Kommunales

Er lässt es sich schmecken: Die Regierung der Oberpfalz hatte zum Schutz der Teiche ganze sechs Fischotter in der gesamten Oberpfalz pro Jahr zum Abschuss freigegeben. Doch dem Bund Naturschutz Bayern war bereits das zu viel und er klagte erfolgreich dagegen. (Foto: dpa/Bernd Wüstneck)

12.11.2021

Wie viel Wildnis verträgt eine Kulturlandschaft?

Der Räuber breitet sich nach Ansicht der Fischereibranche immer weiter in der Oberpfalz aus – doch jetzt stellte sich ein Gericht klar auf die Seite des Bund Naturschutz

Immer wieder geraten Wildtiere zwischen die Fronten von Naturschutz und wirtschaftlichen Interessen. Ein Urteil des Verwaltungsgerichts Regensburg hat nun den Schutz des Fischotters gestärkt. Bei Teichwirt*innen und Landesfischereiverband stößt das auf Widerstand.

Wer den Fischotter sehen oder gar ertappen will, braucht Geduld und etwas Glück. Die besten Chancen bestehen in den frühen Morgenstunden. Aber Naturschützer*innen und Teichwirte tun sich schwer, die scheuen Nachtjäger ausfindig zu machen und genau zu beziffern. „Vor drei Jahren war noch keiner da“, glaubt Klaus Bächer, Oberpfälzer Teichwirt in Wiesau, gut 15 Kilometer von der Tirschenreuther Teichpfanne entfernt. Die Kollegenschaft in Polen aber versicherte ihm: „Er ist längst zurück.“ Gesehen hat er allerdings noch keinen.

Die Region ist ein landschaftlicher Flickenteppich aus Moos, Gras, Wiesen und Teichen. Das ideale Terrain für den Fischotter und als Hunderte Jahre alte Kulturlandschaft Teil des immateriellen Kulturerbes der Unesco. Vor 100 Jahren war der Fischotter auch hier – wie im Rest Deutschlands – fast ausgerottet.

Wurzeln reichen zurück bis ins Mittelalter


Inzwischen wächst der Bestand – auch an den Ufern der Oberpfälzer Teiche, zum Missfallen der ansässigen Fischer*innen. Deren Wurzeln gehen teilweise bis ins Mittelalter zurück. Auch die Familie von Klaus Bächer betreibt seit gut 350 Jahren eine Aquakultur. Anders als sie, führt der überwiegende Teil der Teichwirte das Gewerbe als landwirtschaftlichen Nebenerwerb. In Bayern gibt es nur noch 200 hauptberufliche Teichfischer*innen. Die Anzahl der Otter in Bayern kann dagegen bislang niemand genau benennen. Im Jahr 2012 ging man von rund 250 Tieren in der nördlichen Oberpfalz aus. Man bemüht sich um präzisere Zahlen doch die Datenlage gibt wenig Gesichertes her.

Sicher sind sich die Otter-Gegnerinnen und -Gegner allein darin, dass der Otter „das Zünglein an der Waage“ sei. Zu allen anderen Erschwernissen für die Oberpfälzer Teichwirtschaft, habe er das Fass zum Überlaufen gebracht. 55 Teichwirte haben Lizenzen und Betriebe bereits abgegeben. Jedes Jahr nehmen die Verluste zu, klagt Bächer. Der Fischschutz sei deutlich schwieriger als der anderer Nutztiere. „Man kann in die Teiche ja nicht hineinsehen wie in einen Kuhstall.“ Das ganze Ausmaß des Schadens trete erst nach dem Abfischen zutage, so Bächer. Und auch dann lässt sich nur schwer sagen, ob der Otter die Ursache war. Oft ist unklar, ob Kormoran, Stress, Umwelteinflüsse oder der Fischotter die Fische dezimiert haben.

Die Regierung der Oberpfalz hatte zum Schutz der Teiche sechs Tiere in der gesamten Oberpfalz pro Jahr zum Abschuss freigegeben. Dagegen klagte der Bund Naturschutz Bayern. Inzwischen hat das Verwaltungsgericht Regensburg selbst die reduzierte Quote von zwei männlichen Tieren verboten. Der Fischotter, Tier des Jahres 2021, bleibt damit streng geschützt.

"Zwei Entnahmen pro Teich bringen nichts"


Aus Sicht des Naturschutzes ist der Otter ohnehin das geringste Problem für die Teichwirte. „Die Ursachen für viele Probleme liegen woanders“, sagt Christine Markgraf vom Bund Naturschutz. Betreiber klagen zum Beispiel, dass nach starken Regenfällen der ganze Dreck von den Feldern in die Teiche geschwemmt werde. Der Schutzstatus von Tieren und seine Auswirkungen würden zudem regelmäßig überwacht. „Wir prüfen kontinuierlich, ob die Maßnahmen wirksam sind und greifen“, erklärt Markgraf. „Zwei Fischotter pro Teich zu entnehmen nutzt nichts.“ Das habe auch das Urteil bestätigt. Das Gericht hatte argumentiert, die zwei Tiere würden umgehend durch neue ersetzt. Fischotter haben weitläufige Reviere. Sind sie verlassen, werden sie von anderen Ottern übernommen.

Der Landesfischereiverband (LFV) zieht aus dem Urteil eigene Schlüsse. „Wenn so schnell zwei entnommene Tiere ersetzt werden können“, so LFV-Biologin Alexandra Haydn, „ist der Haltungszustand nicht mehr gefährdet.“ So einfach ist es dann doch nicht. Es gibt nur wenige Möglichkeiten, den Fischotter nachzuweisen, räumt auch Haydn ein. Eine ist der Nachweis über die Losung der Tiere. Die ist auch für Laien gut erkennbar. Die andere sind Wildkameras, was nicht nur deutlich aufwendiger, sondern auch kostspieliger ist.

Ein Otter-Managementplan, Entschädigungen und drei staatlich bestellte Otterberater sollten die emotional aufgeladene und nicht immer faire Debatte beruhigen und die Teichwirte mit dem Wildtiermanagement versöhnen. Aber viele Teichfischer*innen sehen in der Entschädigung mehr Aufwand als Lösung. „Wir wollen keine Almosen.“ Der Staat zahle da für tote Fische, sagt Bächer. „Wir wollen einfach unsere Fische aufziehen und vermarkten.“


"Nicht bedroht, sondern ausgesetzt, um Eigentum zu vernichten"


Konrad Bartmann von der Oberpfälzer Teichgenossenschaft (TGO) glaubt dagegen, der Otter sei gar nicht bedroht. Er werde ausgesetzt, um Eigentum zu vernichten. Auch das natürliche Jagdverhalten der Otter – etwa auf Karpfen in der Winterstarre oder das Anfressen mehrerer Fische als Lehrstück für den Nachwuchs – beschreibt der Vorsitzende mit markigen Worten. „Das ist Tierquälerei hoch drei“, sagt er. Solche Worte geben Anlass zur Befürchtung, den Otter-Gegnerschaft gehe es letztlich um eine sogenannte wildfreie Zone, wie sie bereits für den Wolf in den Alpen gefordert wird. Der Otter solle dauerhaft aus den Teichen verschwinden. „Das geht schon allein wegen des Naturschutzrechtes nicht“, sagt Markgraf.

Dabei gebe es durchaus wirkungsvolle Schutzmaßnahmen, meint Helmut König von „Karpfen pur Natur“, einem Projekt der Kreisgruppe Höchstadt-Herzogenaurach des Bund Naturschutz in Bayern. König schützt seine Tiere ganz ohne teure Zäune. Mit einer naturnahen Teichwirtschaft schafft er Bedingungen, in denen es auch der flinke Wassermarder nicht leicht hat. „In einem Teich, der statt mit 500 oder 800 nur mit 200 Karpfen besetzt ist – wie in Aischgrund –, haben die Fische genug Raum, abzutauchen und auszuweichen. „Das ist keine Badewanne voller Fische, in die der Otter nur hineinhüpfen muss“, sagt er.

Die Frage ist: Wie viel Wildnis verträgt eine Kulturlandschaft? Nach Ansicht einiger Fischer*innen: am besten gar keine. Auch LFV-Biologin Haydn weicht der Frage nach der wildtierfreien Zone konsequent aus und bleibt eine Antwort schuldig. Genau darum aber gehe es in der Konsequenz, fürchtet Christine Markgraf. „Wir haben jahrelang um jede Formulierung im Managementplan gerungen. Die Populationen werden immer wieder neu überprüft. Das funktioniert gut. Aber wir fürchten sie wollen auch an die Fließgewässer ran“, bangt Markgraf. (Flora Jädicke)

 

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