Kultur

Kann man erkennen, ob Kunstwerke von Frauen oder Männern geschaffen wurden? "Protest" (Ausschnitt) stammt von Jans Muskee. (Foto: Haus der Kunst)

04.08.2017

Geniale Gene

Die dritte Biennale des Künstlerverbunds im Haus der Kunst hinterfragt, ob es geschlechterspezifische Kunst gibt

Nach dem Rundgang fühlt man sich schon ein bisschen k.o. von so viel schlagfertiger Kunst: Einen richtigen Boxring hat beispielsweise Hester Oerlemans aufgebaut. Die Seile außen herum, an denen taumelnde Kämpfer Halt finden könnten, sind allerdings zusammengeschnallte Damengürtel. Soll hier vielleicht gar ein Geschlechterkampf stattfinden?

Auf jeden Fall heißt es jetzt: Ring frei für die dritte Runde! Zum dritten Mal nämlich öffnet im Münchner Haus der Kunst (Westflügel) die Biennale der Künstler ihre Pforten, eine Art Fortsetzung der unvergessenen Großen Kunstausstellung mit anderen Mitteln, weil sie von Künstlern für Künstler veranstaltet wird. Und auch wenn die Schau etwas stärker international ausgerichtet ist, fehlt es nicht an relativ prominenten heimischen Künstlern.

Gregor Passens etwa präsentiert einen unschlagbaren Sparring-Partner: eine riesige schwarze Gorilla-Figur aus Dachpappe. Nur Kong (ohne King) heißt dieses Monster, das die ganze Saalhöhe von elf Metern beansprucht, aber dennoch gebeugt auf allen Vieren steht. Weshalb man vor dem Affen auch an Atlanten-Figuren denkt, die in der Architekturgeschichte als Träger von Balkonen oder Gebälken eine Rolle spielen.

Wobei all diese künstlerischen Muskelprotzereien anfangs überraschen angesichts des Ausstellungsthemas. Faktor X – Das Chromosom der Kunst ist die Schau diesmal betitelt, denn sie will in Anspielung auf das „weibliche“ X-Chromosom die Frage aufwerfen, ob es gar geschlechterspezifische Kunst gibt oder ob auch hier nur konventionelle Rollenzuschreibungen wirksam sind.

Unvermeidlich beginnt sich der Betrachter damit vor jedem Werk zu fragen, ob es von einem Mann oder einer Frau stammt. Auch wenn man sich dabei manchmal täuscht – einen deutlichen Kontrast zur Gorilla-Ästhetik bilden jedenfalls die Aquarelle der niederländischen Künstlerinnen Anja Sijben und Rosemin Hendriks. So zart und blass kommen diese Porträts und Bilder von Greisen daher, dass der Besucher schwankt, ob er eher an holländische Wassertomaten denken soll oder an eine angeblich weibliche Ausdruckshaltung, die sich hier manifestieren könnte.

Etwas farbkräftiger wirken hingegen die großformatigen Aquarelle der Münchnerin Anna Frydman, die gerne Frauen mit blutroten Boxhandschuhen darstellt und den Blättern entsprechend eindeutige Titel wie schlagen gibt. Der Reiz dieser Bilder besteht darin, dass das Spiel mit den Signalen offensiver Gewaltsamkeit dem gängigen Rollenmuster der sanften Frau widerspricht. Aber damit ist natürlich die Existenz dieses Rollenmusters auch unabdingbare Voraussetzung dafür, dass Anna Frydmans Spannungsästhetik überhaupt funktioniert.

Die vielleicht überzeugendste Arbeit der Ausstellung stammt von der Wasserburgerin Anna Witt: Beat Body besteht aus drei Videomonitoren, die übereinander an einer Stange befestigt sind und – dreigeteilt – eine Nachtclubtänzerin in Aktion an der Stange zeigen. Allerdings ist es keine Musik, zu der sie tanzt, sondern der hörbare „Beat“ besteht aus dem aufgenommenen Herzklopfen von Straßenhuren. Ein schlagender Beweis für die Lebendigkeit der Kunst sozusagen. (Alexander Altmann)

Information: Bis 24. September. Künstlerverbund im Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, 80538 München. Mo. bis So. 10-18 Uhr, Do. 10-20 Uhr. www.kuenstlerverbund-im-haus-der-kunst-muenchen.de

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Kommentare (1)

  1. trebla am 05.08.2017
    Die Öffungszeiten der Ausstellung sind dieses Jahr Mo-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, damit etwas kürzer als die im Artikel angegeben vom Haus der Kunst.

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