Kommunales

In Architektenwettbewerben wurde der Erhalt des nördlichen Kopfbaus der alten Heil- und Pflegeanstalt („Hupfla“) gründlich geprüft. Inzwischen ist klar: Die Hälfte des Objekts wird auf jeden Fall abgerissen. (Foto: Greiner)

30.01.2019

"Leuchtturm patientennaher Forschung"

In einer einstigen Erlanger Heil- und Pflegeanstalt wurden in der Nazi-Zeit viele Patienten in den Tod geschickt – in Teilen des Geländes soll ein Forschungszentrum entstehen

Seit Wochen wird in Erlangen heftig diskutiert, welches öffentliche Interesse schwerer wiegt: die Bewahrung eines Denkmals, das an die Verbrechen des Nazi-Regimes erinnert oder die Förderung der Spitzenforschung, um für kommende Generationen weitgreifende medizinische Fortschritte zu erreichen. Im Zentrum eines emotionalen Streits steht das Universitätsklinikum Erlangen, das Platz braucht auf seinem an freien Grundstücken armen Gelände. Dort soll das „Max-Planck-Zentrum für Physik und Medizin“ für eine – so Experten – „weltweit einmalige Forschungszusammenarbeit im Bereich der Medizin“ entstehen. Für Patienten relevante Fragestellungen sollen dabei auf modernste physikalische und mathematische Antworten treffen.

In direkter Nachbarschaft zum Translational Research Center, in dem an der Diagnostik und Therapie von schweren Erkrankungen geforscht wird und das ebenso dringend auf Erweiterung wartet, steht heute noch der Kopfbau der von den alteingesessenen Erlangern sogenannten „Hupfla“. In der ehemaligen Heil-und Pflegeanstalt waren in der Zeit zwischen 1939 und 1941 etwa 900 hilflose Patienten auf dem Weg in die Tötungsanstalten des Dritten Reichs geschickt worden. Weitere etwa 1500 Patienten starben damals an den Folgen mangelhafter Ernährung.

Das Uniklinikum ebenso wie die Medizinische Fakultät haben die Geschehnisse aus dieser finsteren Zeitspanne in zwei Gedenkbüchern bereits intensiv aufgearbeitet und hinterfragt. Hans-Ludwig Siemen vom FAU-Lehrstuhl für Geschichte und Medizin: „Nach 1945 lag über viele Jahrzehnte ein bleierner Schleier über diesen Ereignissen. Es schien, als hätte es diese Taten nie gegeben, die Opfer blieben ungenannt. Das hat sich geändert.“ Selbst beim Festakt zum 200-jährigen Jubiläum des Klinikums im April 2016 wurde der Mord an physisch Kranken von Künstlern exemplarisch und szenisch eindrucksvoll dargestellt.

Diese Form des Gedenkens reicht manchem Erlanger nicht aus. Listen mit etwa 1300 Unterschriften wurden bei Oberbürgermeister Florian Janik (SPD) abgegeben mit dem Ziel, einen Abriss des in florentinischer Renaissance errichteten und 1846 eröffneten Gebäudes zu verhindern, um einen „Erinnerungsort“ zu erhalten. Doch wie das so ist bei Denkmälern: Über deren Bedeutung gibt es die unterschiedlichsten Ansichten. Selbst zwischen den einschlägigen Expertengremien herrscht keine Einigkeit. So hat der Landesdenkmalrat nichts gegen einen Abriss einzuwenden – im Gegensatz wohl zum Landesamt für Denkmalpflege.

Sogar bei einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Gedenken gestalten“ mit Vertretern deutscher NS-Gedenkstätten schälten sich unterschiedliche Meinungen heraus. Während die einen sich durchaus mit der Immobilie als greifbare Erinnerung anfreunden konnten, warnte Astrid Ley, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen, davor, die „Hupfla“ nur aus Gründen des Denkmalschutzes zu erhalten.
Sie erhielt Schützenhilfe durch Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg: „Konzipieren Sie keinen Ort der vorformulierten Haltungserwartung, denn dann geht die jüngere Generation auf Distanz. Gestalten Sie lieber einen offenen Ort, wo neue Ideen eingebracht und diskutiert werden können.“
Und Heinrich Iro, Ärztlicher Direktor des Uniklinikums, machte die Dimension der Nazi-Verbrechen deutlich: „Die Täter saßen und arbeiteten auch außerhalb der Anstaltsmauern – in der Universität, in der Stadtverwaltung, in der Bürgerschaft.“ Das Gedenken dürfe deshalb nicht nur auf bestimmte Quadratmeter beschränkt sein, sondern müsse eine umfassende Perspektive ermöglichen – an einem zentralen Ort, so der Professor.

Stadtrat billigt Kompromiss mit großer Mehrheit

Wie das so ist, wenn die Meinungen diametral auseinander gehen: Man sucht einen Kompromiss, der Zeit genug bietet, um die hochgehenden Wogen zu glätten und der Sachlichkeit eine Chance zu geben. Der wurde auch, dank des Entgegenkommens des Uniklinikums, gefunden und vom Stadtrat mit großer Mehrheit gebilligt. So können durch den Abriss von zwei Teilbereichen der „Hupfla“ die Neubauten endlich auf den Weg gebracht werden. Mit der Zukunft der anderen Hälfte und der Art der Erinnerung befasst sich in notwendiger Ruhe ein 2017 gebildeter, 17-köpfiger Beirat aus Vertretern der Stadt, der Friedrich-Alexander-Universität und anderer Institutionen. Er soll ein entsprechendes Konzept entwickeln – getreu der von FDP-Fraktionschef und Rechtsanwalt Lars Kittel vorgegebenen Maxime, mit dem einstweiligen Erhalt der Hälfte des Kopfbaus eine Option nicht aus dem Wege zu räumen, an dieser jedoch nicht starr festzuhalten. So bietet sich bereits eine Lösung an: nur das quaderförmige Kopfende des Gebäudekomplexes als Erinnerungsstätte zu erhalten und in die Neubauten zu integrieren.

Damit könnte auch die Meinung der „schweigenden Mehrheit“ Berücksichtigung finden, die in einer Stadt, in der eindeutig Wissenschaft und Forschung das Primat besitzen, wohl eher Sympathien für die Zukunftsperspektiven entwickeln dürfte. Der in Erlangen durch vielfältige Ehrenamtlichkeit populäre Notar Ruprecht Kamlah darf als ein Repräsentant dieser Gruppe gelten: „Es ist dieser Stadt und ihren Bürgern nicht zumutbar, ein so gigantisches Gedenken zu gestalten und zu unterhalten, obwohl die Stadtgesellschaft damit nichts zu tun hat.“

Der Freistaat, der das Gelände ausdrücklich für diesen „Leuchtturm patientennaher Forschung“ zur Verfügung gestellt hat, dürfte mit Argusaugen darüber wachen, ob diese Zielsetzung auch eingehalten wird. Dafür steht letztlich Innenminister Joachim Herrmann (CSU), bekanntlich ein Erlanger, der sich einer positiven Entwicklung seiner Stadt und der Universität, an der sein Vater einst Rektor gewesen ist, bisher stets verpflichtet gefühlt hat.
(Udo B. Greiner)

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