Kultur

Die Tafeln des Magdalenenaltars sind in der Ausstellung zusammengeführt. In der Mitte hinten die Haupttafel mit dem auferstandenen Christus. Die Ölgemälde auf Lindenholz sind eine Dauerleihgabe der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. (Foto: Museen der Stadt Aschaffenburg/Philipp Endemann)

11.11.2022

Gutverdiener zwischen den Stühlen

Eine Ausstellung in Aschaffenburg zeigt Werke von Lucas Cranach d. Ä., die katholische ebenso wie reformatorische Auftraggeber bestellt hatten

Das Aschaffenburger Stiftsmuseum und die Stiftskirche bieten mit der Präsentation Zwischen den Stühlen neue Aspekte zum Werk von Lucas Cranach d. Ä. (1472 bis 1553). Dieser Künstler schuf in der Umbruchzeit des 16. Jahrhunderts mit der Spaltung der christlichen Gesellschaft in die katholische und die reformatorische Lehre außerordentliche Werke für beide Seiten. So arbeitete er umfangreich für den zweitmächtigsten Herrn im Heiligen Römischen Reich, den Kurfürst-Erzbischof in Mainz, den Kardinal Albrecht von Brandenburg. Er trieb gleichzeitig mit seinen Holzschnitten die junge Reformationsbewegung um Martin Luther voran.

Kunst im Fluchtgepäck

Aschaffenburg war die Nebenresidenz Albrechts, und als er aus Glaubensgründen aus seiner Residenz in Halle fliehen musste, nahm er viele seiner Kunstschätze mit ins katholische Aschaffenburg. Darunter befand sich einer der Altäre, die der Kardinal beim Meister aus Wittenberg, bei Cranach und seiner Werkstatt, in Auftrag gegeben hatte, nämlich der riesige Magdalenenaltar. Der war einst für die Stiftskirche in Halle neben 16 weiteren Flügelaltären mit rund 150 einzelnen Tafelbildern geschaffen worden, wohl der größte Gemäldeauftrag um 1525.

Nun kann man die Bildpracht des Altars im Stiftsmuseum bewundern; bis 1814 stand er in der Stiftskirche. Die meisten der anderen Schätze Albrechts sind verloren gegangen.
Den Auftakt zur Cranach-Ausstellung macht im Gotischen Saal mit seinen bemerkenswerten spätmittelalterlichen Skulpturen das sogenannte September-Testament in originaler Erstausgabe: Das ist Luthers deutsche Übersetzung des Neuen Testaments aus dem Griechischen von 1522, von Cranach prächtig ausgestattet mit ganzseitigen kolorierten Holzschnitten. Die Bibelausgabe hatte großen Einfluss auf die Verbreitung der Reformation. Cranach und Luther waren befreundet. Vorbild für die Illustrationen war unter anderem Dürer und dessen Holzschnitt der Apokalyptischen Reiter.

Weitere Holzschnitte und Druckwerke von Cranach und seinen Zeitgenossen aus der grafischen Sammlung der Städtischen Museen und der Hofbibliothek Aschaffenburgs zeigen das Umfeld der Auseinandersetzung zwischen Katholiken und Reformatoren, Bildnisse von Kardinal Albrecht, der Kaiser Maximilian I. und Karl V., von Luther und Friedrich dem Weisen von Sachsen (dessen Hofmaler Cranach war), von Erasmus von Rotterdam und Philipp Melanchthon, der sich später mit Luther zerstritt. Die frühen Cranach-Darstellungen aus vorreformatorischer Zeit weisen einen Hang zum Unkonventionell-Bizarren auf: beispielsweise bei der Marter des Hl. Simon, bei der Passion Christi mit der Handwaschung oder bei Christus vor Herodes.

Es musste der Beste sein

Kardinal Albrecht hatte Cranach wohl nie persönlich getroffen. Der mächtige Kirchenfürst aber brauchte den Künstler für die prachtvolle Ausstattung der Stiftskirche in Halle mit ihren kostbaren Reliquiaren, dem „Heilthum“. Für einen üppigen, beeindruckenden Bilderschmuck kam für den Repräsentanten der katholischen Kirche nur der beste Künstler infrage: der Lutherfreund Cranach.

Der Künstler stellte den Kardinal 1540 auf einem großen Ölbild als heiligen Bischof St. Martin in prunkvollem Gewand dar. Die hl. Ursula dürfte wohl die Züge einer seiner Geliebten tragen.

Der Magdalenenaltar selbst, der größte der Hallenser Altäre, sprengt in seiner Bildpracht und Farbigkeit beinahe den dunklen, fast zu niedrigen Raum im Museum. Die großen Standflügel zeigen den hl. Valentin und die hl. Martha sowie den hl. Johannes Chrysostomos. Alle diese Heiligen sind in lieblichen Landschaften dargestellt, angetan mit kostbaren Stoffen und Geschmeiden. Auf der Haupttafel des Retabels schwebt der auferstandene Christus in einer hellen Wolke, umgeben von Engelsköpfchen, unten drängen sich, als er aus dem Grab steigt, nackte Menschen aus dem Fegfeuer, von Christus errettet, während die wüsten Krieger auf der anderen Seite an die Passion erinnern.

Der linke Schwenkflügel zeigt die hl. Maria Magdalena: Ihr war die Hauptreliquie auf dem Altar geweiht. Auf dem rechten Flügel ist der hl. Lazarus abgebildet. Unter dem Retabel, in der Predella, ist zu sehen, wie Jonas dem Walfisch entsteigt – ähnlich wie Christus dem Grab.

Auch eine Entdeckung bietet die Ausstellung: Cranachs Bild Hercules bei Omphale wurde einst zersägt, um mit den Einzelteilen mehr Geld auf dem Kunstmarkt zu erlösen. Nun kann man dazu den Kopf der Dienerin ergänzen.

Sich selbst gefeiert

Ein weiteres Kunstwerk hatte Kardinal Albrecht aus Halle mit nach Aschaffenburg genommen: sein Epitaph aus Messing. Gefertigt worden war es in der Nürnberger Werkstatt Vischer und zeigt einen Baldachin auf Vierkantpfeilern. Schon zu Lebzeiten feierte der Kardinal damit seinen „Großen Tod“; zum Grabmal gehörten die Reliefs Madonna auf der Mondsichel und sein idealisiertes Bildnis. Heute steht auf dem Baldachin der Margarethen-Sarkophag. Albrecht wurde im Mainzer Dom beigesetzt.

Der Kardinal beschäftigte weitere bedeutende Künstler, so auch Matthias Grünewald. Von diesem ist in der Ausstellung eine Beweinung Christi zu sehen, die einst den Verschlussdeckel eines Heiligen Grabes zierte. Die berühmte Stuppacher Madonna von Grünewald in der Maria-Schnee-Kapelle ist aber als Kopie von Christian Schad gezeigt.
Am Ausgang der Stiftskirche sind zwei Grabsteine zu beachten, nämlich für die „Schwiegermutter“ des Kardinals und für seinen Enkel. Für seine langjährige Gefährtin Agnes Pless, Vorsteherin einer Schwesterngemeinschaft, errichtete Albrecht die einstige Beginenkirche zum Heiligen Grab im Park Schöntal, heute leider eine Ruine. (Renate Freyeisen)

Information: Bis 8. Januar. Stiftsmuseum, Stiftsplatz 1a, 63739 Aschaffenburg. www.museen-aschaffenburg.de

 

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