Kultur

Es kommt einer Entzauberung gleich, wenn Alexandra Bircken in ihrer nach dem Motorradtyp "RSV 4" benannten Arbeit das Innere dieses Aprilia-Superbikes fast schon schamlos bloßlegt. Hier ein Ausschnitt, sehen Sie die Gesamtansicht im Beitrag. (Foto: Roman März)

19.11.2021

Brillante Aufschneiderin

Alexandra-Bircken-Werkschau im Museum Brandhorst: Ambivalenz zwischen Kraftmeierei und Verletzlichkeit

So sieht es also von innen aus, das Schnellfeuergewehr AK-47, besser bekannt als Kalaschnikow. Die Einsicht in intime technische Details des berühmten Mordinstruments verdanken wir Alexandra Bircken, die so ein Gewehr der Länge nach feinsäuberlich wie mit der Rasierklinge auseinandergeschnitten hat (oder schneiden hat lassen). Und wie die beiden Hälften da nebeneinander an der Wand hängen, sind sie Kunstwerk, Kultobjekt und Kuriosum in einem.

Das gleiche Schnittmuster, nur in Querrichtung, hat Bircken bei einem rattenscharfen Rennmotorrad aus italienischer Produktion angewendet, dem man so in den leeren Tank und die offenen Zylinder schauen kann.

Aufgeschnitten hat die Frau, die eine Quer- und Längs-, aber gewiss keine Durchschnittskünstlerin ist, auch bräunlich-transparente Damenstrumpfhosen – um sie dann zu flächigen Collagen mit dem Titel Skin zusammenzunähen, die tatsächlich an aufgespannte Tierhäute denken lassen.

Für Fans und Fetischisten

Man kann es also ruhig so drastisch formulieren: Waffennarren, Motorradfans und Nylon-Fetischisten sind bei Alexandra Bircken an der richtigen Adresse. Allerdings nur, wenn sie zugleich ein Faible für lyrische Versponnenheit und poetische Dekonstruktion haben. Denn beides, Hardcore und Softcore sozusagen, gehört bei der 1967 geborenen Künstlerin untrennbar zusammen, wie im Münchner Museum Brandhorst zu sehen ist. Unter dem aufs Ganze gehenden Titel A – Z ist dort die bisher umfangreichste Alexandra-Bircken-Werkschau überhaupt zu erleben: eine so amüsante wie zugleich verstörende Präsentation, die verständlich macht, warum die Professorin der Münchner Kunstakademie als eine der wichtigsten Bildhauerinnen (im weitesten Sinn des Begriffs) der Gegenwart gilt.

So hat Alexandra Bircken beispielsweise entdeckt, wie man Mercedes-Schaltknüppel an der Wand befestigen muss, damit sie untrüglich an männliche Geschlechtsorgane erinnern. Und sie ist auch als Erste auf die Idee gekommen, Hunderte gebleichter Tierknochen – nämlich Spareribs – als eine Art Abdeckgitter auf die Lüftungsschlitze am Boden des großen Ausstellungssaals zu legen. Eine fast diskret unauffällige Intervention, die gleichwohl im Kontrast zu den edlen, vergeistigten Räumen des Museums Brandhorst einen betont klischeehaften Urzeit-Hautgout verströmt, Assoziationen von Höhlenmenschen, Lagerfeuer und Fleischfresserei hervorruft.

Gleichwohl ist das augenzwinkernde Spiel mit dem Archaismus nicht bloß ironisch gemeint. Dazu wirkt die physische Präsenz des Knochenmaterials zu dringlich, das uns vage gemahnt, dass, nach Bertolt Brecht, „erst (…) das Fressen und dann die Moral“ kommt – und dass unsere ätherischen Kulturtempel nicht zu haben wären ohne ein unsichtbares Fundament aus Gebein, auf dem sie wie jede Zivilisation errichtet wurden.

Von dieser Ambivalenz kündet das gesamte Schaffen der Künstlerin mit seiner seltsamen Mischung aus Kraftmeierei und Verletzlichkeit, aus robustem Auftrumpfen und filigranen Gesten. Zwischen fragilen Makramee-Gespinsten mit Arte-povera-Appeal und silbrigen Metallabgüssen weiblicher Geschlechtsteile erweist sich Alexandra Bircken als Aufschneiderin im vielfachen Sinne des Wortes, die uns einen Blick in die offenen Zylinder des kollektiven Unbewussten ermöglicht. (Alexander Altmann)

Information: Bis 16. Januar. Museum Brandhorst, Theresienstraße 35 a, 80333 München. Aktuelle Öffnungszeiten unter www.museum-brandhorst.de

 

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