Kultur

Die zu Schloss Sünching gehörende Brauerei ist bereits im ausgehenden 15. Jahrhundert belegt, das heutige Gebäude entstand 1839 nach einem Brand. (Foto: Claudio Stein)

10.09.2021

Die Einzigartigkeit retten

Nach der Renovierung von Schloss Sünching im Landkreis Regensburg will der Freistaat auch bei der Revitalisierung der authentisch erhaltenen Nebengebäude helfen

Das Schloss Sünching ist nur ein Teil dieses Baugefüges: achteckiger Baukörper, achteckiger Innenhof – großflächig feinstes Spät-Rokoko. Viel originale Einrichtung, viele Sammlungsstücke, hinter jeder Tür Ein- und Ausblicke mit „Ah!“ und „Oh!“ Dazu kommt noch viel Anderes: Nebengebäude, die nie wesensfremd und sinnentstellend umgebaut wurden. Alles zusammen bildet ein Schlossensemble mit beeindruckender Wucht und Kraft: das Haupthaus und die dazugehörige Ökonomie, bestehend aus einer stillgelegten Brauerei, einer Orangerie, einer landwirtschaftlichen Vierflügelanlage für Vieh, Gerätschaften und Feldfrüchte.

Gewachsenes Gewesenes: Das gibt es selten sonst noch in Bayern, solche unzerstörten zusammengehörenden Gebäudekomplexe aus der Adelsvergangenheit des heutigen Freistaats. Dazu noch die Verwaltungsgebäude jenseits der heutigen Dorfstraße – inklusive einstiger Gefängniszellen.

Jahrzehntelang ist das Schloss sauber renoviert worden, mit viel finanziellem Einsatz des Staates und nicht hopplahop, sondern Schritt für Schritt. Wer Glück hat, den führt Johann Carl Freiherr von Hoenning O’Carroll persönlich und anekdotenreich durch den Herrschaftssitz, den die Hoenning O’Carroll von den Grafen von Seinsheim geerbt haben.

Das Wappen der Seinsheimer – zwei Gevierte in Silber und Blau gespalten, zwei mit schwarzem Keiler auf gelbem Grund – findet sich im Schloss immer wieder als Leitfarben Weiß und Blau der Einrichtung einerseits und in Form von Bayerns mutmaßlich größter Sammlung von Figuren und Abbildungen von Wildschweinen andererseits: eine gelebte Traditionslinie mit überaus sympathischen Untertönen des Verspielten.

Es gab viele Traditionslinien, die solche gewachsenen Adelsbesitztümer geschützt haben, die Hofmarken der frühen Neuzeit, später das Familienfideikommiss, das erbrechtlich Familienvermögen zusammenhalten sollte.

Promis aus Politik und Kunst

Auch Schloss Sünching, so wie es heute dasteht, ist ein zum Teil aus dem 16. Jahrhundert stammendes Familienprunkstück, zwischen 1757 und 1766 umgebaut und neu ausgestattet von den Brüdern Joseph Franz und Adam Friedrich von Seinsheim. Der eine war Minister in München im bayerischen Kurfürstentum, der andere Fürstbischof von Würzburg und Bamberg. Die politische Prominenz erklärt, wieso auch so viel künstlerische Prominenz am Bau beteiligt war: François de Cuvilliés als Architekt. Matthäus Günther als Freskenmaler. Ignaz Günther war für die Schnitzereien zuständig. Franz Xaver Feichtmayr fertigte die Stuckaturen. George Desmarées wirkte als Porträtmaler.

Norbert Bergmann, der seit Beginn die Renovierungsarbeiten am Schloss betreut, ist immer noch begeistert von den Details der Arbeit einstiger Innenausstatter, die zum Teil einzigartig ist. Beispielsweise bei den chinesischen Tapeten aus den Ankleidezimmern des fürstbischöflichen Appartements: Sie wurden einst als lose Papierblätter geliefert, vor Ort auf Leinen aufgebracht und auf Holzrahmen aufgezogen; in den 1990er-Jahren wurden sie aufwendig restauriert. Übrigens haben 2013 Johann Carl Freiherr von Hoenning O’Carroll und seine Frau Katalin die Denkmalschutzmedaille des Freistaats bekommen.

Hotspot für die Forschung

Das Einzigartige an Sünching betont auch der Historiker Claudio Stein, der sich in Sünching ehrenamtlich um das Archiv kümmert. Was, wie er sagt, „ein Privileg“ ist. Denn zusammen mit all den Sammlungs- und Fundstücken ist das ein Goldland für die Geschichtsforschung. Weshalb Stein längst zum Haushistoriker avanciert ist. Inmitten eines Schlossarchivs und Kunstwerken, die natürlich auch anderen Forschenden zugänglich gemacht werden.

Im Schloss also stößt man auf vorbildliche Renovierung. Draußen steht sie indes noch an. Weil die Familien Seinsheim und später Hoenning O’Carroll auf ihren Gütern stets für ihre Zeit modernste Landwirtschaft betrieben und „ihre Sache“ zusammengehalten haben, ist ein Echo dieses Bestrebens bis heute geblieben. Der landwirtschaftliche Betrieb ist allerdings längst Vergangenheit – aber es ist keine andere Nutzung hineingerutscht, die die Bausubstanz angegriffen oder zerstört hätte.

Jetzt sollen auch die Außenanlagen sukzessive renoviert werden. Und der Staat hilft: „Für solche Dinge werden wir immer Geld haben, das wird am Geld nicht scheitern“, sagte denn auch Bernd Sibler, der Minister für Wissenschaft und Kunst, jüngst bei einer Begehung der Güter: Hier stehe Kulturgeschichte großgeschrieben vor einem da – da müsse schlicht „das Herz mitgehen“. So, wie das Schloss selbst Stück für Stück mustergültig renoviert worden sei, so sei dies nun auch bei den Außenanlagen denkbar und wünschenswert, sagte der Minister.

Ebenso wünschenswert sei eine längerfristige Nutzung. Tatsächlich bahnt sich eine landwirtschaftliche Revitalisierung mit dem Fokus auf die Regionalisierung von Lebensmitteln und auf gemeinschaftliche Wohnprojekte an.

Was schnell gehen muss: Das Dach der Brauerei, auf dem ein Storchenpaar nistet und auch überwintert, muss abgedichtet werden. Schutz vor Regen ist am dringlichsten. Ansonsten könnte man dort tatsächlich wieder brauen. Und Leben hineinbringen in ein Areal, das viel historisches Leben in sich birgt: einen Geist der Vergangenheit, der schnell wieder herauszukitzeln ist. (Christian Muggenthaler)

Abbildungen (von oben):
Das Schloss Sünching wurde bereits vorbildlich restauriert. (Foto: Claudio Stein)
Der einstige Pferde- und Kuhstall ist von geradezu höfischer Dimensionierung, er ist in den Jahren 1757 bis 1766 zeitgleich mit dem Schloss gebaut worden. (Foto: Claudio Stein)
Die 1747/48 errichtete Orangerie diente zur Überwinterung der Zitrusgewächse aus dem Schlossgarten. (Foto: Claudio Stein)

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