Kultur

Detail aus der Zeichnung Sassoferratos, die einst aus München gestohlen wurde und nun zurückgekehrt ist. Die Gesamtansicht des Blattes finden Sie im Artikel. (Foto: Staatliche Graphische Sammlung, Inv.-Nr. 2666 Z)

15.12.2022

Geraubt und wieder aufgetaucht

Die seltene Zeichnung einer Madonna kehrte aus den USA nach München zurück

Die Staatliche Graphische Sammlung München meldet den glücklichen Ausgang eines kleinen Krimis und freut sich mit ihren Besuchern und Freunden über die unverhoffte Heimkehr einer für immer verloren geglaubten wunderbar beseelten Zeichnung einer Madonna mit Kind.

Vor über 50 Jahren, genauer am 13. August 1965, stellten ein Gast sowie Mitarbeiter des Studiensaals der Graphischen Sammlung fest, dass eine Zeichnung des italienischen Malers Giovanni Battista Salvi, gen. Il Sassoferrato (1609 bis 1685) von ihrem Untersatzkarton gerissen und offensichtlich gestohlen worden war. Der Diebstahl wurde unverzüglich bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Das rare Blatt blieb jedoch spurlos verschwunden. Nur ein Inventareintrag, eine Karteikarte und ein Schwarzweißfoto hielten die Erinnerung an das Werk und an den schmerzlichen Verlust bei späteren Kuratorengenerationen wach.

In den Kabinetten der Welt sind Blätter Sassoferratos, der als Zeichner erst durch Anthony Blunt (1907 bis 1983) und Hereward Lester Cooke (1916 bis 1973) um 1960 entdeckt wurde, dünn gesät. Die meisten der rund 90 bekannten Blätter bewahrt die British Royal Collection, London, auf. Im Jahr 2017 fand in Sassoferrato, einem kleinen Ort bei Ancona, wo Giovanni Battista Salvi auf die Welt gekommen war, eine erste groß angelegte Ausstellung zum Werk des immer berühmter werdenden Barockkünstlers statt. Für den begleitenden Ausstellungskatalog und einen Essay zu den Zeichnungen Sassoferratos stellte die Graphische Sammlung dem Kurator François Macé de Lépinay einen Scan nach der Fotografie des gestohlenen Blattes zur Verfügung. Sie wurde im Katalog abgebildet.

Wenig später, im Jahr 2021, übernahm das Washington County Museum of Fine Arts in Hagerstown, Maryland, USA, eine Privatsammlung. Diese enthielt eine Sassoferrato-Zeichnung, und die Freude der Museumsexperten war groß über diesen Neuzugang, da man um die Seltenheit von Blättern des Künstlers wusste. Rasch erkannte jedoch Daniel Fulco, Kurator am Washington County Museum of Fine Arts, der den Katalog von Macé de Lépinay konsultierte, dass der Neuzugang nahezu identisch ist mit dem in München gestohlenen Blatt. „Nahezu“ deshalb, da mutmaßlich der Dieb eine Handstudie rechts oberhalb der Madonna, die sich auf dem Münchner Blatt befand, zu löschen versucht hatte, um das Erscheinungsbild der Zeichnung zu verändern und ihre Wiedererkennbarkeit zu erschweren. Die Handstudie ist auf der Zeichnung als Schemen allerdings noch immer zu erkennen.

Die Direktorin des Washington County Museum of Fine Arts, Sarah J. Hall, und Daniel Fulco nahmen unverzüglich Kontakt zur Staatlichen Graphischen Sammlung München auf, informierten über ihre Entdeckung und baten die Graphische Sammlung, den rechtmäßigen Besitz des Blattes nachzuweisen - was natürlich erledigt wurde, sodass eine Rückführung des Werks vor wenigen Wochen möglich wurde.

Die für immer verloren geglaubte und wieder heimgekehrte Madonna Sassoferratos gehört zu einem der ältesten Bestände der Münchner Sammlung, der Sammlung Stephan und Georg von Stengel aus dem späten 18. Jahrhundert, die 1824 als Nachlass an die Münchner Sammlung kam.

Das Blatt erinnert in seinem anrührenden Charme nicht zufällig an Werke des Spezialisten für zart empfundene Madonnen par excellence – Raffaelo Santi (1483 bis 1520). Schließlich war Sassoferrato als Zeichner auch deshalb so spät entdeckt worden, weil seine Blätter im 19. Jahrhundert häufig als Werke des frühen 16. Jahrhunderts galten, also der Hochrenaissance und der Zeit Raffaels zugehörig. Stets war Sassoferrato retrospektiv orientiert und kopierte Werke von Perugino, dem Lehrer Raffaels und des Urbinaten selbst. Deren Sinnlichkeit lud er dezent auf und überzog sie in der Malerei mit oft porzellanartigem Schmelz.

Die Münchner Zeichnung bezieht sich auf Raffaels „Madonna Macintosh“ (National Gallery, London), die Sassoferrato mit schwarzem Stift verhalten neu interpretiert. Die leichte Rauheit des Papiers lässt die behutsam gezogenen Striche porös erscheinen, so dass sich Licht in sie einlagert und die Darstellung mit milder Helligkeit aufgeladen erscheint.

Das meisterliche Blatt, in dem die Kunst der Hochrenaissance und das Zeichnen des Barock eine höchst anziehende Alliance eingehen, so die Graphische Staatliche Sammlung n einer Mitteilung, wird ab 13. Februar 2023 wieder im Studiensaal bereitgehalten. Ab sofort bis zum 5. Februar ist die Zeichnung im Rotundenbereich der Pinakothek der Moderne München ausgestellt. (BSZ)

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