Kultur

Bis auf die Knochen entblößt tanzen "Die Liebenden" (1987) - hier ein Ausschnitt, die Gesamtansicht finden Sie im Beitrag. (Foto: VG Bild-Kunst/Christian Kaister)

27.10.2023

Gemalte Warnhinweise

Zeitkritisches von Horst Meister im Regensburger Leeren Beutel

Eine Wiese. Eine Landschaft mit Blumen. Oben ein völlig schwarzer Himmel. Unten ein toter Mensch, ein Leichnam mit offenem Mund. Er liegt da und kann nicht geborgen werden, weil Heckenschützen nur darauf warten, dass ihnen jemand vors Visier läuft, erklärt der beigegebene Text.

Es ist eine Szene aus dem belagerten Sarajewo der 1990er-Jahre, als der Bosnien-Krieg tobte. Horst Meister hat 1995 als Maler auf diesen Schrecken reagiert. Das Bild hängt aktuell gemeinsam mit vielen anderen seiner Bilder, die den Tod oder den todbringenden Menschen zum Thema haben, in einer Ausstellung in der Städtischen Galerie im Leeren Beutel in Regensburg: Horst Meister – Tod und Totentanz heißt die Schau mit zeitkritischen Bildern, Druckgrafiken und Zeichnungen.

Meister wurde 1937 in Karlsruhe geboren, studierte dort Malerei bei HAP Grieshaber, lebte Mitte der 1970er-Jahre auch einige Zeit in Regensburg. Seine Kunst ist durch und durch politische Kunst, sie ist bitter, entlarvend und düster. Weil, so lässt die Ausstellung ahnen, hinter vielem im Weltgeschehen der nackte Tod hervorlinst. Er malt zum Beispiel Akte ohne Fleisch.

Chronist des Schreckens

Man möchte in der gegenwärtigen Bilderflut kaum glauben, dass der Schrecken wohl immerwährend zur Menschheitsgeschichte gehört. Horst Meister ist einer von dessen Chronisten. Er zeigt Geschehnisse, wie sie sind. Was er sieht. Und er warnt. In einem Gemälde aus dem Jahr 2017 sieht man einen Totentanz rund um die brennenden Twin Towers in New York; die Friedenstaube ist vor Ruß ganz schwarz. Es ist ein Tanz ums Goldene Kalb, kopflose Tiere liegen auf den Türmen wie auf einem Grill, rundherum sieht man skelettierte Wesen. Und der Tod schlägt aus allem Profit.

Ein anderes Bild, Das Boot ist voll betitelt, zeigt ebenfalls lauter Skelette mit Europa- und Deutschlandfahnen in einem ausgetrockneten Meer: Das bezieht sich auf abgedrängte Bootsflüchtlinge im Mittelmeer, aber auch darauf, dass angesichts globaler Entwicklungen wie Klimawandel und Dürre der starre Blick auf Grenzen sowieso irgendwann erst lächerlich, dann tödlich wird.

WAA und Sensenmann

Horst Meister mischt sich ein, auch mit seinen Grafiken, die er gern einmal in Zyklen entwirft. So etwa sein nicht nur in der Anti-atomkraftbewegung berühmt gewordener Schwandorfer Totentanz (1983). Zusammen mit vielen anderen Kunstschaffenden war er mit diesem Werk Teil der Demonstrationen gegen die Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in Wackersdorf. Auf den elf Bildern der Reihe sieht man einen Bauer gemeinsam mit dem Tod beim Sensen, ein andermal hält der Tod einem Richter die Augen zu, auf einem weiteren spielt er mit einem offenbar hochrangigen Militär Schach, die Spielfiguren sind Kühltürme und Raketen. Das spielt auf die Möglichkeit an, in einer WAA waffenfähiges Plutonium zu gewinnen – es herrschte ja noch der Kalte Krieg. Das Atomwaffenarsenal auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs ergab eine permanente Todesgefahr. Horst Meister hat auch diese thematisiert, beispielsweise in den 18 Blättern des Ein deutscher Totentanz (1987), der ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist. Der Tod ist hier ein permanenter Summenstrich in den dauerhaft mörderischen Eskalationsstufen der Geschichte. Horst Meister klebt quasi auf die Geschichte Warnhinweise. (Christian Muggenthaler)

Information: Bis 12. November. Städtische Galerie Leerer Beutel, Bertoldstraße 9, 93047 Regensburg. www.regensburg.de

Abbildung: Bis auf die Knochen entblößt tanzen "Die Liebenden" (1987). (Foto: VG Bild-Kunst/Christian Kaister)

 

 

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