Kultur

"Gods and Dogs" beschreibt die Grenzauflösung zwischen Göttlichem und Animalischem. (Foto: Tandy)

27.04.2012

Feier des bewegten Körpers

Münchner Ballettwoche: Keine Scheu vor Unterhaltung

Fürs und vom Staatsballett nur das Beste: Jerome Robbins’ Bach-Ballett Goldberg-Variationen, kreiert 1971 fürs illustre New York City Ballet und bis jetzt nur von diesem getanzt, machte zusammen mit Gods and Dogs (2008) von Jiri Kylián den Auftakt der Münchner Ballettwoche im Nationaltheater. Das neoklassische Juwel von Robbins, diesem Multitalent zwischen Ballett und Musical, und dieses „Götter und Hunde“ vom tschechischen Modern-Dance-Meister: eine Feier des bewegten Körpers.
Im Robbins waren die Staatsballett-Tänzer anmutig in der Geste, präzise in der pfeilschnellen Fußarbeit; im Kylián tierhaft geschmeidig-explosiv, sich selbst in freien zuckenden, schlagenden, fallenden Bewegungen bis an physische Grenzen anpeitschend. Mit dieser körperlichen Entäußerung als Metapher für die Grenzauflösung zwischen dem Göttlichen und dem Animalischen im Menschen liefert Kylián den dionysischen Teil des Abends.
Robbins ist dagegen der Vertreter des Apollinischen. Tief hineinlauschend in die Bach-Musik entspricht er dessen 30 Variationen: in raum-choreografisch variierten Formen von großer Gruppe, Quartetten, Pas de trois, Duetten, Pas de deux und Soli. Die Tanztempi allegro-lebhaft, extrem elegisch verlangsamt und auch spannungsvoll gegenläufig zur Musik. Im Schrittmaterial trifft Neoklassik auf Jazzdance, auf Folklore und auf grazil-barocke Tanzbewegung. Die elegant-heitere Entspanntheit überträgt sich auf den Zuschauer.
Entspannen konnte man auch beim ersten München-Gastspiel des Birmingham Royal Ballett (BRB), das von seiner Royal Ballet Sinfonia begleitet wurde: Dave Brubecks Take Five vom BRB-Chef beamt mit swingend raumgreifender Bewegung zwischen Neoklassik und Jazzdance zurück in unbeschwerte 50er Jahre.
The Dream (1964) vom maßgebenden britischen Choreografen der ersten Stunde, Frederick Ashton, schöpft mit umwerfend komischer Grazie und in spannungsvoller Kürze Shakespeares Sommernachtstraum-Liebesverwirrungen nach. Und das Museums-Juwel Checkmate (1937) der Gründerin des englischen Balletts, Ninette de Valois, führt den Kampf zwischen Liebe und Tod als marionettenhaftes Schachspiel vor. Das Staatsballett-Spielzeit-Motto lautet „Very British!“. Und mit dem BRB weiß man nun, was darunter gemeint ist: gekonntes Geschichtenerzählen, mit Bewegungshumor und elektrisierender Tanztechnik. Und keine Scheu, unterhaltsam zu sein. (Katrin Stegmeier)

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