Kultur

Zur Bestrafung im entmenschlichten Polizeistaat gehört das Naseabschneiden. (Foto: Wilfried Hösl)

29.10.2021

Das grausame Mütterchen Russland

Mit Dmitri Schostakowitschs „Die Nase“ an der Bayerischen Staatsoper gelingt dem neuen Leitungsteam ein grandioser Coup

Stolze 50 Jahre nach der Münchner Erstaufführung ist Dmitri Schostakowitschs Erstlingsoper Die Nase (1927/28) nach Nikolai Gogols gleichnamiger Novelle wieder an der Isar zu sehen. Für die Erstaufführung hatte das Gärtnerplatztheater 1971 eine Produktion der Oper Frankfurt von Bohumil Herlischka übernommen. Die aktuelle Premiere an der Bayerischen Staatsoper ist hingegen die erste Münchner Neuproduktion. Allein damit konnten der neue Staatsopern-Intendant Serge Dorny und der neue Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski mit ihrer ersten Premiere einen veritablen Coup landen. Noch dazu ist Kirill Serebrennikov eine dringliche, meinungsstarke Inszenierung dieser bissigen Gesellschaftssatire geglückt.

Es geht um obrigkeitshörigen Karrierismus, entmenschlichte Bürokratie und Entindividualisierung. Serebrennikov kennt sich damit aus: Seit 2017 wird gegen ihn in Russland wegen angeblicher Veruntreuung von Subventionen ermittelt. Er kann und darf Russland nicht verlassen, inszeniert per Video, Telefon oder Internet – so auch Die Nase. Die Umsetzung vor Ort in München übernahm Evgeny Kulagin.

Serebrennikovs Regie rückt einen repressiven Polizeistaat in den Fokus. Die Bühne gleicht einem übergroßen Gefängnis, in einer Kerkerzelle sitzen Menschen. Polizisten schneiden ihnen die Nasen ab. Im berühmten Schlagzeug-Intermezzo rücken Kettenfahrzeuge mit grellen Scheinwerfern bedrohlich näher. Leichenteile werden aus der zugefrorenen Newa gefischt.

Bei Serebrennikov ist auch Platon Kovaljov ein Polizist. Er wacht allerdings nicht wie bei Gogol ohne Nase auf, sondern: Er hat plötzlich keine Uniform und keine anonym entstellende Maske mehr. Er ist ein normaler, individueller Mensch – aber genau das darf nicht sein. Dies erinnert stark an das 1959 uraufgeführte Theaterstück Die Nashörner von Eugène Ionesco. Dort verwandelt sich die Einwohnerschaft einer eine Stadt in Nashörner, bis ein einziger normaler Mensch zurückbleibt.

Vom Zar bis zu Nawalny

Zugleich schärft Serebrennikov die Kontinuität der russischen Geschichte: vom Zarenreich über Kommunismus bis ins Heute. Hierzu blendet er Fernsehbilder aus dem Sommer 2020 ein: Sie zeigen die Proteste in Petersburg gegen die Verhaftung von Alexei Nawalny.

Gegen Ende der Oper erklingt zudem der Beginn von Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8 (1960). Es ist das persönliche Requiem Schostakowitschs und zugleich ein Abgesang auf die düstere Epoche unter dem sowjetischen Diktator Josef Stalin. Wenn das Quartett erklingt, zitiert das Bühnenbild das Gemälde Der Ballon fliegt davon (1926) von Sergei Lutschischkin: Es zeigt ein Mädchen zwischen zwei Hausfassaden. Ein Ballon steigt in den Himmel. Hinter den Fenstern sieht man vereinsamte Menschen. Ein Mensch rechts oben erhängt sich. Dieses Bild von 1926 wirkt wie eine Vorwegnahme der Lebensrealität im Großen Terror Stalins Mitte der 1930er-Jahre.

Als Kovaljov wieder zum anonymen, uniformierten Maskenmenschen geworden ist, prügelt er zunächst auf Sträflinge ein. Sobald das Streichquartett erklingt, weint er bitterlich. In diesem Moment erkennt er, dass er Teil des Systems ist und betrauert Russland.

Unter Jurowski leisten das Bayerische Staatsorchester und der Staatsopernchor Großes. Die bissige Groteske und kühne Avantgarde in der Partitur werden nicht effekthascherisch überzeichnet, sondern klar seziert. Leider schafft es Jurowski nicht, die Spannung bis zum Ende zu halten.

Als Kovaljov leistet Boris Pinkhasovich schier Übermenschliches. Seine stimmliche und darstellerische Agilität nimmt genauso gefangen wie der schaurig-grelle Nasentenor von Sergey Skorokhodov. Ob Sergei Leiferkus als Barbier Ivan, Laura Aikin in der Partie von Ivans Frau Praskovja oder Doris Soffel als schrullig-skurrile Diva im Sarg: Bis in die kleinste Rolle wird der zwischen Lautmalerei, Rezitativischem und Ariosem changierende Vokalstil mustergültig ausgestaltet. (Marco Frei)

Abbildung:
Überragend singt und spielt Boris Pinkhasovich die Rolle des Kovaljov. (Foto: Wilfried Hösl)

 

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