Kultur

Franz Pätzold als Don Juan. (Foto: Matthias Horn)

05.07.2018

Bildstarker Theaterabend

„Don Juan“ am Münchner Residenztheater

Frank Castorfs Inszenierungen haben inzwischen eine solche solitäre Stellung erreicht, dass sie auch von der Kritik nur noch mit sich selbst verglichen werden können. Er bemächtigt sich eines Stoffs, gibt Gegengelesenes, Quergelesenes hinzu, dreht alles durch einen Dramaturgiefleischwolf und macht atemberaubende Theaterabende daraus, die altbekannte Stücke neu, anders und tatsächlich durchgedreht präsentieren. Dass er seit langem den Bühnenbildner Aleksandar Denic an seiner Seite hat, der ihm für diese Textvisionen drehbare Kuben liefert, macht die Sache noch sehenswerter, weil so Wirklichkeitsansichten entstehen, die die Zuschauer zur Made im Speck machen. Das ist jetzt bei Castorfs Inszenierung des Don Juan am Münchner Residenztheater ebenso: Die Bühne ist Badeanstalt, Ziegenstall, Motel, Kerzenscheinsalon.

Da ist also die Geschichte vom gewissenlosen Frauenraubritter, der sich in Konflikt setzt mit gängiger Moral und Gott selbst. Das rührt an existenzielle Fragen: Die Bühne ist erstmal ein Barocktheater, in dem sich ein Spiel im Spiel entwickelt, während hinter ihr das Personal hübsch malerisch an der Pest verreckt. Barock? Schon klar: Es ist alles eitel, alle sind sterblich, die Komödie wird zum Horror. Don Juan zieht den Schluss, dass Genuss an oberster Stelle steht und Gott deshalb völlig uninteressant ist. Interessanter ist, war Donna Elvira, die Juan aber abserviert. Und schon kommt es zu einer jener Passagen, die Castorf-Inszenierungen so großartig machen: Weil er Schauspieler zu Höchstleistungen bringt. Wie Bibiana Beglau hier in einem Solo Elvira in Verzweiflung taucht, ist grandios.

Castorf besetzt den Juan doppelt, mit dem älteren, kühlen Aurel Manthei und dem jüngeren, sinnlichen Franz Pätzold. Das bukolische Paar Charlotte (Nora Buzalka) und Pierrot (Marcel Heuperman) ist großartig in seiner naiven Deutungshoheit des Geschehens. Castorf hängt reichlich Fremdtexte an, um Nachdenkspuren zu legen: die Melancholie der Todesnähe, radikaler Atheismus, Kolonialismus, Aktionismus des Menschen angesichts seiner Sterblichkeit. Dennoch wirkt dieser Ringelreihen der Themen schlussendlich nicht stringent.

Es wird viel angesprochen, aber oft kaum weiter behandelt. Da werden, wie beim Kindergeburtstag alle Geschenke ausgepackt, aber nicht ausführlich betrachtet. Das soviel verspechende barocke Spiel im Spiel beispielsweise, das den Beginn prägt, findet nachher einfach nicht mehr statt. Man kann sich gern was raussuchen aus einem bildstarken Theaterabend, aber so richtig stark ist er nicht. Wiewohl immer noch so vielschichtig, dass Bilder hängenbleiben. Ein Castorf-Abend ist es nämlich gleichwohl. Man kann ihn eben nur mit sich selbst vergleichen. (Christian Muggenthaler)

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