Kultur

Szene aus Shechters tHE bAD. (Foto: Jesús Vallinas)

05.05.2023

Blanke Körper-Power

In Nürnberg sorgen Goyo Montero und Hofesh Shechter mit ihren Ensemblewerken „Anthem“ und „tHE bAD“ für Furore

Auch die konstant bleibende tänzerische Intensität und damit ein vibrierendes Energielevel scheint die beiden Choreografien zu verbinden, die im Nürnberger Staatstheater erstmals in Deutschland gezeigt werden und bei der Premiere mit lautem Jubel gefeiert wurden. Der Doppelabend ist schlicht übertitelt mit Shechter/Montero. Zwei Meister ihres Faches, die im Maßstäbe setzenden Jubiläum „15 Jahre Staatstheater Nürnberg Ballett“ zeigen, was aktuell und „State of the Art“ ist, was Tanz aussagen und auslösen kann, wenn er derart raffiniert auf die Bühne gebracht wird.

Wie vital, erfrischend, natürlich und in jeder Sekunde rhythmisierend ist abstrakter Tanz, wenn sich alle Bühnenkomponenten virtuos zum Gesamtkunstwerk fügen: ein geniales Lichtdesign, das Atmosphäre zaubert, ungewöhnliche Kostüme, dazu exakt passende und emotionale Musik, die die Choreografien triggert und in die gewünschte Richtung treibt – und vor allem Tänzer*innen, die sich technisch auf höchstem Niveau bewegen und sich mit atemberaubender Präsenz auf den physischen Kraftakt einlassen, die alles geben, um die choreografischen Handschriften mit Passion und Ekstase zu verkörpern.

Subtil Politik thematisiert

Goyo Monteros Anthem (uraufgeführt 2019 in São Paulo) und Hofesh Shechters tHE bAD (uraufgeführt 2015 in Manchester) wurden für Nürnberg etwas größer besetzt als im jeweiligen Original und können fraglos auch für sich alleine stehen und verstanden werden. Im direkten Mit- beziehungsweise Nacheinander potenziert sich die choreografische Wucht und Dichte der thematisch komplexen Stücke, die sich, wie Montero es treffend im Programmheft beschreibt, „am Puls unserer Zeit bewegen“ und damit subtil durchaus politische Statements bergen.

Inspiriert unter anderem von Yuval N. Hararis Bestseller Eine kurze Geschichte der Menschheit formt Montero mit seinem 18-köpfigen Ensemble in sechs übergangslosen Sequenzen gut lesbare Bilder für ein menschliches Kollektiv, das gemeinsam wächst, sich zunächst eng aneinander orientiert, fürs Überleben das Potenzial der Schwarmintelligenz nutzt, um an einem bestimmten Krisenpunkt Ausbrüche zu wagen, auseinanderzufallen, Konflikte, Aggression und Proteste zu formulieren, das gemeinsame Erreichte zu verlieren. In Owen Beltons großartig gelungener Auftragskomposition werden die eigene Stimme und weitere, zufällig eingefangene Stimmen zum struktur- und lautgebenden Ausdrucksmittel: mal Mantra, mal eher melodiös liedhaft.

Für sein Tanzstück tHE bAD entfernt sich Hofesh Shechter gemeinsam mit den zwölf hier involvierten Tänzerinnen und Tänzern von einengenden Konventionen, Bewertungen und strukturellen Mustern. In einem neuartigen Arbeitsprozess will er einmal die „Freiheit der Körperbewegung und des Denkens“ zelebrieren und unter dem Motto „back to the roots“ insbesondere die pure Lust an der Bewegung zulassen und raumeinnehmend den Groove einer vertrackten, verrückten Welt erspüren. All das überträgt sich ganz unmittelbar auch auf die Sinnes- und Rhythmuszentren des Publikums. Die schweißtreibende Tortur, die Shechters bewusst fiese Wahl der eng anliegenden, goldglänzenden Bodysuits für die darin Steckenden bedeuten muss, entzündete rasch auch eine in vielen Momenten herrlich skurrile, humorvolle, wilde körperliche Anarchie im Ensemble. Dieses setzt Techno ebenso gut um wie simulierte Trainingssituationen und angedeutete Klassikfiguren, kostet Beziehungen aus, bringt – animiert vom mitreißenden Soundmix – das Chaos zum Leuchten und vereint gekonnt die vielen Facetten von Shechters Kunst der kurzweiligen Körpersprache. Fortschritt pur! Das Resultat dieses „Böseseins“ à la Shechter ist also unbedingt sehenswert und ermutigend. (Renate Baumiller-Guggenberger)

 

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