Kommunales

Ob man künftig noch die Gärten bewässern darf? (Foto: dpa/Sebastian Gollnow)

18.06.2021

Wassermangel – was das konkret bedeutet

Die Bundesumweltministerin verkündet alarmierende Zustände und die Kommunen sollen Lösungen finden

Klimawandel – das ist am Ende doch ein ziemlich abstrakter Begriff. Und womöglich tangieren die bereits bekannten Auswirkungen viele Menschen nicht wirklich. Wer sich beispielsweise nichts aus Skifahren macht, dem dürfte weniger oder gar kein Schnee im Winter ziemlich egal sein. Auch das Aussterben von immer mehr Tierarten empfindet nicht jeder als persönliche Bedrohung.

Und so wäre vielleicht auch von der ersten nationalen Wasserstrategie, die Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) kürzlich vorstellte, nicht viel im öffentlichen Bewusstsein hängen geblieben, wenn sie es nicht als wichtigste Aufgabe diagnostiziert hätte, „dass auch in 30 Jahren in Deutschland jederzeit ausreichend sauberes und bezahlbares Trinkwasser zur Verfügung stehen muss“.

Im Klartext: Wenn jetzt nichts geschieht, dann könnte irgendwann das Trinkwasser knapp werden. Das saß. Entsprechende Bilder kennen die Deutschen nämlich bisher nur aus Fernsehberichten von südlich der Sahel-Zone: Menschen, die in langen Schlangen vor Tankwagen stehen, um das kostbare Nass rationiert zugewiesen zu bekommen.

Neue Hitzerekorde

Wobei man inzwischen gar nicht mehr bis Afrika schauen muss, um zu erkennen, was Wasserknappheit konkret bedeutet. Seit 2018 überraschte jeder Sommer mit neuen Hitzerekorden. Flüsse trockneten aus, in Bayern kam beispielsweise die Schifffahrt auf dem Main zum Erliegen.

Besonders schlimm ist es innerhalb Bayerns in Unterfranken. Seit dem Jahr 2002 fällt dort weniger Regen, als verbraucht wird. Und wiederum besonders trocken ist es im Norden von Würzburg; nicht umsonst heißt die Region Fränkische Trockenplatte. Die Bauern pumpen dort alljährlich Hunderte Millionen Liter aus bis zu 150 Metern Tiefe, um ihre Felder noch bewässern zu können.

Das Grundwasser wird immer weniger. Nur noch bei drei von 17 unterfränkischen Messstellen liegen die Werte im grünen Bereich. „Die Grundwasserstände erholen sich nicht mehr, weil die Winter nicht kalt genug sind, dass es schneit und der Niederschlag im Sommer nur die obersten Schichten erreicht“, erläutert eine Sprecherin des Bayerischen Landesamts für Umwelt.

Sie möchte eigentlich einen Kampf ums Wasser vermeiden, versichert Svenja Schulze. Trotzdem kommt sie nicht umhin, doch Regeln aufzustellen, wer im Fall von Wasserknappheit Vorrang hat: „die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser und der ökologische Wasserbedarf – also das Mindestmaß an Wasser, dass Tiere und Pflanzen zum Überleben brauchen.“

Bewässerungsverbot

Mancherorts muss das schon angewendet werden. So verbot etwa die Stadt Bad Königshofen im Landkreis Rhön-Grabfeld im vergangenen Sommer, Rasenflächen und Gärten zu bewässern. Auch das Beregnen von landwirtschaftlich genutzten Flächen war dort teilweise untersagt.

In der Gemeinde Bergtheim im Landkreis Würzburg ist es noch schlimmer. Die örtliche Quelle, die die Kommune seit Jahrhunderten mit frischem Trinkwasser versorgte, ist faktisch versiegt. „Damit wir auch in Zukunft eine sichere Trinkwasserversorgung haben, mussten wir zur Fernwasserversorgung Franken wechseln“, erläutert Bürgermeister Konrad Schlier (CSU). Man habe in den vergangenen Jahren einfach viel zu viele Wasserrechte vergeben, klagt der Rathauschef.

Doch sind die Bayern tatsächlich solche Verschwender geworden? „Nein“ lautet die klare Antwort von Juliane Thimet. Sie ist stellvertretende Geschäftsführerin des Bayerischen Gemeindetags und die Wasserversorgung der Kommunen so was wie ihr Lebensthema. Schon seit Jahren versucht sie, die Öffentlichkeit dafür stärker zu sensibilisieren. Aber die Bevölkerung mahnen und warnen, dass ist eben nichts was ein Bürgermeister gern tut, wenn er im Amt bleiben möchte.

Generell habe sich der Pro-Kopf-Verbrauch im Freistaat seit 1990 deutlich reduziert, rechnet Juliane Thimet vor. Waren es vor 30 Jahren noch 147 Liter täglich, so sind es inzwischen nur noch 125 Liter. Allerdings habe die Pandemie den Verbrauch der privaten Haushalte deutlich ansteigen lassen.

Unnötiges Füllen von Pools

„Für die Wasserversorger vor Ort war es vielfach durchaus ein Problem, plötzlich an Wohnorten extrem hohe Verbräuche befriedigen zu müssen“, berichtet die Expertin. „Es ging nicht nur um die Hygienebedürfnisse wie das längere Händewaschen, sondern vielfach auch um – aus Sicht der Wasserversorger – unnötige Poolbefüllungen. Durch diese privaten Planschbecken im Garten kam es im letzten Jahr durchaus zu Engpässen.“

Anders als die Bundesumweltministerin sieht Thimet die Trinkwasserversorgung noch „für sehr lange Zeit“ gesichert. Nur werde eben dieses Trinkwasser derzeit noch zu häufig zweckentfremdet für sogenannte Brauchwasserzwecke. Und da werde es bald durchaus Verteilungsfragen geben. Für private Blumengärten und Swimmingpools, für Gewerbebetriebe – Industrieanlagen brauchen besonders viel Wasser, rund 70 Prozent des deutschen Gesamtverbrauchs gehen für die Warenproduktion drauf – und vor allem für die Landwirtschaft: Für all das ist Trinkwasser eben nicht gedacht, wird aber dafür immer noch verwendet.

Spätestens jetzt ist man beim sensibelsten Aspekt künftiger Wasserbeschränkungen: Wie umgehen mit der Landwirtschaft? Die Bundesumweltministerin steht hier fest an der Seite der Naturschützer, die seit Jahren über zu viel Gülle und Pflanzenschutzmittel auf den Äckern klagen. Das Grundwasser ist in vielen Regionen zu stark mit Pestiziden und Nitraten angereichert. Und weil es immer weniger regnet, verwenden die Bauern auch noch mehr Wasser aus den Reservoirs. Ein Teufelskreis.

Doch die Handhabung des Wasserverbrauchs vor Ort ist eben Aufgabe der Gemeinden. Und gerade in ländlichen Regionen ist die Kommunalpolitik mit den Bauern oft sehr eng verbandelt. Landwirte sitzen in den Gemeinderäten, häufig zählt der Bürgermeister selbst zu diesem Berufsstand.

Mit Recht verweisen die Bauern darauf, dass ja mehr Lebensmittel regional produziert werden sollen, um die CO2-Belastung durch lange Transporte zu reduzieren. Und das hat eben seinen Preis. Zu Unrecht sehen sie sich als Umweltverschmutzer und Wasserverschwender an den Pranger gestellt.

Anders als das in Sachen Agrarbranche ziemlich kritische Umweltministerium stellt man sich im bayerischen Landwirtschaftsministerium schützend vor die Bauern und verweist darauf, „dass mit den sehr strengen Vorgaben der Düngeverordnung aus dem Jahr 2020 und deren Umsetzung in Bayern wesentliche Weichen gestellt wurden, dass die Düngung flächendeckend so gewässerverträglich erfolgt, dass die Ziele der Wasserrahmenrichtline und die Trinkwasseranforderungen im Grundwasser – nach Abklingen der noch vorhandenen Belastungen – überall eingehalten werden können“, heißt es auf Nachfrage aus dem Haus von Ressortchefin Michaela Kaniber (CSU).

Intensiver Anbau

Und es wird viel geforscht. Die Landesanstalt für Wein- und Gartenbau testet derzeit beispielsweise, wie die Bewässerungs- und Düngeeffizienz im intensiven Anbau von Gemüse verbessert werden kann und inwieweit sich Brauchwasser für öffentliche Grünanlagen verwenden lässt. Das Förderprogramm BaySL digital unterstützt Agrarbetriebe finanziell bei der Einführung digitaler Bewässerungstechnik. Das Versuchs- und Bildungszentrum Schwarzenau wiederum möchte die Landwirtschaft in Trockenregionen fit machen für den Lebensmittelanbau der Zukunft. Im Internet lässt sich auf dem Bewässerungsforum Bayern kostenlos Wissen aus Pilotprojekten abrufen.

Verbrauch regulieren

 Doch der Staat kann eben nicht den gesamten Verbrauch regulieren. Gefragt ist auch Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen. Die Frage ist, wie weit man hier noch mit Appellen kommt. Am häufigsten funktioniert ein Umdenken ja über den Preis. Muss Trinkwasser also deutlich teurer werden?

 „Nein“, heißt darauf die klare Antwort von Gunnar Braun. Er ist Geschäftsführer der bayerischen Niederlassung des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), dem Zusammenschluss der Stadtwerke. In den meisten Städten und Gemeinden sind diese für die Wasserversorgung zuständig.
 Aktuell kostet der Kubikmeter Trinkwasser im Freistaat rund 2,50 Euro – und das soll nach seinen Worten auch so bleiben. Die Trinkwasserversorgung sei Teil der Daseinsfürsorge. Zwar müsse sie kostendeckend arbeiten, dürfe aber nicht knallhart den Marktgesetzen unterworfen werden. „Wasser muss günstig bleiben“, sagt der VKU-Geschäftsführer.

Gebührenschraube drehen

 Die Bundesumweltministerin möchte dagegen schon ein wenig an der Schraube für die Gebühren drehen: In Zeiten mit hohem Verbrauch soll es teurer werden, in jenen mit geringerem dann günstiger – so ähnlich wie heute schon beim Stromverbrauch. Das hieße dann beispielsweise, die Waschmaschine eher nachts als am Vormittag laufen zu lassen. Aber schmerzhaft spürbare Preissteigerungen möchte auch Svenja Schulze nicht.

 Was also dann tun? Die technische Infrastruktur müsse verbessert werden, findet Braun. Noch immer versickere zu viel Wasser in der Kanalisation. Große Flächen müssten beispielsweise schattiger werden, damit nicht zu viel Wasser verdunstet. Drainage sollte nicht immer im Bach enden, sondern in der Zisterne. Svenja Schulze wiederum denkt hier an den Wiederaufbau von natürlichen Speichern wie Flussauen und Moore.

 Doch Ausbau und Modernisierung dieser Infrastruktur wird teuer. Mit jährlichen Ausgaben von rund drei Milliarden Euro rechnet die Bundesumweltministerin. Die Kommunen sollen dabei die Hauptlast tragen, findet sie. Nur sind deren Kassen wegen des Einbruchs der Gewerbesteuer infolge von Corona so leer wie nie.

 „Die Wasserspeicherung vor Ort wird das große Thema der Zukunft“, ist Juliane Thimet vom Gemeindetag überzeugt. Gewerbebetriebe müssten groß in die Wiederverwertung einsteigen, Privathaushalte das Regenwasser versickern lassen – also Schluss mit den beliebten Kiesgärten – oder am besten gleich auffangen und für das Bewässern der Blumenrabatten nutzen.

Wasser speichern

„Und selbstverständlich muss in Zukunft bei der Schaffung neuen Baurechts über Bebauungspläne verstärkt das Thema Wasserspeicherung vor Ort, Wasserrückhalt, aber auch ein geeigneter Oberflächenwasserabfluss bei sturzflutartigen Regenfällen mitgedacht werden“, findet Thimet. Die Bevölkerung denke die Notwendigkeit der Klimaanpassung einfach noch nicht ausreichend mit.

Die Oberflächenentwässerung müsse in Zukunft gleich auf der Ebene der Planung beziehungsweise eines Genehmigungsverfahrens mitgeprüft werden, so Thimet, „sonst ist für die Versickerung von Oberflächenwasser auf dem Grundstück zum Schluss kein Platz mehr und das Regenwasser wird über die Kanalisation abgeleitet. Dazu muss aber dringend die Bauvorlagenverordnung geändert werden“.

Trotz aller möglichen örtlichen Sparanstrengungen wird es künftig nicht ohne Solidarität funktionieren. Das mit Wasserreserven immer noch gesegnetere Oberbayern wird an Franken Wasser abgeben müssen. Große Fernwasserleitungen werden das Land durchziehen. Die Staatsregierung befindet sich dazu aktuell in Gesprächen mit den elf Versorgungsfirmen, „aber wir als kommunaler Spitzenverband wurden nicht dazu geladen“, ärgert sich Juliane Thimet.

Und dann gibt es auch noch jene Nutzer, bei denen sich die Bevölkerung mitunter fragt, ob deren Verbrauch in dieser Form wirklich noch langfristig zu rechtfertigen ist – unter anderem die zahlreichen Golfplätze. Wohl jeder hat schon mal gesehen, wie auch an sengend heißen Tagen die riesigen Flächen unablässig mit Wasser besprengt werden, damit die Golfer auch auf sattem Grün putten können.

Schwarzer Peter

Doch beim Bayerischen Golfverband möchte man sich nicht den Schwarzen Peter zuspielen lassen. Seit Jahren halte „ein massiver Trend zum Ausbau eigener Speicherteiche an, um die Selbstversorgung zu stärken“, sagt Verbandssprecher Tobias Hennecke zur Staatszeitung. Man verbrauche täglich rund 200 Kubikmeter Wasser zum Erhalt des Grüns, verrät er. Bei einzelnen Golfplätzen können es aber auch bis zu 70 000 Kubikmeter Wasser im Jahr sein, abhängig von regionaler Lage und Topografie.

Man rate den Mitgliedsclubs dazu, die gemähte Fläche zu reduzieren und mehr sogenannte Extensivflächen anzustreben, weil das auch zur Grundwasserneubildung beitrage, so Tobias Hennecke. Gräben und Bäche würden ausgebaut und es gäbe inzwischen sogar einen eigenen Arbeitskreis Wasser beim Deutschen Golfverband, berichtet der Sprecher.

Manchmal kann aber auch der sparsame Umgang mit Wasser zu Problemen führen. Wenn Leitungen und Anschlüsse funktionslos werden – etwa durch Regionen mit einem Rückgang der Bevölkerung infolge des demografischen Wandels – dann kommt es zu Verkeimungen im Netz. Das Wasser muss dann abgekocht werden, um überhaupt noch genießbar zu sein. Zuletzt war das beispielsweise der Fall in Zwiesel im Bayerischen Wald oder in Laufen im Berchtesgadener Land. (André Paul)

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