Kultur

Der kongolesische Asylbewerber Alpha Kitenge (links; Toks Körner) ist der einzige, der das Erbe des verstorbenen Metzgers Franz Maisacher (rechts; Michael Heuberger) retten kann. (Foto: Martin Kaufhold)

23.11.2018

Ein Weißwurstrezept überwindet Hautfarbengrenzen

Unterhaltsame Mundart-Komödie von erstaunlicher Aktualität als Uraufführung am Stadttheater Regensburg

Die Kernaussage des Stücks kommt regelrecht en passant daher, so wie alles, was in Wer hat Angst vorm weißen Mann an Botschaften mitschwingt, ohne auch nur ansatzweise lehrhubernd zu sein: „Alle Menschen sind gleich.“ Metzgermeister Franz Maisacher sagt das, genötigt vom Kongolesen Alpha Kitenge. Und dabei ist der Metzger doch ein in der Wolle gefärbter Rassist und Fremdenfeind, für den schon Rosenheim Ausland ist. Aber es hilft alles nichts: Franz ist tot, zu einer Geisterexistenz verurteilt, und muss zusehen, wie er aus dem Jenseits heraus seinen Laden rettet, der den Bach runterzugehen droht; nur der Asylbewerber kann ihn sehen und sein Erbe retten.

Zusammenarbeit zwischen Schwarz und Weiß

Eine perfekte Konstruktion, aus der eine spannende Geschichte und ausgesprochen viel Komik gewonnen werden können. Das bairische Dialektstück von Dominique Lorenz, das jetzt am Stadttheater Regensburg uraufgeführt wurde, basiert auf dem Drehbuch des gleichnamigen Fernsehfilms von Wolfgang Murnberger und beweist, wie modern, zugkräftig und in keinster Weise verstaubt eine Mundart-Komödie sein kann, wenn sie sich nur ganz der Gegenwart zukehrt und spielerisch mit deren Problemen umgeht. Ein Schwarzer produziert Weißwürste in Schwarzarbeit nach dem Rezept eines weißen Geists: Wenn das mal nicht ein Eins-a-Bild ist dafür, wie Hautfarbengrenzen sofort brüchig werden, wenn Zusammenarbeit deutlich Besseres ergibt. Eine Zusammenarbeit zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Diesseits und Jenseits.

Franzens Tochter Zita will den Laden retten, ihr Bruder Anton und dessen Frau Mireille aber bemächtigen sich heimlich des Testaments, das ihr das ermöglichen würde. Sie planen stattdessen irgendwas Super-Trendiges. Dagegen müssen Alpha und Franz vorgehen. Aus der Tatsache, dass der alte Metzger nicht eingreifen kann, aber ständig alles mitbekommen muss, ergeben sich komische Situationen und grüblerische Momente wechselweise. Wunderbar beispielsweise, wenn der Tote die Begräbnisrede seines Kumpels über den dahingeschiedenen Grantler und Sturschädel hört – der möge bitte nicht in einem Wutanfall den Himmel zertrümmern – und so gar nicht mag. Oder wenn er die Klage seiner Tochter vernimmt, er habe sie nie richtig wahrgenommen und darüber ganz, ganz weich wird.

Überhaupt: Ums Weichwerden geht die ganze Komödie, ums über die eigene Verbohrtheit Hinausschauen. Kein Wort darüber, wie das alles ausgeht, aber Schauspielchef Klaus Kusenberg hat mit all seiner Erfahrung diesen Bühnenstoff zu einem höchst vergnüglichen, knapp zweistündigen Theaterabend umgesetzt, der die Geschichte umschmeichelt wie süßer Senf die weiße Wurst.

Vom Sturschädel zum Lernenden

Er versetzt dem Inhalt des Stoffs die nötige Wucht und Dynamik, um zum Leben zu kommen; und näher an die Lebenswirklichkeit des Publikums, als – zumindest überwiegend – in deren Dialekt aufzutreten, kann man kaum kommen. In einer Metzgerwelt mit weißen Kacheln, Fleischwaren und einem malerischen Sauschädel (Bühne: Beate Faßnacht) kommen in realistischer Gewandung (Kostüme: Bettina Marx) ganz normale Leut’ zum Zug: eine Geschichte aus dem Alltag von Geist und Ungeist.

Michael Heuberger verwandelt den Franz mit feinem Gespür für die Figur vom Sturschädel zum Lernenden, tröpfelt ihm besagte Weichheit ein, verwandelt sie sacht. Toks Körner ist als Alpha ein Meister des Schalks und sofortiger Publikumsliebling mit einer deutlich sichtbaren Unterströmung von Trauer angesichts seiner Vorgeschichte im Kongo. Verena Maria Bauer verwandelt die Zita in eine junge Frau zwischen starkem Mut, großer Aufrichtigkeit und manchmaliger Verzweiflung. Robert Herrmanns als Anton, Inga Behring als Mireille und Guido Wachter und Franziska Sörensen in diversen Rollen vervollständigen das Bild einer Theaterproduktion. Nur ein Beispiel: Wachter und Sörensen als besonders tranige Vertreter von Ausländerbehörden, denen das Schicksal des VorfeierabendKäsekuchens deutlich näher geht als das eines geflüchteten Afrikaners. Ein Stück, in dem auf denkbar unauffälligste Art und Weise Erkenntnisse des Miteinanders transportiert werden, das in erster Linie aber ausgesprochen viel Spaß macht.
(Christian Muggenthaler)

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