Kultur

Beispielhaft für Schads distanzierte Art des Porträtierens ist die "Mexikanerin" (1930) - hier ein Ausschnitt. (Foto: Museen der Stadt Aschaffenburg)

17.06.2022

Grandioses Vermächtnis

In Aschaffenburg führt das neue Christian Schad Museum durch das Werk eines der führenden Künstler der deutschen Moderne

Mitten im historischen Zentrum von Aschaffenburg, im ehemaligen Jesuitenkolleg, widmet sich auf drei Etagen das Christian Schad Museum umfassend einem der bedeutendsten bildenden Künstler der deutschen Moderne des 20. Jahrhunderts. Denn der 1894 im oberbayerischen Miesbach geborene Schad repräsentiert wichtige Strömungen der europäischen Avantgarde: Expressionismus, Kubismus, Dadaismus, Abstraktion, Sachlichkeit und magischen Realismus. Berühmt wurde er als Leitfigur der Neuen Sachlichkeit.

Über 40 Jahre lebte er in Aschaffenburg und Umgebung. Er kam für einen privaten Auftrag 1942 dorthin, erhielt dann von der Stadt den gut dotierten öffentlichen Auftrag, eine Kopie der Stuppacher Madonna von Grünewald für die Stiftskirche anzufertigen. Nach Verlust seines Berliner Ateliers 1943 suchte er in Aschaffenburg Zuflucht vor den Bomben.

Nach Schads Tod 1982 gründete seine Witwe die Christian-Schad-Stiftung, vermachte den gesamten Nachlass der Stadt Aschaffenburg mit der Maßgabe, Werk und Leistung ihres Mannes in einem Museum der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Das im Zweiten Weltkrieg ausgebombte Jesuitenkolleg von 1621 erweist sich für dieses Ansinnen als geeigneter Ort: außen historisch, innen modern. An den Fassaden weisen – nachts beleuchtete – Verglasungen auf Motive der „Schadographie“ hin, auf die von Schad erfundene Fotografie ohne Kamera – sein Spiel mit der Abstraktion.

Fotos zu Lebensstationen

Ein Gang durch das neue Schad-Museum bedeutet auch einen Streifzug durch die Geschichte des vorigen Jahrhunderts – politisch wie künstlerisch. Um das zu unterstreichen, markieren im ganzen Haus großformatige Reproduktionen von Fotografien die Stationen, an denen sich Schad im Lauf seines Lebens aufhielt.

Das Erdgeschoss – wie alle Räume hat es dunkelblaue Wände – führt Schads Herkunft vor. Die Aufnahme vom zerbombten Berlin leitet über zum Auftrag, der ihn nach Aschaffenburg führte. Das größte Gemälde Schads, Hochwald von 1936 mit einer Riesentanne, weist hin auf seine einflussreiche Münchner Familie, die eine Hütte in den Bergen besaß. Früh schon zeigte sich Schads künstlerisches Talent, etwa in Zeichnungen. Er verließ 1913 das Gymnasium ohne Abitur, schrieb sich an der Münchner Akademie in die Malklasse ein, brach aber das Studium enttäuscht ab und bezog in Schwabing ein eigenes Atelier. Die vermögenden Eltern unterstützten die künstlerischen Ambitionen ihres Sohnes. Erste expressionistische Holzschnitte entstanden.

Ab dem ersten Stock des Museums wird die weitere Entwicklung des Künstlers deutlich. Aufgrund zweifelhafter Gesundheitszeugnisse vom Militärdienst befreit, sollte er eine Kur in der Schweiz antreten, zog aber 1915 nach Zürich. Dort experimentierte er mit kubistischen Strömungen. Er schuf Grafiken, begann zu malen und zog 1916 nach Genf. Sein Stil änderte sich: Er malte expressionistisch und fertigte ausdrucksstarke Ölbilder von Insassen einer Irrenanstalt an, ohne dabei ihre menschliche Würde zu verletzen.

Bald kam er in Berührung mit der Strömung des Dadaismus: 1918/19 entstanden abstrakte Holzschnitte, Holzreliefs, Fotogramme und Schreibmaschinenbilder. Unter dem Einfluss der Dada-Bewegung entwickelte Schad 1919 die sogenannten Schadographien: ohne Kamera auf lichtempfindlichem Papier abgebildete, meist zufällig gefundene Gegenstände, „Photos nach Compositionen“ wie die Schadographie Nr. 11.

1920 ging Schad nach Rom, um die alten Meister zu studieren, reiste aber bald weiter nach Neapel, wo er sein Interesse an Menschen am Rand der Gesellschaft bildlich ausdrückte. Sein Stil wurde nun sachlich. Auch wenn er später schreibt: „Mittelpunkt meiner Arbeit war und ist der Mensch“, wirken seine Porträts doch immer distanziert, kühl beobachtend. Dieser Zug sollte sich bei der Neuen Sachlichkeit weiter verstärken. Dieser Mangel an Empathie war wohl auch verantwortlich für das Scheitern seiner ersten Ehe mit Marcella Arcangeli. 1925 schuf er in Rom zum „Heiligen Jahr“ die sehr „glatten“, strengen Gemälde von Pater Anselmus und Papst Pius XI.

Er siedelte nach Wien über, doch er konnte die dortige konservative Gesellschaft mit seiner Kunst nicht begeistern. Aber während seines Aufenthalts entstanden bedeutende Werke der Neuen Sachlichkeit, etwa Selbstbildnis mit Modell.

Der kalte Blick

Die emotionale Kälte dieser Porträts, ihre stilisierte Gegenständlichkeit sind Charakteristika der neusachlichen Schad-Bildnisse. Den Höhepunkt finden diese Darstellungen etwa im Bild der Mexikanerin von 1930. Die Porträtierte blickt den Betrachter starr frontal an, alles ist extrem symmetrisch angeordnet, wie konstruiert.

1927 zog Schad in die Metropole der Moderne, nach Berlin. Seine neuen Motive in Zeichnung und Aquarell: Kleinkriminelle und Homosexuelle, etwa Liebende Knaben.

Zwei Jahre später begegnete man Schad in Paris mit seiner zeitweiligen Gefährtin Maika, die ihm auch Akt stand. Sein Malstil wurde etwas weicher, und seine Frauenporträts von Stars aus Film und Theater waren gefragt auch als Titelblätter von Zeitschriften.

Dass Schad 1933 in die NSDAP eintrat, ist sicher seinem künstlerischen Ehrgeiz zuzuschreiben; doch auch über diese Schiene war er nicht erfolgreich. Er versuchte sich mit süßlichen Kinderbildern und Fotos über Wasser zu halten.

Schon immer interessierte sich Schad für okkulte, mystische und esoterische Schriften. Das beeinflusste vor allem sein Spätwerk, die Bilder des „magischen Realismus“ mit Symbolen aus Traumwelten. Er erinnerte sich auch an die einst revolutionären Schadographien und stellte, nun allerdings in der Dunkelkammer, 184 Unikate her.

Sein großes Glück aber war die lange Ehe mit der Schauspielerin Bettina Mittelstädt, seiner Managerin und seinem Modell bis zu seinem Lebensende. Ihr Vermächtnis sorgt nun für ein umfangreiches Museum zu seinen Ehren. (Renate Freyeisen)

Information: Christian Schad Museum, Pfaffengasse 26, 63739 Aschaffenburg. Aktuelle Öffnungszeiten unter www.museen-aschaffenburg.de

 

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Jahresbeilage 2022

Nächster Erscheinungstermin:
09. Dezember 2022

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 11.12.2021 (PDF, 15 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.