Kultur

Die Klage des Bürgervereins Tandern vor dem Bayerischen Verfassungsgerichtshof gegen die „Zwangsehe“ mit Hilgertshausen im Rahmen der jüngeren Gebietsreform von 1978 blieb erfolglos. (Foto: Privatsammlung)

09.09.2022

Abschied von alten Strukturen

Mit der Ausstellung „LebensRaumOrdnung – Vom Land zum Landkreis“ lässt das Bezirksmuseum Dachau Formen der Gebietsreform Revue passieren

Ein halbes Jahrhundert ist es her – aktuell wird angesichts des Jubiläums vielerorts der Gemeindegebietsreform und der 1972 eingeleiteten Umstrukturierungen gedacht. Doch war diese kommunale Neugliederung keineswegs die erste Veränderung in unseren Breiten: Auch davor gab es immer wieder einen Wandel von Verwaltungsstrukturen, Verschiebungen kleinräumiger Grenzen und Veränderungen in den unterschiedlichen Lebensräumen. Am Beispiel des Dachauer Landes zeigt die Ausstellung LebensRaumOrdnung die Entwicklung „vom Land zum Landkreis“, wie der Untertitel skizziert.

Jahrhundertelang waren Adel und Klöster als Landstände neben dem Herrscherhaus Träger der Landesherrschaft. Mit den Reformen unter König Maximilian I. Joseph trat Bayern zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Weg in die Moderne an. Die Zeit um 1800 bescherte nicht nur Bayerns Lebensraumordnung, sondern ganz Europa einschneidende Veränderungen. Reichsdeputationshauptschluss, Säkularisation der geistlichen und Mediatisierung der weltlichen Herrschaften brachten zum einen eine entschiedene Vergrößerung Bayerns, das 1806 zudem zum Königreich aufstieg, zum anderen wirbelten sie in seinem Inneren Grenzen und Zuständigkeiten gehörig durcheinander. Kein auch noch so kleiner Ort blieb davon unberührt. Jahrhundertelange Zugehörigkeiten fanden ein Ende, Verwaltungen änderten sich.

Der gewaltige Gebietszuwachs hatte es notwendig gemacht, aus den vielen verschiedenartigen Einzelteilen einen einheitlichen modernen Staat zu formen. Dieser schwierigen Aufgabe nahm sich der Freiherr und spätere Graf Maximilian von Montgelas an. Mit kalter Leidenschaft, wie es heißt, und ohne Rücksicht auf Bestehendes formte der Minister den neuen Staat. Schon nach wenigen Jahren entstand so eine straffe und zentralistische Staatsorganisation.

Umfassende Justizreform

Die ehemaligen Provinzen, Länder und Ländchen lösten zunächst „Kreise“ mit „Generalkommissariaten“ nach französischem Vorbild ab. Die Land- und Pfleggerichte wurden durch die Verordnung vom 24. März 1802 einheitlich für das ganze Land in Landgerichte umgewandelt, wobei ihre Begrenzung ohne Rücksicht auf historische Zusammenhänge mehr den geografischen Gegebenheiten angepasst wurde.

Bereits damals stießen die Umbildungen nicht auf ungeteilte Gegenliebe. Doch Proteste, wie sie in den 1970er-Jahren vielerorts aufloderten, waren damals noch unmöglich. Dennoch kam es in der Folge zu diversen Korrekturen.

Gleichzeitig wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das ganze Land vermessen – als erstes Territorium im Deutschen Reich. 1808 begann man mit der Vermessung aller Grundstücke – das waren in Bayern immerhin 21 Millionen. Für eine einheitliche Besteuerung war dies unumgänglich. Durch die Gebietsveränderungen infolge der Napoleonischen Kriege gab es weit über 100 verschiedene Grundsteuersysteme. Bis 1864 entstanden durch die Vermessung über 23 000 Uraufnahmeblätter, sogenannte Katasterblätter, für das gesamte Königreich Bayern.

Grenzen verschoben

Im Zuge der Neugliederung der unteren Justiz- und Polizeibehörden kam etwa das Gebiet Indersdorf 1803 vom Landgerichtsbezirk Kranzberg an das Landgericht Dachau, das dafür jedoch Neuhausen an das neu gebildete Landgericht München abtreten musste. 20 Jahre später verlor das Landgericht Dachau 16 Steuerbezirke an das 1823 neu geschaffene Gericht Bruck. Und es ging weiter: Als 1862 die unteren Ebenen von Justiz und Verwaltung endgültig getrennt wurden, entstand als neue Verwaltungsbehörde das Bezirksamt Dachau. Das Landgericht bestand als reine Justizbehörde fort und wurde 1879 in Amtsgericht umbenannt.

Aus dem Bezirksamt entstand 1939 der Landkreis Dachau. Der heutige Landkreis basiert in seiner derzeitigen Ausdehnung und Verwaltungsstruktur auf der Gebietsreform der Jahre 1972 bis 1978. Als letzter Verwaltungsakt wurde 1984 die Eingemeindung Weißlings vom Landkreis Freising nach Dachau vollzogen. Heute umfasst der Landkreis mit seinem Zentrum Dachau insgesamt 14 Gemeinden.

Wer glaubt, dieses Ausstellungsthema sei etwas dröge, irrt gewaltig. Reich bebilderte Karten und Stiche von Apian, Merian oder Gustav Kraus, originale Objekte wie mittelalterliche Schlüssel oder der ehemalige eiserne Tresor des Marktes für Geld und Urkunden, oder auch Protestschilder gegen die Zusammenlegung von Tandern und Hilgertshausen anno 1972 veranschaulichen die Entwicklung.

Ein besonderes Exponat ist der Himmelsglobus (1706) von Gerhard Valck aus dem Kloster Indersdorf, ehemals ein Zentrum astronomischer Forschung; der Globus steht für die wissenschaftlichen Tätigkeiten der einstigen Klöster. Nicht vergessen wurden auch Themen wie die Trockenlegung des Dachauer Mooses oder die Anlage von Straßen.
Das 1886 von König Ludwig II. erlassene „Gesetz die Flurbereinigung betreffend“ und die zu deren Durchführung geschaffene zentrale Bodenordnungsbehörde kennzeichnen den Beginn der neueren ländlichen Entwicklung zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion für die stetig wachsende Bevölkerung. Kehrseite der Medaille ist unter anderem der Verlust verschiedener Moorpflanzen, die sich lediglich in Herbarien erhalten haben.

Den Rahmen für die Ausstellung bietet einer der Hauptaktionsorte der Geschichte, die in der Ausstellung informativ und sehenswert veranschaulicht wird. Das Bezirksmuseum Dachau befindet sich in einem der wenigen erhaltenen historischen Gebäude der Stadt. Der ehemalige Verwaltungsbau war Ende des 18. Jahrhunderts als Kastenamt an der Stelle eines früheren Amtshauses errichtet worden. (Cornelia Oelwein)

Information: Bis 29. Januar 2023. Bezirksmuseum, Augsburger Str. 3, 85221 Dachau. www.dachauer-galerien-museen.de

 

 

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