Kultur

Der skurrile Möbeldesigner zu Gast beim Malerfürsten: Installationsansicht mit Werken von Misha Kahn in der Münchner Villa Stuck. (Foto: Jann Averwerser)

17.06.2022

Grelle Harmonie

Die Münchner Villa Stuck ist die ideale Bühne für Misha Kahns Skulpturen, in denen Barock und dadaistische Antiästhetik verschmelzen

Man möchte am liebsten „ächz, stöhn“ ausrufen, wenn man durch diese Ausstellung wandert, die sich ein bisschen anfühlt, als wäre man in einen Comicstrip geraten: Saukomisch sind sie nämlich wirklich, all die Wohnaccessoires oder Möbel oder wie immer man die irren Objekte nennen will, die unter dem Titel Under the Wobble Moon in der Münchner Villa Stuck herumstehen, als hätten Aliens sie aus einem Raumschiff gekippt. Comichaft wirkt aber auch der verspielte Infantilismus dieser Artefakte, die nicht vom anderen Stern stammen, sondern von Misha Kahn, dem 1989 geborenen New Yorker Szenestar, der irgendwo zwischen Künstler, Designer und philosophischem Clown oszilliert.

„Ächz, stöhn“ möchte man freilich auch deshalb rufen, weil sie ebenso genial wie auf Dauer unerträglich sind, Kahns Exzesse der Formlosigkeit, diese wabbelnden, wallenden, wabernden Un-Gestalten aus Müll und Mull, Plastik, Bronzeguss und buchstäblich aus Ton, Steinen, Scherben. All das ist mit edlen, fein bearbeiteten Hölzern oder aufwendiger Keramik zu einem vogelwilden Mischmasch kombiniert, in dem Barock und dadaistische Antiästhetik verschmelzen.

Unweigerlich fragt man sich, ob da ein 3D-Drucker verrückt gespielt hat. Oder sieht so das Ergebnis aus, wenn demnächst die künstliche Intelligenz die Herrschaft auch in Sachen Design übernimmt?

Kein braver Nachahmer

Nun hat Misha Kahn tatsächlich Möbeldesign studiert, aber er gehörte offenbar zu jenem kleinen Häufchen der Aufgeweckten, die irgendwann gemerkt haben, was man im Studium eigentlich lernt: wie man es nicht machen soll. Jedenfalls, wenn man kein braver Nachahmer werden, sondern etwas so Originales wie Originelles hervorbringen möchte, das notwendig immer eigentümlich erscheint, im Vergleich zum Gängigen und Üblichen.

Dass Kahns Generalangriff auf die Bauhaus-Ästhetik ausgerechnet in den historischen Räumen der Villa Stuck präsentiert wird, ist eine ebenso konsequente wie kluge kuratorische Entscheidung. Konsequent, weil der Geist des Gesamtkunstwerks, der ein Künstlerhaus wie die Villa Stuck prägt, sich eben gleichfalls in den Werken des New Yorkers überdeutlich manifestiert. Denn auch wenn deren äußere Erscheinung mit dem spezifischen Stuck-Stil natürlich nichts gemein hat, durchpulst Kahns Objekte der nämliche Wille zur Totalgestaltung, ja zur Verschmelzung von Kunst und Leben, der in den historischen Räumen der Villa so beispielhaft sichtbar wird.

Zu dieser engen strukturellen Verwandtschaft von Stucks und Kahns Kunstauffassung steht ihre jeweils ganz unterschiedliche Formgrammatik in einem ungeheuer reizvollen Spannungsverhältnis. Zu Deutsch: Stucks schwarzer Klassizismus und Kahns Wabbel-Comics könnten äußerlich auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein, und doch erwächst aus dem Kontrast zwischen beiden eine verblüffend grelle Harmonie.

Ohnehin scheint der Kuratorin Kellie Riggs ein erheblicher Anteil am Gelingen dieser schrägen Ausstellung zuzukommen. Hat sie doch auch zusammen mit Misha Kahn einen Text verfasst, der selbst Teil des künstlerischen Projekts ist: Als eine Art Theorie-Science-Fiction persifliert er nicht nur das Genre kunstwissenschaftlicher Interpretenprosa, sondern ordnet die gezeigten Werke von einem fiktiven Zeitpunkt in der Zukunft aus historisch als „Objects from the Capricious Age“ ein. Das Ergebnis ist ein Stück abgründig-komischer Literatur, das nicht weniger gelungen wirkt als Kahns Wabbelkunst selbst. (Alexander Altmann)

Information: Bis 21. August. Museum Villa Stuck, Prinzregentenstraße 60, 81675 München.

 

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