Kultur

Vor allem Hebungen machen die Rücken der Tänzer kaputt – ihre Partnerinnen (hier Lucia Lacarra) leiden nach vielen Jahren Tanz auf Spitzen unter anderem an kaputten Füßen. (Foto: Charles Tandy)

18.06.2021

Froh über Fußgängerrollen

Das Berufsleben in einem Ballettensemble ist kurz – was kommt danach?

Leichtfüßig schweben sie über die Bühne, brillieren auf Spitze oder machen akrobatische Hebungen: Tänzerinnen und Tänzer schinden ihre Körper. Das Karriereende kommt spätestens im Alter von um die 40. Wie geht es dann weiter? Nicht alle haben die Möglichkeit zu altersgerechten Rollen und Jobs an den Theatern.

„Du hast keine Kindheit, du bist nicht reich und musst früh aufhören“ – so knapp und knallhart formulierte es vor Jahren Konstanze Vernon (1939 bis 2013), Münchens Primaballerina, Akademieleiterin und Gründerin des Bayerischen Staatsballetts. Und dennoch: Jeder junge Mensch, der den Tanz als seinen Lebensinhalt entdeckt hat, lässt sich nicht so leicht abschrecken – nicht einmal von den langen Corona-Lockdowns, wie Jan Broeckx sagt; er ist der aktuelle Leiter der Ballett-Akademie der Musikhochschule München.

Notwendige Altersgrenze

Zum „Traumberuf Balletttänzer*in“ einige Stichworte:
• Unterricht (möglichst) ab sechs Jahren,
• danach mehrjähriges Studium an einer Akademie oder einer Privatschule – und zwar parallel zum Schulunterricht,
• mit etwa 18 Jahren Engagement an einem städtischen oder staatlichen Theater – wenn überhaupt eines verfügbar ist,
• Bühnenabschied im Alter von 40 bis 42 Jahren, bei schwerwiegender Verletzung viel früher,
• nach dem Abschied hin und wieder noch Gastspiel-Einladungen.

Die Altersgrenze ist geboten: Bei den Frauen sind die Füße durch das Tanzen auf Spitze mitgenommen, bei den Herren meist der Rücken durch die kraftfordernden Hebungen ihrer Partnerinnen – um nur zwei körperliche Beanspruchungspunkte zu nennen.

Widerstandsfähige Alt-Ballerinen sind die Ausnahmen. So war 1990 bei der Biennale de la Danse in Lyon die weltberühmte kubanische Primaballerina Alicia Alonso (1920 bis 2019) zu erleben: Mit 70 Jahren tanzte sie auf Spitze einen Pas de deux, gestützt von einem kräftigen jungen Partner. Die Über-Kopf-Hebungen klappten perfekt.

In der Regel jedoch treten verabschiedete Tänzerinnen und Tänzer höchstens noch in den sogenannten Fußgängerrollen auf, also vorwiegend im aristokratischen oder im Dienst-Personal der traditionellen Handlungsballette. Das ist dann ein Extra-Praliné zu gleichzeitigen Aufgaben wie zum Beispiel die Verwaltung der Spitzenschuhe oder die Probenplanung.

Erfahrung weitergeben

Begehrt ist vor allem die Position der Ballettmeisterin/des Ballettmeisters, in die man als Ex-Ensemble-Mitglied hineinwachsen kann. Neben Yana Zelensky, der Ehefrau von Münchens Staatsballett-Chef Igor Zelensky, gehören aktuell fünf „Ehemalige“ zum entsprechenden Team: Thomas Mayr, Judith Turos, Valentina Divina, Norbert Graf und Ivy Amista. Sie geben Training, leiten die Proben und coachen die Solistinnen und Solisten beim Erlernen ihrer Rollen. Von Vorteil ist, dass sie das Repertoire kennen, zum großen Teil auch alle Ensemblemitglieder (selbst bei einer gewissen Fluktuation, weil manche Verträge nicht verlängert werden oder die jungen Leute sich selbst verändern wollen).

Viele Ehemalige wollen auch nach ihrem Abschied aus einem festen Ballettensemble weiterhin diesem Umfeld verbunden bleiben: Sie werden Pädagogen an einer Akademie, an einer Privatschule, eröffnen ihr eigenes Ballettstudio oder suchen sich administrative Funktionen im Metier. Andere orientieren sich in Richtung Physiotherapie und Körpertechniken wie Feldenkrais, Kieser-Training, Pilates, Yoga oder Massage. Diejenigen, die sich schon während ihrer aktiven Tanzkarriere auch für die Choreografie interessierten, wagen eigene Werke. Andere werfen sich auf die Ballett-Fotografie oder den Tanzjournalismus. Manche studieren, wie aus dem Staatsballett zu hören ist, Medizin oder Betriebswirtschaft. Zwischenzeitlich ist auch Taxi-Fahren eine Erwerbsoption.

Der Übergang in ein zweites Berufsleben ist nicht leicht. Im Klartext: Nach täglichem Training, Proben von stilistisch ganz unterschiedlichen Stücken und abendlichen Vorstellungen ist der Tänzerkörper am Ende des Tages einfach kaputt. Energie, sich während des Tanzalltags auch schon mit der Zukunft zu beschäftigen, haben die wenigsten. Mittlerweile gibt es Einrichtungen, die beim Berufswechsel und auch bei Finanzierungsfragen beraten und unterstützen: so die Berliner Stiftung Tanz – Transition Zentrum Deutschland, aus der Schweiz heraus hilft die International Organization for the Transition of Professional Dancers. Der österreichische Rohstoffkonzern OMV in Zusammenarbeit mit dem Wiener Staatsballett springt ein mit einem Fonds für die Weiterbildung.

Angemerkt sei hier, dass die Ballett-Institutionen sich in vielerlei Hinsicht zu einer zeitgemäßen Einstellung vorgearbeitet haben: Während den Ballerinen früher das Kinderkriegen quasi verboten wurde, gibt es inzwischen eine professionell betreute Krippe für die Kleinen bis zu drei Jahren fürs Bayerische Staatsballett und die Bayerische Staatsoper.

Schon seit einigen Jahren steht dem Ballettensemble eine Massagefachkraft zur Verfügung. Und Staatsballett-Chef Zelensky hat einen mit Geräten bestückten Fitnessraum einrichten lassen, der jederzeit benutzt werden kann.

Freier Tanz ist schonender

Der eigenverantwortliche Umgang mit dem Körper schien dem freien Tanz eine Selbstverständlichkeit, vielleicht ganz unbewusst. Jedenfalls zielten die Tänze von Rudolf von Laban, Mary Wigman, Valeska Gert und Gret Palucca, um nur an ein paar einschlägige Namen zu erinnern, nie auf Bravour. Tanzen war eher ein natürlicher Bewegungsfluss, ein Sich-Befreien von Zwängen, eine Möglichkeit, inneres Erleben nach außen zu übersetzen. Ihre Art zu tanzen riskierte keinen frühzeitigen Verschleiß.

Alle Künstlerinnen und Künstler dieses in den 1910er-Jahren entstandenen freien oder sogenannten expressionistischen Tanzes traten im Alter noch weit nach 50 plus auf. Mary Wigman beendete mit 56 offiziell ihre aktive Karriere, fühlte sich nach eigener Aussage aber noch zu jung für diesen Abschied. Jií Kyliáns Nederlands Dans Theater III, das bis 2006 aktiv war, lenkte den Blick auf ältere Tanzende. 2015/16 formierte sich die freie Gruppe Dance On ab 40 Jahren. Der künstlerische Leiter, der US-Amerikaner Ty Boomershine (1968 geboren), tanzt noch selbst. Seine Ü40-Truppe präsentierte er jüngst bei der Münchner Biennale Dance mit einer Choreografie der US-Postmodernen Lucinda Childs, deren langjähriger Assistent er war.

Der Sondercharakter des Tanzes der Älteren, welche Stücke sie tanzen und wie sie sie auf die Bühne bringen – das ist ein Extra-Kapitel. (Katrin Stegmeier)

Abbildungen:
Die weltweit gefeierte kubanische Primaballerina Alicia Alonso stand noch 70-jährig auf Spitzen. Diese Aufnahme zeigt sie im Alter von 92 Jahren auf der Bühne des Ballettfestivals in Havanna.   (Foto: dpa/Stringer)

Körperlich schonender ist der freie oder expressionistische Tanz, der in den 1910er-Jahren aufkam und das Tanzen auch in fortgeschrittenem Alter möglich macht. Eine der berühmten frühen Vertreterinnen war Mary Wigman. (Foto: SZ Photo)

 

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