Kultur

Handgefertigte Möbel für das „Nürnberger Zimmer“ (1900). Riemerschmids Entwürfe führte „J. Fleischauer’s Söhne“ in Nürnberg aus. (Foto: Museum Industriekultur/VG Bild-Kunst)

12.10.2018

Charme der Industriemöbel

Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg zeigt eine große Werkschau zu Richard Riemerschmids 150. Geburtstag

Entweder musste er ihnen einen sittsamen Schurz verpassen oder schamhaft eine Kneifzange. Ohne diese kleinen Retuschen am Plakat für die Bayerische Landesausstellung 1896 in Nürnberg wäre der Plakatentwurf von Richard Riemerschmid durchgefallen. Obwohl man dort durchaus die frech dreinschauenden Handwerksbuben einer traditionellen „Norimberga“ vorziehen wollte. Mit dem Lendenschurz hat es dann geklappt, und das Plakat hängt heute am Anfang der letzten von drei „Möbelgeschichten“. Diese erzählt am Germanischen Nationalmuseum Nürnberg zu Riemerschmids 150. Geburtstag von ihm und seinen Möbeln.
Nach den „Geschichten“ von Henry van de Velde und Peter Behrens ist das eine klar fokussierte Ausstellung mit einem so präzise wie detailreichen, gut gegliederten Katalog und der Frage: „Wie wollen wir leben und arbeiten?“, die den 1868 in München geborenen Riemerschmid zeitlebens beschäftigt hat. Die Ausstattung des Münchner Schauspielhauses (heute „Kammerspiele“ in der Maximilianstraße) und die Gründung der Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk gehörten dazu.
Eigentlich sind Nürnberg und Dresden die zentralen Orte seiner Arbeit gewesen – trotzdem blieb er in München wohnen: mit seiner Frau, der Schauspielerin Ida Hofmann, in der Hildegardstraße, ab 1898 in der Neupasinger Villenkolonie. Für die erste Wohnung entwarf er das Mobiliar noch nach neugotischer Mode.
Aber schon 1897 überraschte er Frau und Fachwelt auf der Jahresausstellung im Münchner Glaspalast ohne historisierende Überladenheit mit nur wenigen Dekorationselementen: wenige Ranken, Eisenbeschläge und, was viel wichtiger wurde, mit Möbeln, die von Maschinen in Serie hergestellt und in einem Katalog präsentiert und bestellt werden konnten.
Und so sieht man es auch in der Ausstellung: das „Nürnberger Zimmer“ von 1900, Entwurf von Richard Riemerschmid gemäß den von König Ludwig II. schon 1875 erlassenen Regeln. Das hieß ein Vierteljahrhundert später dann: „schlichte Wohnzimmereinrichtung“, nicht teurer als 350 Reichsmark, passend zu 16 Quadratmetern Grundfläche und mit einer vorgeschriebenen Anzahl von Möbelstücken.

Modern und praktisch

Den Wettbewerbspreis gewann die Nürnberger Möbelfabrik „J. Fleischauer’s Söhne“ mit dem Riemerschmid-Entwurf und seiner „geschlossenen Kontur, dem sichtbar gemachten konstruktiven Aufbau“: modern, praktisch, nüchtern, manches an ländlich-volkstümlichen Vorbildern orientiert und aus Buchenholz.
Kuratorin Petra Krutisch hat aus den Beständen des Museums treffend ausgewählt: Möbel, kunsthandwerkliche Stücke, Fotografien von Riemerschmids Architektur und Pläne seiner Stadtentwicklungsideen – die Dokumente fand man im Deutschen Kunstarchiv des Germanischen Nationalmuseums. „Für die minderbemittelte Bevölkerung“ war dieses Mobiliar gedacht. Die wollte das „Nürnberger Zimmer“ in seiner Schlichtheit anfangs aber gar nicht haben, sondern lieber so Pompöses wie Peter Behrens’ großbürgerliche Möblierung mit dem Schlafzimmer für 4800 RM. Trotz erheblicher Werbung gelang der Durchbruch mit den maschinell hergestellten Möbeln, mit den letzten dezenten Jugendstilanklängen, aus vorgefertigten Massivholzteilen erst wenige Jahre später mit einem Modell von 1904. Auch das sieht man vor historischer Tapete in einer Ausstellungskoje.
Die „gesunden und praktischen Möbel“ sind aber nur ein Teil von Riemerschmids Lebenswerk. Von England ausgehend waren Riemerschmids Möbel ein Teil der „Gartenstadt“-Idee, wie sie das erste Mal in Dresden-Hellerau, anschließend auch in Nürnberg für Deutschland realisiert wurde: für rund 30 000 Menschen ein neues Stadtviertel, wo Leben, Wohnen, Arbeiten, soziale Einrichtungen und die Fabriken in einem Quartier vereinigt waren. Dem waren empirische Untersuchungen vorausgegangen: mit Fragen zu gewünschter Raumgröße und -höhe, zu Grundrissen und Gartenanteilen. Und in solche Zimmer passten die großen, wuchtigen Schränke und Büffetts nicht mehr. Riemerschmid dagegen steuerte gleich die Einrichtungsvorschläge per Katalognummer bei.
Riemerschmid gab auch kunsthandwerkliche Kurse in Nürnberg. Vorbildhaft sieht man in den Vitrinen grazile Briefwaagen oder Schirmgriffe – insgesamt etwa 100 Exponate, von denen viele hier das erste Mal ausgestellt werden und die für eine neue Ästhetik industriell gefertigter Produkte stehen. (Uwe Mitsching)

Information: Bis 6. Januar. Germanisches Nationalmuseum, Kartäusergasse 1, 90402 Nürnberg. Di. bis So. 10-18 Uhr, Mi. bis 21 Uhr. www.gnm.de

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