Kultur

Der Erzbischof (Pascal Fligg) intrigiert gegen den sündhaften Lebenswandel von König Edward II. (Jan Meeno Jürgens). (Foto: Arno Declair)

22.10.2021

Bühne für Großes

Das Münchner Volkstheater feiert die Eröffnung seiner neuen Heimat in Sendling mit drei Premieren

Drei Neuproduktionen zur Eröffnung: Das erste Wochenende am neuen Münchner Volkstheater markiert einen starken Aufbruch in eine vielversprechende Zukunft. Was dieser Neubau alles kann, ist genauso klar geworden wie die überreichen kreativen Potenziale. Dabei geht es keineswegs nur um Sprechtheater. Auch für die Musik- und Orchesterszene ist dieser Neubau hochinteressant.

Er lässt sich gerne feiern und wird auch am Eröffnungsabend bejubelt: Als Christian Stückl die Hauptbühne des neuen Hauses betritt, tobt der Saal. Der Intendant des Münchner Volkstheaters genießt sichtlich den Zuspruch. Im Foyer steht ein Modell des neuen Volkstheaters. Wer genau hinsieht, erblickt auf einer Wand das Konterfei von Stückl. Ein bisschen Personenkult, der sich in den Reden fortsetzt.

Natürlich hat Stückl große Verdienste um das Volkstheater. Seine größte Leistung ist aber, dass er die Politik von diesem Neubau überzeugen konnte. Vielen Personen wurde dafür gedankt. Nur eine Gruppe blieb unerwähnt: die Steuerzahler*innen. Wenn sich eine Institution Volkstheater nennt, darf man daran erinnern, dass das „Volk“ diesen tollen, millionenschweren Neubau finanziert hat.

Sei’s drum, das große Eröffnungswochenende war ein starker Wurf. Die drei ersten Projekte – eine Neuproduktion und zwei Uraufführungen – entwickelten ein konzises Narrativ. Gleichzeitig wurden nicht nur der neue Spielort und das Viertel sinnstiftend bespielt, sondern auch die Potenziale des neuen Hauses ausgeschöpft.

Mit der Eröffnungspremiere, Christopher Marlowes Edward II (1592/93) in der Regie von Stückl, schloss sich ein Kreis. Die letzte Premiere im alten Haus war nämlich Macbeth von Shakespeare, einem Altersgenossen Marlowes. Es geht um den ausufernden Lebensstil von König Edward II. (Jan Meeno Jürgens) in einer homosexuellen Beziehung mit Gaveston (Alexandros Koutsoulis). Für den Erzbischof von Canterbury (Pascal Fligg) ist das die pure Sünde. Das Böse beginnt, als der Kleriker perfide Intrigen ausheckt. Ihm gelingt das auch deswegen, weil sich Königin Isabella (Liv Stapelfeldt) ihrerseits mit dem durchtriebenen Grafen Edmund vergnügt (Lorenz Hochhuth).

In seiner Regie rückt Stückl die Homophobie in den Fokus, um sie als menschenverachtende Ideologie zu entlarven. Leider tappt er dabei selber in die Fallen mancher Klischees. Das offenbaren schon allein die teils rosarot gehaltene Bühne und die plüschige Ausstattung von Stefan Hageneier. Aus Gaveston wird ein schriller Transen-Homo-Verschnitt. Am Ende poltert er mit Röckchen und auf Stöckelschuhen durch die Szene.

Kurz darauf beginnt das große Schlachten, dem schließlich auch der König zum Opfer fällt. Es ist der Königssohn Edward (Theodor Junghans), der seinen Vater rächt. Als erste Amtshandlung lässt er Edmund niedermetzeln und droht seiner Mutter mit demselben Schicksal. Es ist ein schauriges Schlachthaus im wahrsten Sinn, in das Marlowe immer tiefer führt.

Schon dieses Stück hat somit auch eine Brücke zum neuen Spielort des Theaters geschlagen. Immerhin nennt sich das Quartier auch Schlachthofviertel, und der Neubau ist auf dem ehemaligen Viehhofgelände entstanden.

Kritische Ortsbefragung

Mit der Uraufführung Unser Fleisch, unser Blut von Regisseurin Jessica Glause auf der kleineren Bühne 2 wurde dieser Ort befragt: kritisch, aber mit Humor. Alles dreht sich um Fleischkonsum und Tierhaltung, die Situation der Landwirtschaft und das Tierwohl. Das Stück basiert auf Interviews und dokumentarischem Material. Eine Art szenischer Vortrag mit Musik ist das Ergebnis.

Die fiktiven Charaktere schlüpfen zugleich in Doppelrollen. So ist der Metzger (Jakob Immervoll) zugleich ein Schwein und der Koch (Jonathan Müller) ein Hund. Die Bäuerinnen (Maral Keshavarz, Anna Stein) sind Ziege und Kuh, als Pferd galoppiert zudem die Tierärztin (Mara Widmann) durch die Szene. Als Katze verkleidet sich Live-Musiker Joe Masi.

Bei diesem kurzweiligen Abend werden Einblicke in die Abgründe der Tierhaltung und Fleischverarbeitung vermittelt wie auch der harte Alltag in der Landwirtschaft. Vom Metzger ist zu hören, wie prall gefüllte Supermärkte die Metzgereien verdrängt hätten. In München gäbe es nur noch wenige. Die Bäuerinnen beklagen hingegen übelste Ausbeutung und eine überbordende Bürokratie. Die Ausbeutung gehe dabei nicht nur von Discountern aus, sondern auch von den Konsumentinnen und Konsumenten. Selbst im gehobenen Bio-Segment werde auf den Preis geachtet.

Gleichzeitig sollte nicht vergessen werden: Auch glückliches Bio-Vieh wird am Ende getötet und verzehrt. „Warum muss ein bayerisches Schwein in NRW geschlachtet werden? Das versteht keine Sau“, heißt es andererseits. Diese Probleme könnten sich bald erübrigen, denn: In der Zukunft sei Fleisch ohne Schlachtung aus dem 3D-Drucker möglich. Einige Internet-Giganten aus Silicon Valley würden bereits daran arbeiten, mit prominenter Unterstützung von Leonardo DiCaprio.

Schöne neue Welt: Am Ende überlegt man sich tatsächlich, nicht mehr in eine leckere Leberkässemmel mit Senf zu beißen. Und übrigens: „Veganismus gab es schon in der Steinzeit. Da hieß es ‚nichts gefangen’.“

Albtraum im Klassenzimmer

Bei der Uraufführung von Gymnasium war man geradezu erleichtert, nicht mehr die Schulbank drücken zu müssen. Diese „Highschool-Oper“ von Regisseur Bonn Park und dem Komponisten Ben Roessler zeichnet den veritablen Albtraum eines rechtsfreien Raumes, in dem die Mehrheitsmeinung zum Gesetz erklärt wird – selbst wenn es Halbwahrheiten sind.

Als üble Strippenzieherin, fast schon wie von Marlowe oder Shakespeare entworfen, agiert Luise Deborah Daberkow als „gemeines Mädchen“. Sie weiß den einfältigen Schlägertyp-„Athleten“ (Lukas Darnstädt) an ihrer Seite und erklärt sich selbst zum Gesetz. Auf die Wände der Schultoilette kritzelt sie ihre „Wahrheiten“. Für Angeprangerte wie Joshphilius (Vincent Sauer) kann das böse enden. Auch die neue Schülerin Ashleygunde (Henriette Nagel) muss aufpassen, nicht unter die Räder zu kommen. Immerhin schwärmt Kylefried (Max Poerting) für die Neue.

Dass es so weit kommen konnte, ist einem Vulkan geschuldet. Seine Aschewolke verdunkelt schon seit einer Ewigkeit den Himmel und macht die Menschen krank. Als eine Wissenschaftlerin (Lioba Kippe) herausfindet, warum der Vulkan nicht zur Ruhe kommt, ist es bereits zu spät. Sie wird als Hexe verfolgt. Auch der Schuldirektor (Steffen Link) kann und will nichts tun.

Die Musik von Roessler ist hinreißend, samt eingängigen Songs und dramatischen Verdichtungen. Unter der Leitung von Sonja Lachenmayr kam dieses Profil mit dem Landesjugendchor und der Akademie der Münchner Philharmoniker absolut packend zur Wirkung.

Flexible Bühnenfunktion

Für dieses Projekt wurde der vordere Teil der Hauptbühne des neuen Volkstheaters zu einem Orchestergraben abgesenkt. Mit der Highschool-Oper wurde zudem eingelöst, was die Münchner Philharmoniker bereits im Frühjahr angekündigt hatten, nämlich auch mit dem neuen Volkstheater kooperieren zu wollen.

Eines steht fest: Der Neubau des Volkstheaters ist auch für die Musik- und Orchesterszene hochinteressant. Tatsächlich weist die Hauptbühne mit 600 Plätzen genau die Saalgröße auf, die in München im Grunde fehlt. Auch akustisch hat die Highschool-Oper gut funktioniert. Kein Wunder also, dass zum Beispiel Daniel Grossmann vom Jewish Chamber Orchestra bei der Eröffnung zu sehen war. Dieser Neubau birgt überreiche Potenziale. Es wird spannend in Münchens Kulturszene, endlich! (Marco Frei)

Abbildungen (von oben):
Mit seiner markanten Backsteinfassade ist das Volkstheater eine neue architektonische Attraktion im Münchner Schlachthofviertel.   (Foto: Florian Holzherr)
Die zweite Eröffnungspremiere, Unser Fleisch, unser Blut, hat Bezug zum Standort des Theaters im Schlachthofviertel. (Foto: Arno Declair)
Luise Deborah Daberkow als üble Strippenzieherin in Gymnasium. (Foto: Arno Declair)

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