Kultur

Fotos wie dieses von Jacques Rosenthals Antiquariat sind wichtig bei der Recherche über den Verbleib von Kunstgegenständen. Von einigen hier sichtbaren weiß man, dass sie 1936 zur Versteigerung angeboten worden waren. (Foto: Stadtarchiv München)

08.01.2021

Aufwendige Spurensuche

In zwei neuen Projekten wird am Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte der Verbleib von Sammlungsgut jüdischer Familien recherchiert

Versteigert, „verwertet“ oder zerstört wurde, was die Nationalsozialisten an jüdischem Besitz an sich zogen – die Provenienzforschung muss viele unterschiedliche Quellen heranziehen, um Unrechtmäßigkeiten klären zu können. Das wird auch deutlich bei den beiden neuen Projekten am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München. Die eine Aufgabe bezieht sich auf Sammlungen der Familien Heller, Jochsberger und Bechhöfer in Regensburg und München. Was ist mit Objekten aus dem Familienbesitz geschehen? Wo sind sie heute? Seit den 1990er-Jahren haben Nachfahren der Familien in Eigeninitiative nachgeforscht, jetzt haben sie Profihilfe hinzugezogen.

Das Hauptstaatsarchiv, das Staatsarchiv München, die Stadtarchive in München, Amberg und Nürnberg, das Bayerische Wirtschaftsarchiv: Das sind einige der Adressen, bei denen man hofft, fündig zu werden, um das einstige Sammlungsgut zu rekonstruieren und seinen Verbleib identifizieren zu können. „Das Gute ist“, sagt Projektmitarbeiterin Sophia Barth, „dass schon in den 1950er-Jahren Wiedergutmachungsfälle behandelt wurden. An den Unterlagen dazu können wir erst einmal anknüpfen.“

Die Brüder Isidor und Hugo Heller führten einst in Regensburg gemeinsam das in Pfarrkirchen gegründete Textilhaus Ludwig Heller. Hugo, seine Frau Else und seine Kinder Georg und Elisabeth verließen Deutschland 1935 und gingen nach Luzern in die Schweiz. Sein Bruder Isidor dagegen, dessen Frau Karoline und ihr Sohn Karl Alfred blieben in Regensburg – und wurden im April 1942 nach Piaski bei Lublin deportiert und ermordet; Karls Zwillingsbruder Ludwig war bereits 1936 nach Palästina emigriert.

Isidors Schwester Frieda, verheiratete Bechhöfer, war auch im Familienunternehmen tätig. Sie emigrierte 1939 zusammen mit ihrer Tochter Alice und ihrem Schwiegersohn Justin Jochsberger nach Bolivien. Die Brüder Justin und Sigmund Jochsberger führten wiederum die 1911 in München gegründete Hut – und Mützenmanufaktur. Das Geschäft musste 1938 auf Druck der nationalsozialistischen Behörden liquidiert werden.

Nachfahren einbeziehen

Im engen Austausch mit den Nachfahren der Familien Heller, Jochsberger und Bechhöfer versucht das dreiköpfige Team des Zentralinstituts nun, neben Wohnungseinrichtungen, Schmuck- und Silbergegenständen auch Erwerbung und Verbleib von Werken verschiedener Künstler wie Defregger, Lenbach, Leibl und Monet zu recherchieren. Das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Projekt ist auf ein halbes Jahr befristet, „sollten wir bei unserer Recherche allerdings auf brisante Hinweise stoßen, ist eine Ausweitung der Forschungsarbeit nicht ausgeschlossen“, sagt Sophia Barth.

Ein weiteres Institutsteam widmet sich der Rekonstruktion der privaten Kunstsammlung von Jacques, Emma und Erwin Rosenthal. Das 1895 gegründete Antiquariat von Jacques Rosenthal in München galt als eines der renommiertesten Antiquariate Europas. Von 1911 bis zum Verkauf des Hauses 1935 hatte der Firmeninhaber Jacques Rosenthal (1850 bis 1937) seinen repräsentativen Wohn- und Geschäftssitz in der Brienner Straße, der „Kunst- und Antiquariatsmeile“ Münchens. Sein Sohn Erwin Rosenthal (1889 bis 1981) erweiterte den geschäftlichen Radius durch Firmengründungen in Berlin (Kunstgalerie von 1921 bis 1925) und in der Schweiz (L’Art Ancien, 1920 bis 1983).

Im August 1935 sprach die Reichskammer der Bildenden Künste gegen den promovierten Kunsthistoriker Erwin Rosenthal ein Berufsverbot aus und forderte die Liquidation der Bestände innerhalb von vier Wochen. Auch wenn die angeordnete Geschäftsaufgabe aufgeschoben werden konnte, wurde das Antiquariat im Dezember 1935 – ohne direkte Mitwirkung der nationalsozialistischen Behörden – an den langjährigen Mitarbeiter Hans Koch (1897 bis 1978) verkauft.

Zum Jahresanfang 1936 siedelte Erwin Rosenthal endgültig in die Schweiz über. Seine Mutter Emma (1857 bis 1941) folgte ihm im Dezember 1939, zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes Jacques. Da Erwin Rosenthal von den Schweizer Behörden keine Arbeitsgenehmigung erhielt, emigrierte er mit seiner Frau Margherita 1941 nach Berkeley in Kalifornien. Die fünf Kinder der beiden konnten das nationalsozialistische Deutschland bereits früher verlassen, zum Beispiel zog Gabriella mit ihrem Mann Schalom Ben-Chorin nach Palästina.

Während die Familien- und Firmengeschichte der Rosenthals vom Münchner Stadtarchiv bereits ausführlich untersucht wurde, ist über die private Kunstsammlung der Familie kaum etwas bekannt. Was daraus geworden ist, erforscht die in Oxford lebende Enkelin Julia Rosenthal mit Unterstützung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste; das Projekt ist bis Ende Januar 2022 anberaumt.

Projekte verknüpfen

In diesem Fall wird sich das Forschungsvorhaben eng mit einem weiteren am Zentralinstitut angesiedelten Projekt austauschen können: „Händler, Sammler und Museen: Die Kunsthandlung Julius Böhler in München, Luzern, Berlin und New York“ erschließt und dokumentiert die bei Julius Böhler gehandelten Kunstwerke der Jahre von 1903 bis 1994. Spätestens im Januar 1936 war die ebenfalls in der Brienner Straße ansässige Kunsthandlung mit dem kommissionsweisen Verkauf zahlreicher Werke der Sammlung Rosenthal beauftragt worden. Darunter befanden sich Gemälde von Lucas Cranach, Barthel Bruyn, Michiel Jansz, Mierevelt und Lovis Corinth. Sie wurden über Böhler direkt verkauft, getauscht oder auf Auktionen von Adolf Weinmüller in München und Wien von 1936 bis 1938 zur Versteigerung angeboten.

Die Recherchen werden über die Landesgrenzen hinausführen; so ist das „Fluchtgut“ in der Schweiz ebenso zu ermitteln wie der Verbleib der Pariser Wohnungseinrichtung, die vom „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ geplündert wurde. (BSZ/DÜ)

Information: www.zikg.eu

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