Kultur

Zur Revolution in Aschaffenburg gibt es so gut wie keine Fotografien. Umso wertvoller ist diese Zeichnung aus Privatbesitz (Ausschnitt). Festgehalten ist die Großdemonstration am 7. April 1919, bei der die Räterepublik ausgerufen wurde. Zeichner war der Aschaffenburger Grafiker Wendelin Großmann (1894 bis 1969). (Foto: Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg, Peter Körner/Johannesberg)

26.10.2018

Die Revolution und ihr Echo in der Peripherie

Eine Ausstellung in Aschaffenburg über die Anfänge des Freistaats in München und in Unterfranken

Kurt Eisner (1867 bis 1919), den ersten bayerischen Ministerpräsidenten, kennen heute leider nur wenige. Hinzu kommt, dass seine Rolle während der Revolution und der Ausrufung des Freistaats vor 100 Jahren lange Zeit negativ betrachtet wurde. Erst seit einigen Jahren, angefangen mit der von Bernhard Grau (heute Direktor des Bayerischen Hauptstaatsarchivs) verfassten Biografie, wird sich eingehender mit Eisner befasst.
Oft als Träumer oder Phantast verkannt, wurde Eisner schließlich Opfer antisemitischer Hetze und eines Attentats, das sein Leben vorzeitig beendete – und das zu einem Zeitpunkt, als Eisners politisches Schaffen an der Spitze des neuen Freistaats bereits so gut wie zu Ende war.
Wer war Kurt Eisner? 1867 in Berlin geboren und aufgewachsen, studierte er später Germanistik und Philosophie, konnte aber aufgrund finanzieller Schwierigkeiten nicht promovieren, sondern begann eine durchaus erfolgreiche Karriere als Journalist. Er hatte sich bis 1910 als angesehener Feuilletonist mit hohem Bekanntsheitsgrad etabliert.

Eisner in Stadelheim

1910 siedelte Eisner nach München über, wo er mit seinem „Arbeiter-Feuilleton“ versuchte, die Aufklärung der deutschen Arbeiterschaft durch eine verstärkte Bildung voranzutreiben, und weiterhin Theaterkritiken, unter anderem für die Münchener Post verfasste. Den Ersten Weltkrieg erlebte er in zunehmender politischer Isolation, da er zu den Kritikern des Krieges gehörte und weil er nach der Spaltung der Sozialdemokratischen Partei in Unabhängige und Mehrheitssozialisten die USPD in München organisierte.
In Diskussionsabenden kritisierte Eisner offen die Verhältnisse und führte im Januar 1918 einen Streik in München an, für den er verhaftet wurde. Erst Mitte Oktober, also kurz vor den revolutionären Ereignissen, die den Freistaat begründen würden, durfte er die Haftanstalt Stadelheim verlassen.
Als die Revolution losbrach, war Eisner der Kandidat für den Posten des Ministerpräsidenten, der die Geschäfte einer provisorischen Regierung bis zur Abhaltung von Landtagswahlen leiten sollte. Die Arbeiter- und Soldatenräte der Stadt stützten die neue Regierung, die allerdings mit vielen Problemen zu kämpfen hatte: der Demobilisierung der Truppen, der mangelhaften Versorgungslage, der Kriegsschuldfrage sowie der Frage nach der Zukunft Bayerns im Reich.
In den Landtagswahlen konnte die USPD jedoch nur wenige Stimmen für sich gewinnen, sodass Eisner letztlich seinen Rücktritt verkündete, zu dem es allerdings nicht mehr kam: Auf dem Weg zum Landtag wurde er am 21. Februar 1919 ermordet.
Eisner starb „unvollendet“, sein Wirken zwischen November 1918 und Februar 1919 hat jedoch selbst an der bayerischen Peripherie für Diskussionen und Streit um die politische Zukunft gesorgt. Beispielhaft kann man das in Aschaffenburg nachlesen, wo eine Ausstellung im Stadt- und Stiftsarchiv im Schönborner Hof die Ereignisse dieser Monate auf lokaler Ebene reflektiert. Grundlage für die Ausstellungsteile zu Kurt Eisner sind die Recherche und die Objekte der Ausstellung Revolutionär und Ministerpräsident – Kurt Eisner 1867-1919, die 2017 im Stadtmuseum München zu sehen war. Deren Kuratorin, Ingrid Scherf, ist in die Vorbereitung der Aschaffenburger Präsentation involviert. Die wissenschaftliche Beratung erfolgt durch Frank Jacob (Nord Universitet, Norwegen): einen der aktuell besten Eisner-Kenner.

Besonnene Demonstranten

In Aschaffenburg war am 8. November 1918 ein von der USPD initiierter Protestzug zum Rathaus gezogen. Oberbürgermeister Wilhelm Matt (1872 bis 1936), der die Ernährungssituation der Stadtbevölkerung organisierte, konnte die Demonstrierenden beruhigen. Die Protestzüge am 8. und 9. November 1918 liefen recht geordnet ab, vor allem, weil der USPD-Vorsitzende Adam Eisenhauer (1867 bis 1943) und der Arbeitersekretär Oswald Lauer (1875 bis 1942) zu „Ruhe und Besonnenheit“ aufriefen.
In Aschaffenburg formierte sich ebenfalls ein Arbeiter- und Soldatenrat, der mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatte, wie man sie aus München kannte. Mit der scheinbaren Verschleppung der Wahlen wuchs auch in Aschaffenburg das Misstrauen, dass die Arbeiter- und Soldatenräte danach strebten, eine Diktatur russischen Typs zu begründen. Die Kritik an Eisner wurde somit zu einer allgemeinen Kritik am Rätesystem, so dass die lokalen Ereignisse nur im Zusammenhang mit den Ereignissen der Revolution in Bayern und deren Repräsentantinnen und Repräsentanten, allen voran dem ersten Ministerpräsidenten, zu verstehen sind.
Besonders deutlich wird das bei einer Betrachtung der Maßnahmen, die Arbeiter- und Soldatenräte in Aschaffenburg ergriffen, um ihr politisches „Image“ so positiv wie möglich zu erhalten. Da sich die Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrats in Aschaffenburg über die negative Berichterstattung und mögliche Folgen einer negativen Presseberichterstattung bewusst waren – sah man doch schon im Falle Eisner, wie kritisch die neue Pressefreiheit mitunter genutzt werden konnte – wurde am 7. Februar 1919 vorsorglich eine Vereinbarung mit dem konservativen Beobachter am Main geschlossen.

Journalisten und Revoluzzer

Darin heißt es: „Die Redaktion verpflichtet sich, den Kampf gegen die revolutionäre Regierung und die Arbeiter- u. Soldatenräte nicht in einseitig verhetzender und die Räte heruntersetzender Form zu führen.“ Darüber hinaus musste sich die Redaktion verpflichten, „Berichte über die städt. Körperschaften in unparteischer [sic!] allen Rednern gerecht werdender Form zu bringen und die Berichte selbst von persönlicher Stellungnahme des Berichterstatters frei zu lassen“.
Meinungsäußerungen waren demnach unerwünscht, konnten den schrittweisen Niedergang des Rätesystems aber auch in der unterfränkischen Stadt nicht verhindern, wobei es noch einige Zeit dauern würde, bis es dazu kam.
Die Aschaffenburger Ausstellung nimmt als lokalen Protagonisten der Revolution unter anderem den Sozialdemokraten Jean Stock (1893 bis 1965) in den Blick. Der USPD-Politiker, der Anfang April 1919 eine kurzlebige Räteherrschaft in Aschaffenburg proklamiert hatte (die dann gewaltlos aufgegeben wurde), reüssierte nach dem Zweiten Weltkrieg als Erster Oberbürgermeister der Stadt Aschaffenburg und Regierungspräsident von Unterfranken. (Frank Jacob/Joachim Kemper)

Information: „100 Jahre Revolution in Bayern und Aschaffenburg. Kurt Eisner, der Freistaat und die Räterepublik“. 15. November bis 21. Dezember. Stadt- und Stiftsarchiv im Schönborner Hof, Wermbachstraße 15, 63739 Aschaffenburg. Mo. bis Fr. 11-16 Uhr, zusätzlich an den Wochenenden 17./18. November und 1./2. Dezember. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog. Informationen im Blog des Archivs unter stadtarchiv-aschaffenburg.de
Beim Metropol Verlag, Berlin, erscheint seit 2016 die Reihe „Kurt Eisner-Studien“, welche Werke und Schriften Eisners zugänglich macht.
www.metropol-verlag.de

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