Kultur

Eine fein rausgeputzte tierische Tischgesellschaft freut sich auf Miesmuscheln. (Foto: Kunstgalerie Fürth/Heino Jaeger)

01.03.2024

Faible für Anarchisches

Hintergründige Satire über den kleinbürgerlichen Alltag: Die Kunstgalerie Fürth zeigt Heino Jaegers Werk in einer multimedialen Schau

Dass Kunst nicht nur bierernst, sondern auch urkomisch sein kann, zeigt eine Ausstellung in der Städtischen Kunstgalerie Fürth. Unter dem Titel Man glaubt es nicht widmet sich das Museum am Königsplatz dem humoristischen Werk von Heino Jaeger (1938 bis 1997), der von Größen der Satire wie Olli Dittrich und Heinz Strunk hoch verehrt wird.
Vor etwa 20 Jahren hat man in Fürth die stillgelegte Sparkasse beim Rathaus in eine Kunstgalerie umgewandelt. Der Geist der Banker ist längst verflogen – jetzt regiert die Satire zwischen automatischer Glastür und weißen Stellwänden. Mit dieser Ausstellung ist Natalie de Ligt ein Coup in der Heimat von „Waltraud und Mariechen“ (alias Volker Heißmann und Martin Rassau) in der benachbarten „Comödie“ gelungen.

Bitterböse Realsatire

„Der Humor von Heino Jaeger ist nicht derselbe wie bei Heißmann und Rassau“, sagt die Leiterin der Kunstgalerie. „Egersdörferisch“ sei die bitterböse Realsatire des in Hamburg geborenen Jaeger schon eher, sagt sie in Anspielung auf den bekannten Kabarettisten, Komiker und Schauspieler Matthias Egersdörfer aus Franken, mit dem die Ausstellungskuratorin und Museumsleiterin verheiratet ist; beide leben in Fürth. „Ich kenne mich ein bisschen in der Kabarettszene aus“, sagt de Ligt bescheiden. Über „einen Bekannten“ habe die Kuratorin den pointenlosen Humor des Hamburgers schon vor Jahren kennen und lieben gelernt.

Der egersdörferische Hang zur fränkischen Cholerik ist bei Jaeger allerdings weniger ausgeprägt. Das Faible für die Anarchie flammt dagegen besonders in den Hörstücken auf. Um die Sprachsatiren aus der Rundfunkreihe Fragen Sie Dr. Jaeger richtig in Szene zu setzen, hat de Ligt die alten, grünen Tastentelefone aus längst vergangen geglaubten Sparkassenzeiten wieder hervorgekramt und an die Wand geschraubt. Hier kann das Ausstellungspublikum mit den altmodischen Hörern in der Hand in die grotesken Humorwelten abtauchen und dem hanseatischen Sprachkünstler Jaeger bei aberwitzigen Rollenwechselspielereien als Seelenklempner der Kleinbürger mit dem Ohr an der Muschel lauschen. In dem Hörstück mit dem schlichten Titel Passkontrolle mimt Jaeger am Mikrofon zum Beispiel einen pensionierten Zollbeamten, der in seiner spießigen Überkorrektheit sogar in den eigenen vier Wänden die Ausweise von Frau und Kindern kontrollieren will. „Das ist fast wie bei Loriot – nur noch eine Spur härter“, beschreibt die Ausstellungsmacherin die hintergründige Satire über den kleinbürgerlichen Alltag. „In seiner Pointenlosigkeit ist Jaeger seiner Zeit wirklich weit voraus gewesen“, schwärmt de Ligt.

Weniger bekannt ist bislang das zeichnerische Werk von Jaeger gewesen, der nach seiner Zeit auf der Kunsthochschule das bunte Treiben rund um Landungsbrücken und Reeperbahn als gemalte Realsatire mit traurigem Unterton dokumentierte. In seinen Bildern hat Jaeger ebenso Kriegserlebnisse und familiäre Verluste verarbeitet. Alles andere als unbeschwert wirken auch die nichtjugendfreien Szenen aus dem „sündigen“ St. Pauli. Die guten Sitten scheinen überdies bei seinen Tischszenen mit grotesken Mischwesen außer Kraft gesetzt, wenn zum Beispiel maritime Fabeltiere über den Muscheltopf herfallen.

Obsessiv gemalt

Zeitweise habe sich Jaeger neben zunehmender Trunksucht auch obsessiv der Malerei hingegeben, berichtet de Ligt beim Rundgang durch die knapp 200 Quadratmeter große Ausstellungsfläche. Rund 100 Leihgaben aus allen Schaffensphasen sind in Fürth zu sehen, um das Werk des 1997 gestorbenen Ausnahmekomikers aus dem hohen Norden zum ersten Mal auch dem Publikum im Süden Deutschlands zeigen zu können. Die Galerieleiterin freut sich: „Die Ausstellung kommt super an“, das Fürther Publikum ist offen für den fröhlichen Klamauk ebenso wie für die bissige Satire. Weil der Platz in der umfunktionierten Sparkasse für das umfangreiche Werk Jaegers nicht ganz ausreicht, werden seine Druckgrafiken und Tuschzeichnungen in der befreundeten Galerie Bernsteinzimmer in Nürnberg gezeigt. (Nikolas Pelke)

Information: Bis 7. April. Kunstgalerie, Königsplatz 1, 90762 Fürth. www.kunst-galerie-fuerth.de

 

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