Kultur

Der ehemalige Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi und seine Frau Helene sitzen im Atelier am Vierwaldstätter See. Beltracchi löste einen der größten Kunstfälscher-Skandale Deutschlands aus. Vor zehn Jahren wurde der "Fälscherfürst" verurteilt, Anfang 2015 aus der Haft entlassen. (Foto: dpa/Sabine Dobel)

26.10.2021

"Ich bin einer der teuersten Künstler in Europa"

Wolfgang Beltracchi löste einen der größten Kunstfälscher-Skandale Deutschlands aus - Vor zehn Jahren wurde der "Fälscherfürst" verurteilt

Noch 7,60 Euro hatten Wolfgang und Helene Beltracchi in der Tasche, als sie am 27. Oktober 2011 die Treppen des Kölner Landgerichts hinabgingen. Gerade hat das Gericht den Kunstfälscher, der den Markt jahrzehntelang mit Fälschungen von Avantgarde-Künstlern wie Heinrich Campendonk, Max Ernst oder Max Pechstein überschwemmt hatte und damit Millionen kassierte, zu sechs Jahren Haft im offenen Vollzug verurteilt. "Wir hatten keine Wohnung, kein Telefon, kein Bankkonto, kein Auto mehr - und 20 Millionen Schulden", erinnert sich Beltracchi im Gespräch der Deutschen Presse-Agentur.

"Lenken Sie Ihr Talent in legale Bahnen", gab der Richter Beltracchi mit auf den Weg. Noch im Gefängnis fingen die Beltracchis neu an. Zehn Jahre später leben sie in der Schweiz, haben ihre Schulden abbezahlt und verdienen mit eigenen Werken "annähernd so viel" wie früher. "Jetzt kommt nämlich die Erfolgsstory", sagt Beltracchi stolz. "Wir hatten schon nach den drei Jahren Gefängnis wieder einiges an Geld."

Die Beltracchis zogen erst nach Montpellier. Heute arbeitet er im Schweizer Kanton Luzern in einem Jugendstil-Tanzsaal - mit grandiosem Blick auf den Vierwaldstätter See und die Schweizer Berge. Pinsel, Farben, Staffeleien: In dem Saal ist keine Ecke frei.

Virtuelles Museum

Neuestes Projekt: Beltracchi interpretiert "Salvator Mundi", das Leonardo da Vinci zugeschriebene und mit Echtheitszweifeln belegte Renaissance-Gemälde, das mit 450 Millionen Dollar einen Rekordpreis erzielte, im Stil von Van Gogh, Dalí oder Warhol. Und er arbeitet nun selbst fälschungssicher: Mit NFT-Werken (non-fungible token), per digitalem Zertifikat geschützt, baut er ein virtuelles Museum auf.

Der Ex-Hippie mit dem abgebrochenen Kunststudium verfügt über erhebliches Selbstbewusstsein. "Ich bin heute einer der teuersten Künstler in Europa", sagt der 70-Jährige. "Meine Bilder sind teilweise sicherlich teurer als Baselitz. Der einzige, der mich in Deutschland noch schlägt, ist Gerhard Richter." Dessen Bilder kommen für Millionenbeträge unter den Hammer.

Der im nordrhein-westfälischen Höxter geborene Beltracchi, Sohn eines Kirchenmalers, teilt sein Werk in Bilder "aus dem alten Leben" und "aus dem neuen Leben" auf. Offiziell sind neue Werke im bayerischen Unterammergau zu sehen, in der Kunsthalle des Unternehmers Christian Zott, der Beltracchi Momente der Geschichte nach Art jeweils passender Künstler malen ließ. In Deutschland stellt Beltracchi sonst praktisch niemand aus. Er hat die Kunstwelt hinters Licht geführt, Experten brüskiert, die seine Werke berühmten Malern zuordneten.

Keine Rehabilitation

"Er kann nicht rehabilitiert werden. Denn er hat einen Großteil seiner Fälschungen nicht offengelegt", sagt die Geschäftsführerin des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler, Birgit Maria Sturm. Beltracchi habe einen "unerhörten Betrug" begangen. "Es gibt bis heute geschädigte Käufer - die nicht einmal davon wissen. Man weiß nicht einmal, wie viele Fälschungen es insgesamt überhaupt gab."

Beltracchi gibt unumwunden zu: "Ich sehe ab und zu mal ein Bild von mir, auch im Museum." Er werde aber "niemals ein Bild outen". "Warum sollte ich das tun? Die Bilder sind ja echt. Die haben alle ein Gutachten und sind in Werkverzeichnissen."

Markus Eisenbeis, Inhaber des Kölner Auktionshauses Van Ham, glaubt nicht, dass sich noch viele Beltracchi-Fälschungen in Museen befinden. "Ich will nicht ausschließen, dass ein, zwei, drei Bilder von ihm irgendwo hängen. Aber das kann nicht viel sein." Er habe einige Fälschungen bei der Polizei gesehen: Die Bilder könnten nicht gegen echte Museumsbilder bestehen. Auch die Kunsthistorikerin Sturm befindet: "Er verdient den Namen Künstler nicht." Er sei ein "ziemlich guter Handwerker", habe aber keinen eigenen Stil.

Elitärer Kunstmarkt

Beltracchi winkt ab. Ein eigener Stil bedeute nur, dass man sich ständig reproduziere. "Was ist denn daran kreativ, wenn man 50 Jahre Bilder auf den Kopf hängt oder Nägel im Kreis irgendwo reinkloppt oder monochrome Leinwände aufschlitzt?", sagt er und meint bekannte Künstler wie Baselitz, Günther Uecker oder Lucio Fontana. "Diesen normalen, traditionellen, elitären Kunstmarkt brauche ich nicht."

Beltracchi malt heute 15 bis 20 Bilder im Jahr, und die seien verkauft, "ehe ich die überhaupt gemalt habe", sagt er. "Die gehen an meine Sammler." Dabei seien auch die Bilder "aus der alten Zeit", also Fälschungen, gefragt. Er habe in vier Jahrzehnten ungefähr 120 verschiedene Maler aus vier Jahrhunderten gemalt, an die 300 Bilder.

Beltracchi schuf Werke, die als verschollen galten, malte sie auf alte Leinwände, fälschte Galerie-Aufkleber auf der Rückseite und versah die Werke mit der Herkunftslegende einer angeblichen Sammlung Jägers. Eklatante Widersprüche fielen den Fachleuten angeblich nicht auf. Der Markt saugte die frische Kunstware gierig auf.

Schwindel flog auf

2010 flog der Schwindel auf: In dem für einen Rekordpreis von 2,9 Millionen Euro versteigerten Gemälde "Rotes Bild mit Pferden" wurde das Pigment Titanweiß nachgewiesen, das es zur Zeit der Entstehung des vermeintlichen Campendonks 1914 noch gar nicht gab.

Jetzt will Beltracchi sein Leben - und Fälschen - verfilmen lassen. Viele Jahre habe er mit großen amerikanischen Firmen verhandelt. Auch Netflix habe für eine Serie Angebote gemacht. Den Zuschlag habe schließlich der deutsche Nachwuchsproduzent Mario Schühly gemeinsam mit seinem Vater Thomas Schühly erhalten. Es solle "ein ganz großer europäischer Kinofilm" werden - eine Komödie. "Man kann diesen Kunstmarkt ja nicht ernst nehmen", so Beltracchi. "Wer den ernst nimmt, der muss ja verrückt sein."
(Sabine Dobel und Dorothea Hülsmeier, dpa)

 

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