Kultur

Wie gerne würde sich das Ensemble des Staatstheaters Nürnberg auf der Bühne wieder seinem Publikum entgegenstürzen! Szene aus „Isola“, das noch der Uraufführung harrt. (Foto: Konrad Fersterer)

29.01.2021

Dem Verfallsdatum zuvorkommen

Intendanten aus Nürnberg und Regensburg erzählen, wie sie ihre Spielpläne und den Stückevorrat der Corona-Situation und dem Lockdown anpassen

Die eher guten Zahlen des ersten Corona-Sommers hatten auch den Theatern Mut gemacht: Sie haben ihre Spielpläne der Situation angepasst, mit den Proben begonnen, erste Premieren in einfallsreich-bescheidenen Dimensionen realisiert. Doch nach ein paar Aufführungen wurde alles in eine Premieren-Pipeline eingespeist und harrt dort besserer Zeiten. Doch wie lange ist die maximale Haltbarkeitsdauer? Wie lange hält sich der Vorrat frisch?

Am Stadttheater Regensburg war die Devise von Anfang an: „Nicht so viel auf Halde legen!“ Am Staatstheater Nürnberg hat man frühzeitig einen ganz anderen Spielplan aus dem Hut gezaubert. Überschrift über beide Konzepte: nicht die Lager füllen mit Sachen, die man am Ende nicht mehr los wird, weil sie angeschimmelt oder abgelaufen sind.

Fertig Geprobtes

Nürnbergs Staatsintendant Jens-Daniel Herzog und der Regensburger Theaterchef Jens Neundorff von Enzberg zählen zwar auf, was sie in petto haben und jederzeit wieder bieten können: den L’Orfeo unter Joana Mallwitz hier – Verdis Otello und Raffs Dame Kobold dort. Aber auch fertig geprobte Vorstellungen, die noch kein Publikum gesehen hat: Die Zauberflöte, etwas von Hebbel und von Shakespeare, Bajazet von Vivaldi und Künnekes Der Vetter aus Dingsda. Dazu im Nürnberger Schauspiel die Uraufführung von Isola des Hausautors Philipp Löhle. Im Ballett gab es eine einzige Ausnahme: Goyo Monteros Peter und der Wolf lief schon digital und ist im Fundus verfügbar.

Deutlich werden damit also die beiden Wege, die die Theater auch anderswo zumeist einschlagen: Die einen haben einen ganz neuen Plan erarbeitet, haben schon fertig geprobt und können jederzeit loslegen. Die anderen setzen auf den teils fertig vorbereiteten alten Plan und auf ihre Lagervorräte. Manches wurde gestrichen: in Regensburg zum Beispiel eine Opernuraufführung, ein Musical und ein konzertantes Rheingold.

Wie lange hält sich fertig Geprobtes frisch in diesen Zeiten zwischen Hoffnung und Trostlosigkeit? Jens-Daniel Herzog verweist auf seinen Vater, der einst Schauspieler in Berlin und München war: „Der hatte 50 Rollen im Repertoire und im Kopf, alles war immer präsent, wenn etwas abgespielt war, war auch bei ihm alles gelöscht.“ Das heißt: Solange ein Stück in der Pipeline aktuell ist, gibt es beim Ensemble auf der Bühne und im Orchestergraben die mnemotechnische Fähigkeit, alles auch präsent zu halten.

Natürlich gibt es auch Korrepetition und Regieassistenzen, die – übrigens auch im normalen Betrieb bei Aufführungen über lange Zeit hinweg – Wiederaufnahmeproben machen: je länger die tote Zeit, desto mehr Proben.

Immer wieder proben

Die Intendanten Herzog und Neundorff von Enzberg sind langjährige Praktiker und wissen: Das traditionelle Regiebuch ist das wichtigste Dokumentationsmittel dessen, was und wie eine Aufführung sein soll. Besonders für aufwendige Inszenierungen gibt es heute zudem Videomitschnitte oder, wie bei Enzdorf, gestreamte Aufführungen. Diese Vorstellungen haben den Charakter einer wiederholten Generalprobe und laufen mit allen an der Inszenierung Beteiligten ab – natürlich ohne Publikum. Wichtig ist das, weil ein Wiederbeginn nicht „von null auf hundert“ geht (so Enzberg), auch weil Kurzarbeitergeld ein gewisses Arbeitspensum voraussetzt.

In Nürnberg hat man für den neuen Plan die groß besetzten Stücke erst gar nicht in Erwägung gezogen, aber sich besondere formale Tricks ausgedacht: In L’Orfeo von Monteverdi singen die Solisten auch die Chorpartien, Generalmusikdirektorin Mallwitz hat das Orchester im Zuschauerraum verteilt: „Auch unter solchen Bedingungen versuchen wir, künstlerisch gültige Aussagen zu machen“, sagt Herzog.

In Regensburg stellt man Probenräume Ensemblemitgliedern zur Verfügung, die zu Hause nicht üben können, vertraut aber generell auf die Eigenverantwortung der Künstlerschaft.
Damit auch der Opernchor etwas erarbeiten kann, plant man in Nürnberg ein Chorkonzert und nicht die große Choroper – wie in Zürich mit zugespieltem Chor und Orchester von irgendwo her: „Solche Stücke haben wir in unserem Corona-Spielplan gar nicht vorgesehen“, winkt Herzog ab.

Zum Thema Haltbarkeitsdatum ergänzen sich die beiden Intendanten: Von Enzberg setzt auf mehr und mehr Proben, wenn es endlich wieder losgeht, auch wenn die Stücke längst die Generalprobe hinter sich haben.

Herzog fürchtet ein „inhaltliches Ablaufdatum“ und erinnert sich an eine Wiederaufnahmesituation einst in Hamburg: Alles war ordentlich geprobt, „aber der Geist war entwichen. Die Sänger wussten nicht mehr, warum sie etwas tun.“ Das will er jetzt vermeiden, besonders auch im Schauspiel, wenn Stücke nach einem halben Jahr gar nicht mehr aktuell oder im Trend sind. Er glaubt auch nicht, dass die Theater-Pipeline Stücke hervorbringt, die eine neue digitale Theaterkunstform konstituieren. Denn „die Menschen sehnen sich nach dem gemeinsamen Erleben“, „das digitale Erlebnis kann nur eine Ergänzung für den Fundus sein.“ (Uwe Mitsching)

 

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