Kultur

Dominik Graf wird morgen 70 Jahre alt. (Foto: dpa/Peter Kneffel)

05.09.2022

Ergründer des Abseitigen

Regisseur Dominik Graf wird 70

Wenn Dominik Graf einen Krimi inszeniert, sind die Erwartungen hoch und werden meist nicht enttäuscht. Der Münchner versteht es meisterhaft, Geschichten über menschliche Abgründe bis hin zum Mord vielschichtig, rasant und spannend zu erzählen, man denke nur an die "Tatort"-Folge "Frau Bu lacht" oder den "Polizeiruf 110: Der scharlachrote Engel". Und er kann mehr als Krimi, wie er einmal mehr 2021 mit der Erich-Kästner-Verfilmung "Fabian oder der Gang vor die Hunde" bewies. Am Dienstag (6.9.) wird einer der wichtigsten deutschen Filmemacher 70 Jahre alt.

Seine Gabe: im vermeintlich Langweiligen und Abgedroschenen das Unerwartete finden. Eine Fähigkeit, die Graf nutzte, als er für die ARD die Vorabendserie "Der Fahnder" entwickelte, wenige Jahre nach dem Abschluss der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München. Die Herausforderung: Ecken fernab der Münchner Bussi-Bussi-Schickeria zu finden, die nicht nach dem Postkarten-Klischee aussahen.

Dieses Partyleben war ohnehin nicht Grafs Welt. Er suchte lieber nach dreckigen, verfallenen Orte, in den 1980er Jahren noch kein Problem. Die "Fahnder" Filme seien großteils um den Hauptbahnhof herum gedreht worden, "in Etablissements, von denen man annehmen konnte, dass da das Verbrechen zu Hause war", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Heute sei so etwas schwer zu finden. "Der Willen der Politiker, die Städte zu säubern, war ab den 1990er Jahren derart radikal, dass die Städte an den interessantesten Punkten komplett ihr Gesicht verloren haben", bedauert Graf. "Alle außerhalb des Geregelten stattfindenden Dinge und Orte sind mit Sauberkeitswut von den Spießbürgern in den Stadtverwaltungen weggeschafft worden."

In großbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen

Aufgewachsen ist Graf in großbürgerlichen, kulturell interessierten Verhältnissen. Sein Vater war der Theater- und Filmschauspieler Robert Graf, seine Mutter Selma Urfer trat im Kabarett "Die Zwiebel" auf und schrieb Romane. Ein behütetes Elternhaus und ein krasser Gegensatz zu dem Milieu, in dem Graf später viele seiner Werke ansiedelte, mit Getriebenen in einer ruhelosen Welt.

Die Vorliebe für Krimis hatte Graf schon früh entdeckt, durch die Gangstergeschichten von Raymond Chandler oder Ross Macdonald. "Das waren schon eher diese verkommenen, hollywoodianischen Hinterhöfe, der California Sunshine State, wo sich Reichtum und Armut krass gegenüber stehen." Schauplätze, die ihn bei seinen eigenen Filmen inspirierten. "Die musste man versuchen, nach München zu verlegen, das ja immer schon ein bisschen was von California Sunshine State hat, zumindest im Kino kann man das behaupten."

Graf schätzt die Vitalität des Abseitigen: "Es hat interessante Biografien, die ständig kippen können. Menschen, die Abgründe haben, die man ihnen nicht immer sofort ansieht. Es ist eine Welt, die unglaublich viele Varianten bildet, ein dunkler und schärferer Spiegel dessen, was wir im bürgerlichen Leben auch kennen", findet er. Und mittendrin: "diese chamäleonartige Figur des Polizisten", "die den Kopf hinhalten, die kämpfen müssen für das, was sie an Recht und Gesetz hochhalten müssen, und die dabei sehr oft mit den Institutionen in moralische Auseinandersetzungen verwickelt werden".

Über 40 Jahre im Filmgeschäft

Seit mehr als 40 Jahren ist der Münchner nun im Filmgeschäft. Neben Krimis inszenierte er auch andere Genres, etwa die mit dem Grimme-Preis bedachte Komödie "Doktor Knock" oder den Historienfilm "Die geliebten Schwestern". Der Schauspieler Udo Kier ("Swan Song") einen Besessenen. "Nicht nur dass du über all die Jahre hinweg enorm viel und ständig drehst, nein, du wechselst dabei auch locker die Genre", lobte Kier vergangenen Herbst bei einer Preisverleihung seinen Freund. Und das, ohne dass in seinen Filmen Berührungsängste offenbar werden. "Sie drängen sich einfach hinein in das Geschehen und machen sich auch schmutzig."

Lobende Worte, doch Graf ist keiner, der sich gerne feiern lässt. "So richtig Talent habe ich dafür glaube ich nicht", gibt der Filmemacher zu, der mit der Regisseurin Sherry Hormann und mit Oscarpreisträgerin Caroline Link liiert war und mit beiden jeweils eine Tochter hat. Den 70. Geburtstag wird der Münchner aber dennoch feiern - "mit meinen lieben, engen Anverwandten, nicht so groß, aber schön".
(Cordula Dieckmann, dpa)

 

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