Kultur

Adriaen Backer: „Die Anatomie des Dr. Frederik Ruysch“ aus dem Jahr 1670, Öl auf Leinwand. (Repro: Pinakothek)

04.02.2011

Die Ausstellung „Goldenes Zeitalter“ in der Münchner Alten Pinakothek

Präziser Blick aufs 17. Jahrhundert

Im Mittelpunkt steht immer das Geld. Egal, ob konkret als harte Münze oder in Form von Geschäftsbüchern und Schriftstücken – schon rein kompositorisch bildet der schnöde Mammon stets das Zentrum der holländischen Gruppenporträts aus dem 17. Jahrhundert, die derzeit in der Münchner Alten Pinakothek gezeigt werden. „Goldenes Zeitalter“ lautet nicht umsonst der doppelsinnige Titel der Schau, die Werke aus dem Amsterdams Historisch Museum mit einem Bild aus den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen vereint.
Zu recht wird immer wieder betont, der Reiz dieses spezifisch holländischen Bildtypus erwachse – bei allen Unterschieden in der künstlerischen Qualität der Werke – aus seiner sozialgeschichtlichen Bedeutung: Anders als im übrigen, absolutistisch regierten Europa jener Zeit, hatte sich in den protestantischen nördlichen Niederlanden („Holland“) nach der Loslösung vom spanisch-katholischen Flandern die erste bürgerlich-republikanische, frühkapitalistische Gesellschaft entwickelt. Deren Geist entsprach das Gruppenporträt, auf dem sich die Angehörigen der neuen herrschenden Klasse gemeinsam verewigen ließen: reiche Bürger als Vorsteher von Handwerks- und Schützengilden.
Interessanterweise gilt aber gerade für diese Kollektivporträts: Menschen sehen uns an. All die würdigen Herrschaften, die dem Betrachter da selbstbewusst entgegen-, ja oft direkt ins Auge blicken, sind deutlich als Individuen erfasst und jeweils psychologisch genau charakterisiert. Und das macht über ihre historische Dimension hinaus die Faszination dieser Bilder aus: Der manchmal verblüffende Naturalismus der Darstellung bewirkt, dass die Porträtierten quasi über die Jahrhunderte hinweg mit dem heutigen Betrachter in Kontakt zu treten scheinen.
Und so wird man sich plötzlich bewusst, dass all diese Menschen einmal wirklich gelebt haben. Sie waren genau das, was wir heute sind: auf der Welt. Diese Erfahrung macht dem Betrachter auf schockierend eindringliche Weise seine Vergänglichkeit gegenwärtig. Das Vanitas-Motiv, das auf holländischen Gemälden jener Zeit sonst sinnbildhaft auftritt (in Gestalt zerbrochener Gläser oder angebissener Früchte), scheint hier fast ungewollt aus seiner emblematischen Verkapselung entlassen: Was auf Stillleben betulich-harmlose Moral war, gewinnt dort existentielle Virulenz, wo der Bürger nach Verewigung strebt. Im offiziellen Repräsentationsbild tritt unversehens das Memento mori zutage. (Alexander Altmann)

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