Kultur

Trotz Borkenkäfer & Co beweist der Nationalpark Bayerischer Wald, wie sich die Natur selbst helfen kann, wenn der Mensch nicht eingreift. (Foto: Filmstill „Der Wilde Wald“

01.10.2021

Geheimnisvoller Lernort

In ihrem Film „Der Wilde Wald“ dokumentiert Lisa Eder eindringlich den sinnvollen Umgang mit dem Bayerischen Wald im Zeichen des Klimawandels

Ein Film wie ein Plädoyer in wunderbaren Bildern, groß und mächtig wie der Arber und geheimnisvoll und intim wie das Innere eines Vogelnests: Der Dokumentarfilm Der Wilde Wald von Lisa Eder ist eine Reise durch eine Naturlandschaft, die vielen bekannt, aber in ihrer Grandiosität und Anmut nicht ganz so vielen tatsächlich geläufig sein dürfte. Denn der Nationalpark Bayerischer Wald birgt vor allem dort, wo man eben nicht so einfach hingelangen kann, Geheimnisse und Geheimnisvolles. Dieser unsichtbaren Seele des Waldes kann man nun in einem Film nachschmecken, der am 7. Oktober in den Kinos anläuft – nach einer gelungenen Premiere beim Münchner Dok.fest und einer sehr erfolgreichen Tour durch die filmischen Sommer-Open-Airs.

Entschleunigt erzählen

Wölfe und Wespen, Luchse und Käuze: Lisa Eder nimmt in ihrem Film den Rhythmus der Natur auf, erzählt entschleunigt mit langem Atem. Die Flora und Fauna sind es, die die Kamera in diesem Film eingefangen hat. Aber er zeigt noch viel mehr. Er ist das Leinwandformat jener Philosophie, die hinter dem Unternehmen Nationalpark steckt. Diese Philosophie hat Lisa Eder, erfahrene Dokumentarfilmerin und selbst aus dem Wald stammend, packend verpackt: Damit die Natur ganz Natur sein kann, braucht es den Eingriff des Menschen gar nicht. In all dieser Überheblichkeit, nur wir könnten die Natur gestalten und verwalten, damit sie ganz zu sich selbst findet, sind wir auf einem ordentlichen Holzweg. Es sei für den Menschen offenbar „eine große Herausforderung, nichts zu tun“. Dabei zeige gerade dieses Stück Natur, dieser völlig allein gelassene und auf sich gestellte Bayerische Wald, wie es in Zukunft gehen könne – und müsse. Schließlich gelte es irgendwie mit dem Klimawandel zurechtkommen. Genau dafür sei der Bayerische Wald ein wichtiger Lernort: um Entwicklungen in ihm zu beobachten, von ihm zu lernen, die Erkenntnisse weltweit auf ähnliche Habitate zu übertragen.

„Die Natur zeigt uns, wie’s geht“, sagt Eder, die sich mit ihrem Filmteam lange im Bayerischen Wald aufgehalten und ihn von innen heraus erkundet hat – auch die Haltung der Leute zu ihm. Sie lässt genau jene zu Wort kommen, die den Wald als Lernort kennen und schätzen, wie die amerikanische Forstökologin Diana Six, die Philosophin Christina Pinsdorf und den Nationalparkchef Franz Leibl, zudem Waldliebhaber wie Peter Langhammer, Pavel Hubeny und Bastian Kalous, ein Fotokünstler aus Freyung, den der Film als Rahmenhandlung bei seinen Streifzügen durch den Wald begleitet. Sie alle haben ihre wissenschaftlichen und auch persönlichen Sichtweisen auf dieses Waldwunder. Das Spektrum der Leute, die mit dem Wald zu tun haben, ist ein weites.

Klimakiller Forstwirtschaft

Es geht unter anderem darum, wie man Waldwirtschaft mit einem naturnahen Zustand der Wälder verbinden kann. Denn viele heutigen Wälder, vor allem die Nadelholz-Monokulturen, sind im Grunde Holzfabriken, die dem Klimawandel kaum gewachsen sind. Ein Thema, wie es auch Förster und Buchautor Peter Wohlleben (Das geheime Leben der Bäume) gern an die Öffentlichkeit bringt. Denn oft erweist sich die Forstwirtschaft als wahrer Klimakiller: Es werden Bäume gepflanzt, wo sie sinnvollerweise überhaupt nicht hingehören. Nadelbäume sind an vielen Standorten ungefähr so sinnvoll wie „Palmen im Bayerischen Wald“, sagt Lisa Eder. Ihr Film zeigt, dass und wie es anders geht. Es gibt Menschen, die haben längst erkannt, wie naturnahe Waldwirtschaft funktioniert.

Das macht einerseits Mut, andererseits traurig: weil es so langsam geht. Redet man mit der Regisseurin, mischt sich in diese Trauer Wut: „Das geht mir an die Seele. Politisch passiert nix.“

Aber es braucht eben auch den langen Atem des Aufklärens. Der Wilde Wald ist so ein Aufklärungsfilm, damit am Ende doch was passiert: „Viele Leute wissen gar nicht, was ein Wald überhaupt ist“, sagt Lisa Eder. Aber man muss wissen, um was es geht, damit man entscheiden kann, was einem die Natur wert ist. Auf lange Sicht ist sie ohnehin die Stärkere.

Heute scheint der Wert des Bayerischen Waldes klar. Seine Wildnis musste – auch das zeigt der Film – der Ideologie der Kulturlandschaft allerdings regelrecht abgerungen werden. „Das war ein Glücksfall“, sagt Eder. Die Proteste aber, als die Natur ganz Natur sein durfte, waren laut. Denn die Entscheidung bedeutete unter anderem: Der Borkenkäfer weidete. Totholz wurde dennoch nicht beseitigt. Das führte zu einem viele Menschen irritierenden massiven Baumsterben. Aber die Naturparkleitung war trotz aller Proteste konsequent geblieben. Heute zeigt sich: völlig zu Recht.
Denn statt monokulturell geprägter Waldgebiete hat sich erstaunlich und überraschend schnell ein junger, vielfältiger, gesunder Wald entwickelt, ein Trittstein hin zur gewollten Entwicklung zu einem wirklichen Urwald. Dessen grüne Triebe zeigt der Film. (Christian Muggenthaler)

Information: Der Wilde Wald, 91 Minuten, R/D/P: Lisa Eder, Kamera: Tobias Corts. Kinostart 7. Oktober. www.lisaederfilm.de

 

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