Kultur

Salome (Marlis Petersen) im Tanz mit dem Tod (Pete Jolesch). (Foto: Wilfried Hösl)

05.07.2019

Fesselnde Charakterstudie

Die neue „Salome“ von Richard Strauss an der Bayerischen Staatsoper ist ein Fest der Sängerdarsteller

Der Anfang irritiert. Bevor die eigentliche Oper losgeht, lauschen die Charaktere dem ersten Lied aus den Kindertotenliedern von Gustav Mahler. So lässt Krzysztof Warlikowski seine Neuinszenierung der Salome von Richard Strauss beginnen. Erst im weiteren Verlauf der Inszenierung zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele erschließt sich der Sinn für diesen Anfang. Denn wiederholt taucht ein Mädchen in der Szene auf. Sie spiegelt nicht so sehr die junge Salome wider wie in anderen Inszenierungen. Vielmehr repräsentiert sie die von den Nazis verfolgte und ermordete Anne Frank – deshalb die Kindertoten-Lieder. Mahlers Musik wurde von den Nazis verboten – der Komponist war konvertierter Jude. Er mochte die Salome von Strauss sehr.

Warlikowski verbindet den Einakter zeithistorisch mit dem Holocaust. Mit dem Prolog vor dem eigentlichen Beginn der Oper entwirft er ein Theater im Theater, zumal auch die Kostüme die Zeit der 1930er- und 1940er-Jahre atmen.

Wie Theater im Ghetto

Im weiteren Verlauf wirkt diese Salome wie die Aufführung einer Theatergruppe im Warschauer Ghetto (Bühne und Ausstattung: Malgorzata Szcz(´s)niak). Hierin liegt die Brisanz der Regie. Wenn nämlich der Prophet Jochanaan von Jesus kündet und den ungläubigen Juden Unheil prophezeit, so ist es der Holocaust, der bei Warlikowski faktisch diese Strafe Gottes markiert.

Nun ist Warlikowski gewiss kein Antisemit. Als gebürtiger Pole ist er überdies in einer fraglos anderen Position als ein deutscher Regisseur. Seine Inszenierung spielt bewusst mit antisemitischen Klischees, die bis heute bedient werden. Genau das macht diese Neuproduktion so erschütternd aktuell.

Wenn Salome schlussendlich tanzt, gesellt sich bei Warlikowski die stumme Rolle des Todes hinzu – eine verstörend großartige Szene. Im Hintergrund zeigt das Video von Kamil Polak in Comic-Animation die Fresken der Synagoge von Chodorow (Ukraine), die 1941 unter deutscher Besatzung zerstört wurde.
Am Ende begeht die jüdische Gruppe, das Theater im Theater, kollektiven Selbstmord. Salome wird wohl der anrückenden Gestapo geopfert. Dafür gab es einige Buh-Rufe, umso größer war der Jubel für die Solisten und Kirill Petrenko. Bei Marlis Petersen wollte der Beifall gar nicht aufhören – absolut zu Recht. Denn ihr Rollendebüt als Salome war eine veritable Sensation. Statt diese Partie im Überdruck herauszupressen, entschlackte Petersen auf der Premiere die Salome – mit unerschöpflichem Farben- und Ausdrucksreichtum. Diese Salome war alles zusammen: dramatisch und lyrisch, sinnlich und abgründig, erotisch und abstoßend, stark und gebrochen. Schon durch den Gesang gelang Petersen eine fesselnde Charakterstudie.

Dabei profitierte sie auch vom Bayerischen Staatsorchester, das sich unter Petrenko von seiner allerbesten Seite präsentierte. Selbst in hochdramatischen Entladungen mussten die Stimmen nie gegen das Orchester anschreien – umso befreiter das Ergebnis. Ob Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Herodes und Michaela Schuster als Herodias, Wolfgang Koch als Prophet Jochanaan, Pavol Breslik als Narraboth oder Rachael Wilson als Page der Herodias: Hier agierten echte Sängerdarsteller. (Marco Frei)

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