Kultur

Aus der Serie „Kalender“. (Foto: Museum Villa Stuck, Nikolaus Steglich)

03.08.2018

Erhellende Absurdität

José Antonio Suárez Londoños „Almanach“ und Installationen von Christian Hartard in der Münchner Villa Stuck

Was für ein Name! Ein Name, der eigentlich selbst schon als Kunstwerk durchgeht: José Antonio Suárez Londoño – so könnte eine Romanfigur des kolumbianischen Literatur-Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez heißen. In Wirklichkeit heißt so aber der renommierte kolumbianische Künstler, dem die Münchner Villa Stuck die erste Ausstellung in Deutschland widmet. Und wer aus der schier unübersehbaren Fülle von gut 1000 Kunstwerken, die da versammelt sind, jedes einzelne genau betrachten wollte, hätte tatsächlich genug zu tun, um damit Hundert Jahre Einsamkeit („Cien años de soledad“, so der Titel von Marquez’ berühmten Roman aus dem Jahr 1967) zu überbrücken.
Der wie Márquez aus Medellín stammende und heute wieder dort lebende Londoño ist nämlich einer jener manischen Kritzler, Sammler, Aufzeichner und Privatmythologen, die eine Art buchhalterischen Trieb auf künstlerische Weise ins Extrem und damit in die Sphären erhellender Absurdität treiben.

Fixierungsdrang

Almanach heißt nicht grundlos diese Ausstellung, denn es sind Kalender, Tagebücher, Notizblöcke, Jahrbücher und dergleichen, in die der 1955 geborene Künstler hineinzeichnet und die seinem permanenten Fixierungsdrang ein äußeres Gerüst geben.
Dass Londoño zuerst Biologie studiert hat, ehe er in Genf noch ein Kunststudium dranhängte, merkt man einigen seiner Werke an. Sie erinnern an Illustrationen aus zoologischen und botanischen Lehrbüchern oder Nachschlagewerken des 19. Jahrhunderts. Daneben finden sich technische Zeichnungen, die ebenfalls ein Anno-Dazumal-Aroma verströmen. Anderes lässt an Collagen von Max Ernst denken. Dann wieder sind Blätter aus Abreißkalendern neben Zeichnungen in Skizzenbücher geklebt.

Gezeichnete Enzyklopädie

Irgendwo zwischen Struwwelpeter, Höhlenmalerei und frühem Beuys ist der vielgestaltige Stil dieses Künstlers angesiedelt. Aber auf das jeweils einzelne Bildchen, das man natürlich auch mit Freude betrachten kann, kommt es bei Londoño ohnehin so wenig an wie bei Gerhard Richters Atlas. Entscheidend ist vielmehr der obsessive Gestus des gesamten, quasi lebenslangen Projekts; dieses nie vollendbaren Versuchs, eine gezeichnete Enzyklopädie der ganzen Welt zu erstellen, was letztlich auf eine Verdoppelung der gesamten Realität hinausliefe.
Anrührend und heroisch zugleich wirkt Londoños Unterfangen aber nicht nur, weil ihm seine Vergeblichkeit von vornherein eingeschrieben ist und so einen zarten poetischen Zauber verleiht. Sondern auch weil es – wie ähnliche Unternehmungen anderer Künstler – aus heutiger Sicht unversehens als analoge Vorwegnahme des Internets erscheint, das gleichfalls als eine solche enzyklopädische Duplikation der Wirklichkeit, als große, manische Kunstaktion der ganzen Menschheit deutbar wäre.
Die bei Londoño nur latent spürbare Abgründigkeit ist Hauptthema der zweiten, kleinen neuen Ausstellung der Stuck-Villa. Im Rahmen der Avantgarde-Reihe Ricochet zeigt der Münchner Künstler Christian Hartard (geboren 1977) vibrierende Fensterfronten, Vorhänge unter Strom oder flüssiges Wachs in brühheißen Stahlbecken. Faszinierend und erschreckend, wie im Kontrast zur scheinbar meditativen Ruhe dieser Objekte ihre dräuende Bedrohlichkeit um so stärker hervortritt. (Alexander Altmann)

Information: Bis 16. September. Museum Villa Stuck, Prinzregentenstraße 60, 81675 München. Di. bis So. 11-18 Uhr; jeden ersten Freitag im Monat freier Eintritt zwischen 18 und 22 Uhr.
www.villastuck.de

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