Kommunales

In Großstädten ist der Mensch einem permanenten Feuerwerk an Sinneseindrücken ausgesetzt. Vielen bekommt das auf Dauer nicht. (Foto: dpa)

03.11.2017

Stress and the City

Großstadtbewohner sind tendenziell kränker – aber man kann vorbeugen

Wer in der Großstadt aufwächst, verdoppelt sein Risiko, an Schizophrenie zu erkranken. Auch mit Depressionen und Angststörungen haben Stadtbewohner häufiger zu kämpfen. Grund sind soziale Spannungen, Anonymität, Kriminalität, Lärm und Verkehr. Der Psychiater Mazda Adli forscht zu diesem Thema und war kürzlich zu Gast in der Evangelischen Stadtakademie in München.

Adlis These: „Das Gehirn von Stadtbewohnern ist stressanfälliger als das der Landbewohner.“ Toxisch sei es, wenn die soziale Dichte der Großstadt und die persönliche Isolation zusammenkämen. Dass ihn trotzdem eine Art Liebe mit der Großstadt verbindet, mag zunächst verwirren, erklärt sich aber aus seinem doppelten Blick: „Stadtleben kann belasten, es kann aber auch anregen und unsere Entwicklung befördern.“ In seinen Arbeiten schildert er Fälle aus der Praxis, etwa die schwere Depression eines Mannes, der vom Land in die Stadt zog, sich dort Lärm und Einsamkeit ausgeliefert fühlte, bis es ihm gelang, in ein Orchester einzusteigen.

Adli streut auch Beobachtungen ein, die er, Kind einer iranischen Diplomatenfamilie, mit einigen Weltstädten gemacht hat: Die Erfahrung etwa von Langsamkeit in Wien oder von Lärm und Chaos im Teheran seiner Jugend. Einmal, erzählt er, an einem frostigen Abend, überquerte er den Berliner Alexanderplatz – und hielt inne. Ein Gitarrist spielte so schön, dass er die Unwirtlichkeit des Ortes für einen Moment vergessen ließ.

Was könnte den Leidtragenden Urbanen also gut tun? Der Psychiater fordert den Einzelnen dazu auf, sich „offenen Auges und Herzens“ in die Stadt einzubringen. Die Stadt, so Adlis These, bietet Vieles, was ihre Nachteile aufwiegt. Die Chance auf Bildung und Entfaltung und sozialen Austausch sei größer als auf dem Land, die medizinische Versorgung besser.

Nach dem Sinn der Lärmquelle forschen


Dass hier nicht ein Stadtplaner, sondern ein Psychiater spricht, kann man den Lösungsvorschlägen ablesen, die Adli bereit hält. Besonders wichtig für das Wohlbefinden ist demnach, sich in das Stadtleben einzubinden. Der entscheidende Hebel zur Stressprävention sei auch „das Maß, mit dem wir Stress subjektiv bewerten, die Gelassenheit, die wir in schwierigen Situationen aufbringen können, und unsere Strategie, uns wirksam zu erholen.“ Anmerkungen aus dem Publikum verrieten dann allerdings doch eher den Wunsch, die Stresssoren selbst zu beseitigen: unerträglichen Autolärm etwa oder auch den Krach der gerade jetzt im Herbst unablässig dröhnenden Laubbläser. Die beste Methode, Lärmstress zu reduzieren – so der Rat des Psychiaters – sei es, zu verstehen, welchen Sinn die Lärmquelle hat.

Konnte man zunächst den Eindruck gewinnen, Adli verlagere die Verantwortung für eine lebenswerte Stadt von der Politik auf den Einzelnen, so boten seine weiteren Ausführungen durchaus politische Anregungen – zumal Adli auch ein interdisziplinäres Forum gegründet hat, das sich mit Urbanität befasst. So preist der Wissenschaftler das Radfahren ebenso wie die Heilkraft von Grünanlagen. Unfertige Orte sind ihm wichtig. Dagegen würde die – primär aus Sicherheitsgründen – um sich greifende Kameraüberwachung öffentlicher Räume die Menschen eher verunsichern als stärken.

„Es mag Kraft kosten, sich jeden Tag wieder neu in das Getümmel der Stadt zu werfen und immer wieder mit Wohlwollen auf das Unperfekte zu blicken“, so Adli. „Aber erst dann wird die Stadt uns helfen, weniger gestresst, weniger gehetzt und ein Teil von ihr zu sein.“ (Monika Goetsch)

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