gegen führende Kriegsverbrecher der nationalsozialistischen Diktatur statt. Und durch die alliierten Luftangriffe verlor die Stadt ihren mittelalterlichen Flair. Muss es gerade Nürnberg sein?

Ja, meinte Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD), der dort 1960 geboren wurde. „Wir erzählen Nürnbergs Geschichte als typisch europäische Geschichte. Wir können die Nazi-Zeit aber nicht außer Acht lassen.“


Typisch europäische Stadt der Zeitgeschichte



„Maly setzt ein Zeichen“, sagte Bayerns Ex-Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU), der dem neuen Kabinett unter Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nicht mehr angehört. Natürlich tue sich Nürnberg schwer mit seinem historischen Erbe aus der Nazi-Zeit, so der geborene Münchner und promovierte Historiker. Aber Nürnberg sei eine typisch europäische Stadt der Zeitgeschichte. Im späten Mittelalter sei Nürnberg die heimliche Haupstadt des damaligen römischen Reiches deutscher Nation gewesen. Viele Kaiser hätten Nürnberg gern als Aufenthaltsort gewählt, darunter Karl IV., der 1356 in Nürnberg die „Goldene Bulle“ erließ, eine Art Grundgesetz für das römische Reich, das 1806 endete und damit die „Pracht“ Nürnbergs.

Der Oberbürgermeister weiß, dass er nicht nur mit dem schönen Teil der Geschichte seiner Stadt, der wiederaufgebauten mittelalterlichen Altstadt, der Nürnberger Burg und weiteren Adelsbauten sowie ihrem weihnachtlichen Christkindlesmarkt werben kann, indem er ihre Nazi-Vergangenheit verschweigt. Im Gegenteil: Er wagt die Konfrontation. Wie ein Krisenkommunikator will er proaktiv vorgehen und die Sanierung des 16,5 Quadratkilometer großen NS-Reichsparteitagsgeländes (Märzfeld) im Südosten der Stadt als Argument in die Bewerbung einfügen. Er beantragte für das Gelände sogar die Eintragung in die Liste der Weltkulturerbe. OB Maly: „Wir wollen anhand dieses nutzlosen Geländes zeigen, wie die Mechanismen einer Diktatur funktionieren.“ Und diese seien immer noch aktuell.


Lehren aus der Vergangenheit ziehen



Nürnberg zieht die Lehren aus der Vergangenheit für die Zukunft. „Nie wieder!“, heißt das Motto. „Unsere Stadt engagiert sich für die universellen Menschenrechte“, warb er mit dem Hinweis, dass dort alle zwei Jahre der Internationale Menschenrechtspreis verliehen werde. Hier habe das moderne Völkerstrafrecht, das zur Errichtung des Internationalen Strafgesichtshofs in Den Haag führte, seinen Usprung.

Julia Lehner, Kulturreferentin der Stadt Nürnberg, fand auch, dass sich die „Stadt der Täter“ um den Titel bewerben solle. Auf dem NS-Reichsparteitagsgelände, das heute zumeist von den Nürnbergern zu Freizeitszwecken genutzt werde, sollte man die „Steine zum Sprechen bringen“. Immer mehr Touristen kämen gezielt dorthin. Allein ins Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände kämen 250.000 Besucher pro Jahr. Auf das Gelände selbst kommen wesentlich mehr Personen. Das Gelände solle nicht in seinem alten Zustand wiederhergestellt, sondern nur vor dem Verfall bewahrt werden. „Wir wollen das Gelände nur trittfest machen, denn die Bauwerke sind brüchig geworden. Wir wollen nur die Anmutung nicht verfälschen“, so Lehner. Die Kosten dafür beliefen sich auf 73 Millionen Euro, und für die Sanierungszeit plane man zwölf Jahre ein. Das bayerische Justizministerium prüft derzeit, ob eine Bewerbung des Schwurgerichtssaals 600 als Ort der „Nürnberger Prozesse“ zum UNESCO-Weltkulturerbe eine Chance hat.

Malys Konzept könnte aufgehen, denn 80 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, also 2025, sollte Nürnberg dann Kulturhauptstadt Europas werden, dürfte die dunkle und kurze Stadtgeschichte aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht mehr so lange Schatten werfen. Susanne Höhn, EU-Beauftragte des Brüsseler Goethe-Instituts, sagte, schon heute werde die Geschichte anders rezeptiert als vor zwanzig Jahren, allein schon wegen des Generationenwechsels. Die Generation der Enkel habe keine Schuldgefühle für das, was ihre Großväter damals getan hätten. Sie schilderte am Beispiel ihres Instituts, wie sich die Rezeption deutscher Geschichte gewandelt habe. Noch in den 1980er Jahren habe sich das Goethe- Institut in München wegen der Nazivergangenheit nicht getraut, seine wahre Adresse zu nennen. Dort hat der Verein mit seinen 159 Instituten und Verbindungsbüros in 98 Ländern, dessen Aufgabe es ist, ein aktuelles Deutschlandbild im Ausland zu vermitteln, seinen Hauptsitz.


Die längste Straße der Isar-Metropole



Und der liegt genau genommen in der Dachauer Straße, der längsten Straße der Isar-Metropole, die ihren Namen nur trägt, weil sie zum Schloss Dachau führt. Wer, außer den Münchnern, dachte da als Erstes an das Schloss und nicht an das 20 Kilometer nordwestlich von München gelegene Konzentrationslager? Deshalb habe man in den 1980er Jahren als Adresse die eines Hintereingangs in einer Nebenstraße, an die das Gebäude grenzt, gewählt. Das sei vorbei. Heute sei die Dachauer Straße die offizielle Adresse.
„Immer waren die Städte mit ihren Bewerbungen erfolgreich, die authentisch waren“, sagte die Goethe-Instituts-Vertreterin Höhn. Die Deutschen hätten nur dadurch Vertrauen in der Welt wiedererlangt, dass sie offensiv mit ihrer dunklen Vergangenheit umgegangen seien.

Dem stimmte Neil Gregor, Professor für neue europäische Geschichte an der britischen Universität Southhampton und Experte der NS-Geschichte, zu: „Ich bewundere, wie Deutschland mit seiner Geschichte umgeht. Mein Land könnte sich ein Beispiel daran nehmen“, bedauerte der Brite. Die Menschen im Vereinigten Königreich sähen keinen Grund, sich mit ihrer Geschichte kritisch auseinanderzusetzen. Ungeachtet dessen braucht sich Gregors Heimatland ohnehin nicht um den Ehrentitel zu bemühen, denn mit dem Brexit ist das nicht mehr möglich. Ursprünglich sollte eine britische Stadt zur Kulturhauptstadt Europas ernannt werden.

Sieben deutsche Städte neben Nürberg haben sich für 2025 bereits ins Spiel gebracht: Magdeburg, Dresden, Chemnitz, Hannover, Hildesheim, Kassel und Koblenz. Bis Mitte 2019 könnten weitere deutsche Städte ihre Bewerbung für 2025 einreichen. Die Chancen für Nürnberg, den Titel zu bekommen, seien nicht schlecht, so OB Maly. Denn für die Jahre 2020 bis 2033 seien die Auswahlkriterien und Vergabeverfahren modifiziert worden. Das beschlossen 2014 der EU-Rat, das Gremium der EU-Regierungen, und das EU-Parlament.


Kommunen stehen Schlange - und das aus gutem Grund


Dass so viele Städte für den Titel „Kulturhauptstadt“ Schlange stehen, hat einen wirtschaftlichen Grund. Die 1985 gestartete Initiative hat sich mittlerweile als ein Riesen-Wirtschaftsfaktor erwiesen. Eine Studie der EU-Kommission belegt, dass die Kulturhauptstädte insgesamt von dem Ehrentitel profitieren. Eine Kulturhauptstadt ist immer ein beliebtes Reiseziel. Sie steht im Fokus internationaler Berichterstattung. Die Bürger profitieren von den angestoßenen Projekten, die wichtige Impulse in Sachen Stadtentwicklung und Kultur setzen und das Image einer Stadt verbessern.

Auch OB Maly verfolgt mit seinem Vorhaben vorwiegend wirtschaftliche Interessen seiner Stadt, wie er im Gespräch mit dieser Zeitung zugab. Der Titel würde der Stadt helfen, eine Kulturszene aufzubauen und damit attraktiver werden. Wirtschaftlich stark ist die Stadt in den Bereichen Kommunikationstechnik, Marktforschung, Druck, Energie und Leistungselektronik sowie Verkehr und Logistik. Aber die Arbeitslosenquote liegt deutlich über dem Schnitt in Bayern. 3,2 Millionen Übernachtungen, davon eine Million aus dem Ausland, verzeichnet die Fremdenverkehrsstatitik der Stadt für 2016. Der Titel „europäische Kulturhauptstadt“ würde noch mehr Touristen anzulocken.

Aus dem Publikum im Saal der bayerischen Landesvetretung waren indes überwiegend kritische Stimmen zu hören: Man könne doch nicht gerade einen Ort der „Unkultur“ wählen, hieß es. Oder: „Damit senden wir das falsche Signal.“

Abzuwarten bleibt, wie die Jury das sieht. Das Konzept des Oberbürgermeisters könnte aufgehen, wenn die Jury nicht risikoscheu und bereit ist, ein Zeichen zu setzen. Jenes nämlich, dass es nicht um einen Schönheitswettbewerb geht, sondern um zukunftsgerichtete Erinnerungsarbeit mit einer europäischen Perspektive. (Rainer Lütkehus)

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Kommentare (1)

  1. NUE2025 am 15.04.2018
    Danke für den Artikel, aber einige Punkte sind leider nicht aktuell, bzw. ungenau:
    • Kassel und Koblenz sind bereits aus dem Wettbewerb ausgestiegen, dafür fehlt Zittau.
    • Britannien sollte eine Europäische Kulturhauptstadt 2023 haben und noch ist nicht endgültig entschieden, ob das nicht stattfindet.
    • Das Märzfeld ist kein Synonym für das Reichsparteitagsgelände, sondern nur ein Teil. Und zwar jeder Teil, der nie fertig gestellt wurde und nun nahezu komplett unsichtbar ist. Eventuell ist das Zeppelinfeld gemeint, dessen Tribüne grade gesichert werden muss.

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