Kultur

Bei der Figur des Galileo Galilei geht es nicht um die Geschlechterfrage – also muss er auch nicht von einem Mann gespielt werden. In Landshut überzeugt Antonia Reidel in dieser Rolle. (Foto: Peter Litvai)

20.01.2023

Großartig verfremdet

Das Landestheater Niederbayern zeigt, wie zeitlos Brechts „Leben des Galilei“ ist

Brechts Lehrstück Leben des Galilei (uraufgeführt 1943) ist eine nicht historisch zu nehmende Parabel – und Wolfgang Maria Bauer hat nun am Landestheater Niederbayern eine Lehrinszenierung daraus gemacht, die belegt, wie man solch ein zeitloses Werk auch tatsächlich noch heute zeitlos auf die Bühne bekommt.

Das beginnt bei der Figurenarbeit, die sich auf ein erfahrenes, spielstarkes Ensemble verlassen kann. Die kirchlichen Kohorten, die Gegenspieler des Astronomen und Physikers Galileo Galilei, werden im Landshuter Theaterzelt zu erstaunlich grotesken Typen. Sie sind witzig in ihrer bis in die Mimik geratenden Absurdität und gerade in dieser absurden Verbohrtheit gefährlich wie zischelnde Schlangen. Sogar ihr Sprechen, ihre Sprache ist ihnen oft fremd im Mund, weil das Sagen von Wahrheit ihnen nicht möglich ist.

Ja keine Veränderung!

Das Ensemble zeigt meisterhaft, wie elend daneben eine Welt liegt, die es sich in einer bequemen, öden Selbstgewissheit eingerichtet hat und die das Streben nach Veränderung und Verbesserung knechtet. Das kann bei genauer Betrachtung nur absurd sein. Und genau so haben es Bauer und seine Ausstatterin Aylin Kaip eingerichtet. Nichts ist hier aufgehübscht historisierend. Stattdessen gibt es Typen und Archetypen zu sehen, in wilden, sackartigen Kostümen mit bizarren Mützen, man begegnet lehmig-grauen Gestalten.
Die Bühne ist geprägt vom Sternen-, Planeten- und Sonnen-Firmament. Das gibt zuweilen starke Bilder von Weltall-Dimensionalität, vor denen der Text besonders Raum greift. Runde Bühnenelemente – schließlich geht es um die Kreisbahnen der Planeten – bieten die Möglichkeit, Szene für Szene flugs neu zu bauen. Genau das kann nur das Theater: mit möglichst wenigen Mitteln möglichst viele Bilder bauen. Hier gelingt das beispielhaft.

Bemühte Aktualisierungen braucht es nicht – der Text funktioniert in dieser Bühnenwelt für sich. Dazu tragen auch die Lieder bei und die Musik von Hanns Eisler, die Daniel Zacher mit dem Ensemble einstudiert hat und der zudem die Handlung lässig-souverän vom Bühnenrand aus mit dem Akkordeon begleitet.

Idealer V-Effekt

Dann gibt es die Titelfigur: In der Inszenierung am Landestheater Niederbayern wird Galilei gespielt von Antonia Reidel, und das ist von Anfang an die richtige Entscheidung: Weil diese Figur so anders ist als ihre gockelplumpe Umgebung. Weil sie dazu angetan ist, die patriarchale Dominanz, die kirchliche Kurienwelt zu brechen. Antonia Reidel verkörpert großartig den zentralen Brecht’schen Verfremdungseffekt. Sie zeigt die Stärke der Figur, weil sie deren Schwächen nicht verhüllt. Sie ist munter, heiter, sinnlich, lebenslustig und deshalb nicht sterbenswillig. Sie ist im unbeschadet Kind gebliebenen Kern dauerhaft verblüfft über die gefährliche Dummheit ihrer Antipoden.

Schnell wird klar, dass es hier gar nicht darum geht, Frau oder nicht Mann zu sein, sondern: Mensch. Dieser Landshuter Galilei ist in all dem Kampf um Wissenschaft und Wahrheit und wider den Totalitarismus der Beständigkeit eigentlich der einzige, der wahre und wirkliche Vertreter der Humanität auf der Bühne.(Christian Muggenthaler)

 

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