Kultur

Allein das dichte Sitzen in der Tram wäre heute undenkbar – geschweige denn ein solch ausprustendes Husten. Das Bild stammt aus einer Lichtbildreihe zur Tuberkulose, die in den 1930er-Jahren vom Deutschen Hygiene-Museum in Dresden produziert wurde. (Foto: DMM)

03.04.2020

Heilen mit Pfeil und Rauch

Das Deutsche Medizinhistorische Museum in Ingolstadt hat eine seuchenhistorische Objektgalerie ins Netz gestellt

Der Tipp für die Epidemie: Flanellbinden, darüber ein kupferner Brustfleck, ein Mieder aus Gummi elasticum, die Unterbeinkleider mit Kräutersäckchen garniert. Zum Schluss noch der Ratschlag einer Kupferplatte um den Hals mit der Inschrift: „Nur keine Furcht!“ Das alles trägt eine „Cholera-Praeservativfrau“, die der Satiriker Moritz Gottlieb Saphier anlässlich der Cholera-Epidemie 1832/33 in München gezeichnet und beschrieben hat. Unter der Inventarnummer GT-0536 befindet sich die kolorierte Radierung in den Beständen des Deutschen Medizinhistorischen Museums Ingolstadt.

Dort hatte dessen Leiterin Marion Ruisinger die Idee, eine seuchenhistorische Objektgalerie ins Netz zu stellen: teils aus eigenen Beständen und jedes Objekt, jede Zeichnung knackig und wissenschaftlich fundiert beschrieben. Und zur Pandemie 2020 in Beziehung gesetzt: 13 Objekte haben einen einigermaßen erschreckenden Bezug zur aktuellen Seuche, auch zu Pest, Cholera und Lepra.

Heute wie früher geht und ging es um die richtige Diagnose, die Heilmittel, um künstliche Beatmung, soziale Distanz und die Unterscheidung zwischen gesund und krank. Deshalb liest man die Objektbeschreibungen auch mit schauderndem Interesse, und die 500 Jahre seit einer „Lepra-Schau“ rücken einem verdammt nahe. Das liegt auch daran, dass die Verfasser der Themenblätter ihre Texte nicht als wissenschaftliche Abhandlung verstehen, sondern gegenwartsnah formulieren und geschickt Zitate einbauen.

Zuflucht zum Gebet

So liest man in dem Feldbuch der Wundarzney von 1517: „Blut, harn, knoll, drüßen, glyderfül, des otems gstanck … zöigen an, dz dißer sey ein maltzig man.“ Das beschrieb einen Leprakranken. Für diesen war damit die bürgerliche Existenz zu Ende und Beten die einzige Hilfe.

Als Schutz vor Ansteckung vertraute man schon vom Jahr 1000 an auf die „Sebastianspfeile“: kleine Silberpfeile, die man an die Hirnschale des hl. Sebastian halten musste. Die ist eine Reliquie im oberbayerischen Ebersberg, aus der trank der Wallfahrer auch geweihten Wein. Alois Unterkircher vom Deutschen Medizinhistorischen Museum stellt die Verbindung zwischen Pfeil und Seuche her: „In früheren Zeiten war man der Auffassung, dass Krankheiten durch ein Geschoss verursacht werden“ – und der hl. Sebastian erlitt sein Martyrium ja schließlich durch die Pfeile der römischen Soldaten wegen seines christlichen Glaubens. Die Sebastianspfeile werden von Geistlichen in Ebersberg auch heute noch ausgegeben, und die Gläubigen tragen sie im Geldbeutel oder um den Hals. Ob die Pfeil-Produktion inzwischen angestiegen ist, weiß Unterkircher (noch) nicht.

Post ausräuchern

Dass man Pferdeserum als Heilmittel gegen Diphtherie gewonnen und eingesetzt hat (Emil von Behring) und die Eiserne Lunge als Beatmungsgerät ursprünglich für Kinder mit Poliomyelitis erfunden, konstruiert und eingesetzt wurde, weiß man vielleicht schon, die Ingolstädter „Seuchengalerie“ klärt zusätzlich darüber auf.

Dass 500 Jahre lang Briefe, Pakete und Waren grenzüberschreitend im Dienste der Desinfektion durch Rauch gereinigt wurden, gehört zu den Überraschungen der Covid-19 & History-Schau. Erstens wurden etwa zwischen dem Habsburger und dem Osmanischen Reich auf 2000 Kilometern „Pestcordons“ mit Quarantänestationen eingerichtet (mindestens 21 Tage Aufenthalt), zweitens die Post dort mit einem eisernen „Rastel“ durchlöchert, um reinigenden Rauch hindurchzublasen. Das Ingolstädter Museum verfügt über eine ganze Reihe solcher „Cholerabriefe“ aus dem 19. Jahrhundert. Das Bild einer Rastel organisierte man vom Deutschen Apothekenmuseum Heidelberg. Um das Thema Datenschutz zu beleuchten: Briefe wurden damals oft genug nicht nur durchlöchert und geräuchert, sondern von der Obrigkeit auch aufgemacht und gelesen.

Ob die „Pestarztmaske“ in der Museumssammlung je wirklich getragen wurde, bezweifelt Marion Ruisinger: kein Beleg, keine Erwähnung über Jahrhunderte hinweg. Eine solche Maske soll aber einst bei der Pest in Rom und Marseille den Zweck gehabt haben, einen Duftschwamm in einem ledernen Futteral vor der Nase befestigen zu können.

Ab Herbst wird die geradezu unheimliche Ingolstädter Maske in der neuen Dauerausstellung zu sehen sein. Vielleicht auch ein „Taschenspucknapf“, den eine Lüdenscheider Firma um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einige Jahrzehnte lang erfolgreich vertrieb. Das elegante kobaltblaue Glasfläschchen mit Trichter fand sogar Erwähnung in Thomas Manns Zauberberg. (Uwe Mitsching)

Information: www.dmm-ingolstadt.de/aktuell/covid-19-history.html

Abbildungen (von oben, alle Fotos: Deutsches Medizinhitorisches Museum Ingolstadt):

Die Karikatur von Moritz Gottlieb Saphir zeigt die „Cholera-Praeservativfrau“.

Eine Eiserne Lunge, ein Beatmungsgerät für kleine Poliopatienten.   

ein "Taschenspuknapf"

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