Kultur

"Federtanz" aus Caspar Nehers Entwürfen zu Brechts "Der Wagen des Ares" (1948). (Foto: Kunstsammlungen und Museen Augsburg)

28.04.2023

Aufschlussreiche Freundschaft

Eine Ausstellung im Grafischen Kabinett Augsburg fokussiert die Beziehung zwischen Bertolt Brecht und dem Bühnenbildner Caspar Neher

Eine Mahnung an politische Besonnenheit, aber auch an Vergebung nach irrigen Entscheidungen. Alle Achtung!“ Dieser Eintrag im Gästebuch zur Sonderausstellung Wanderer zwischen den Welten spricht für sich beziehungsweise für die Kunstsammlungen und Museen Augsburg. Flankierend zum 125. Geburtstag von Bertolt Brecht schauen sie – kuratiert vom Leiter der Brecht-Forschungsstelle Augsburg, Jürgen Hillesheim – im kleinen Format des Grafischen Kabinetts genauer auf die schaffensreiche künstlerische Verbindung zwischen Brecht und Caspar Neher (1897 bis 1962), der zu seinen Lebzeiten mit rund 450 Theaterproduktionen zu den bedeutenden Bühnenbildnern zählte.

Die Freundschaft der beiden in Augsburg geborenen Künstler nahm vor Beginn des Ersten Weltkriegs im Realgymnasium ihren Anfang und dauerte mit Höhen und Tiefen bis wenige Jahre vor Brechts Tod im Jahr 1956. Früh wurde deutlich, dass sich beide Persönlichkeiten, die das Theater revolutionieren sollten, im Wesen und in ihrer Weltsicht unterschieden – das Prinzip der sich anziehenden Gegensätze funktionierte offenbar. Temperamentvoll der Baal-Autor, besonnen und in sich gekehrt der Maler, der als Soldat im Ersten Weltkrieg schon in seinem Aquarell Sechs Soldaten vor Gebäudekulisse skizzierte, wie er die Welt in die Bildsprache des Theaters transferieren konnte.

Bei der Realisierung von Theaterprojekten inspirierten sich Neher und Brecht gegenseitig und hofften später vom jeweiligen „Netzwerk“ des anderen zu profitieren, um Aufträge in Ost und West an Land zu ziehen. Zu den bekannten frühen gemeinsamen Arbeiten zählen die Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny sowie ebenfalls im Zusammenwirken mit Kurt Weill die Dreigroschenoper in den späten 1920er-Jahren.

Vertrauensvoller Umgang

Doch die 40 Exponate aus der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg sowie aus dem gut bestückten Neher-Fundus der Kunstsammlungen zeigen andere Fundstücke und gar Depotentdeckungen. So zum Beispiel die Ölstudie in Grisaille-Technik zu Brechts Drama Die heilige Johanna der Schlachthöfe (1922). Dort dominiert die Protagonistin als heroische Fahnenträgerin das Bildzentrum; auch die Farbpalette des stark verschatteten Selbstporträts, bei dem Neher sich neben einem Birnen-Stillleben mit Buch inszeniert und am Betrachter vorbei ins Leere blickt, ist typisch für die Neue Sachlichkeit und beschwört das „Oh Mensch“-Pathos der Zeit herauf.

In den Vitrinen weisen frühe Aquarelle ebenso wie illustrierte Tagebucheinträge und skizzierte Karikaturen in Briefen auf den vertrauens- und humorvollen Umgang der beiden jungen Männer hin.

Im zweiten Raum laden zwei kleine Serien mit Entwürfen zu Brechts Furcht und Elend des Dritten Reiches (für die Schweizer Erstaufführung 1947 in Basel) und zu dem als revueartige Produktion geplanten Drama Der Wagen des Ares sowie das Modellbuch zu Brechts und Nehers spartanischer Antigone-Adaption dazu ein, sich mit dem reduzierenden Stil des Ausstatters zu beschäftigen.

Es sind aber insbesondere Schriftstücke beziehungsweise der Briefwechsel zwischen Neher und Rolf Badenhausen in den Jahren 1952 bis 1960, die unter der anspielungsreichen Überschrift „Im Dickicht der Seilschaften“ (analog zu Brechts Im Dickicht der Städte) auf ein bislang eher unterbelichtetes Kapitel von Nehers Künstlerbiografie aufmerksam machen: Anders als Brecht war er im Dritten Reich in Deutschland geblieben und hatte für regimekonforme Dramatiker wie Eberhard Wolfgang Möller gearbeitet. In den späten 1960er-Jahren wurde Neher in einer Augsburger Ausstellung gewürdigt, die damals der Theaterwissenschaftler Rolf Badenhausen kuratierte. Der wiederum war geschäftsführender Dramaturg von Gustav Gründgens am Preußischen Staatstheater gewesen und ließ sämtliches Faktenwissen zu Nehers Aktivitäten in der Zeit des Nationalsozialismus unter den Tisch fallen. Es herrschte eben Konsens über den von Neher bereits 1945 formulierten Leitsatz: „Wollen wir doch das Gewesene so rasch wie möglich vergessen.“

Nicht allein, aber besonders für die Theaterwissenschaft, für jene, die sich mit Brecht und Neher beschäftigen, ist diese Ausstellung aufschlussreich. (Renate Baumiller-Guggenberger)

Abbildung:
Caspar Neher im Selbstporträt. (Foto: Kunstsammlungen und Museen Augsburg)

Information:
Bis 25. Juni. Grafisches Kabinett, Maximilianstraße 48, 86150 Augsburg.

 

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