Kultur

Soll Tom Rakewell (Sung min Song) etwa die schrille Baba the Turk (Kate Allen) heiraten, wie es Nick Shadow (Shin Yeo) rät? (Foto: Jan-Pieter Fuhr)

26.01.2024

Der unaufhaltsame Abstieg eines Wüstlings

Vom Gartenidyll in die Irrenanstalt: Tenor Sung min Song überzeugt in der Titelpartie der Augsburger Inszenierung von „The Rake’s Progress“

Dem Teufel alias Nick Shadow sitzt der queere Schalk im Nacken. Im Sinne seines Erfinders Igor Strawinsky „fabel“-haft verkörperte ihn Bassbariton Shin Yeo und hielt so im Augsburger Martinipark die Handlungsfäden fest in Händen. Er ist die Figur, die der Komponist und seine beiden Librettisten Wystan Hugh Auden und Chester Kallman ergänzend zu dem Personal erfanden, das sich in der Kupferstichserie A Rake’s Progress von William Hogarth zur satirisch-moralischen Belustigung im frühen 18. Jahrhundert präsentierte. Strawinsky entdeckte die Bilderserie in Chicago und ließ sich von ihr maßgeblich zu seiner Musiktheaterschöpfung inspirieren.

Musikalischer Stilmix

In neun bonbonfarbig illustrierten, schwarz gerahmten Bühnenbilderkästen (Nikolaus Webern) dreht und präsentiert sich die krachend gescheiterte „Karriere eines Wüstlings“ – so die deutsche Übersetzung von The Rake’s Progress. Die Oper wurde 1951 in Venedig uraufgeführt, in Augsburg singt man das englische Original.

Wobei es im Laufe des doch holprigen Opernabends auf der Karriereleiter des jungen Mannes mit dem Charakternamen Tom Rakewell definitiv steiler ab- denn aufwärts geht. Wer insbesondere Strawinskys Ballettkompositionen liebt, fremdelt womöglich mit dem kunstvoll verschachtelten neoklassizistischen Stil. Zahlreiche Querverweise auf die Opernhistorie mögen zur musikalischen Schnitzeljagd locken, bei der sich Anklänge an unter anderen Monteverdi, Händel, Mozart, Verdi und Puccini aufdecken lassen.

Puh, ja, und wer will, der kann in diesem Drunter und Drüber obendrein die Originalität von Strawinskys kantiger Harmonik und rhythmischer Raffinesse bewundern. Man wagt zu behaupten: Auch mit der aktuellen Augsburger Produktion wird sich The Rake’s Progress nicht in die Top-Ten-Liste der spannungsreichsten Musiktheaterwerke einreihen – selbst wenn Augsburgs Generalmusikdirektor Domonkos Héja ebenso behutsam wie akkurat vorgeht, um die vollendete Klangbalance zwischen seinem hochkarätigen Ensemble von Solist*innen, dem leider teils peinlich in Aktion gesetzten Chor und dem gewohnt souveränen Philharmonischen Orchester zu erreichen.

Jan Eßingers ins Heute gesetzte Inszenierung startet im üppig blühenden Gartenidyll irgendwo auf dem Landsitz von Father Trulove (Avtandil Kaspeli mit ansprechender Tiefe) und dessen Tochter Anne. Sie führt alsbald zu vermeintlich verruchten Großstadtadressen in London – inklusive Anspielung an die prominente 10 Downing Street – und endet nach schrillen Erfinder- und Versteigerungsorgien und einem spukreich langen Kartenspielabstecher auf dem Friedhof in der Irrenanstalt. Irreal ausgeleuchtet gestatten hier auch die Adonis-Venus-Illusionen keine Flucht mehr nach vorne.

Mit dem abenteuerlustigen Protagonisten Tom Rakewell hat Nick Shadow zunächst ein leichtes Spiel als Verführer. Die Erbschaft, die er überbringt, kommt zur rechten Zeit. Toms von fader Landluft und sinnlicher Liebe zu Anne Trulove geprägtes Dasein wendet sich in die erträumte Richtung des betuchten Lebemanns. Farewell – es geht gen London, Fortuna sei Dank!

Sängerisch wandlungsfähig und sicher, im kernig-kraftvollen Brustton der Euphorie formt der junge Tenor Sung min Song das emotionale Auf und Ab von Rakewell zwischen Exaltiertheit und rasch einsetzendem inneren Zweifel hin zur finalen Läuterung. Das Etablissement von Mother Goose (Natalya Boeva mit einem kurzen, aber betörenden Auftritt) ist die erste Station seiner Reise in die große Freiheit, die auch das Tragen „modischer“ Damenkleidung impliziert. Schon hier scheint er fehl am Platz und wirkt auch im neuen Zuhause mehr teilnahmslos denn draufgängerisch. Ein Antiwüstling, den auch die Scheinehe, die sein umtriebiger Schattenbegleiter mit der rosa überzuckerten Bühnenkünstlerin „Baba the Turk“ einfädelt, nicht aus der Reserve locken kann – da mochte Kate Allen diese monströs-illustre Rolle mit noch so hinreißender Verve auf die Bühne zaubern.

Der Teufel und die Müßigen

Viel eher rückt Anne in den Fokus, die Tom nachreist. Deren liebevolle Retterinnenmentalität, Tapferkeit, Treue und Toleranz sind nicht verhandelbar. Mit Jihyun Cecilia Lee war die Rolle brillant besetzt. Dramatisch, klar artikulierend und variabel in allen Lagen legt sie Emphase in die Partie, lässt Arien und Duette hell leuchten. Ihr Wiegenlied im dritten Akt, „Gently, little boat“, besänftigt Tom und bezaubert auch das Publikum, das sich nach drei Stunden im finalen Premierenbeifall wähnte, um abrupt gestoppt zu werden: Es fehlt ja noch die sängerisch verschmitzt servierte „Moral von der Geschichte“, die da lautet: „Der Teufel findet Arbeit für die Müßigen. Für jede*n von Ihnen.“ (Renate Baumiller-Guggenberger)

 

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