Kultur

Das mobile Fotostudio im Germanischen Nationalmuseum. (Foto: GNM)

20.11.2020

Herausforderndes Fotoshooting

Den aktuellen Lockdown nutzt das Germanische Nationalmuseum, um noch mehr Exponate des Bayerischen Gewerbemuseums online zu zeigen

Emsiges Treiben im Germanischen Nationalmuseum (GNM) – freilich unter Beachtung aktueller Schutzvorgaben. Nein, Besucher dürfen auch in diesen Publikumsmagnet der Nürnberger Museumslandschaft derzeit nicht rein – eine Chance, die die Mitarbeiter*innen des Hauses ins Positive gedreht haben: Während des erneuten Lockdowns haben sie genügend Platz und Zeit, um ungestört in der Dauerausstellung Vitrinen zu öffnen und Exponate zu fotografieren für den Ausbau des Online-Objektkatalogs. Das ist einerseits notwendige Inventararbeit, andererseits Besucherservice: Die Türen zu den Sammlungen sind wenigstens unter objektkatalog.gnm.de rund um die Uhr geöffnet.
Und es sind gerade besonders publikumswirksame „Vintage“-Dinge, um die sich die aktuellen Arbeiten drehen: Es geht um die Bestände des ehemaligen Bayerischen Gewebemuseums, zu dessen 150-jährigem Jubiläum das GNM ohnehin eine Sonderausstellung arrangiert hat, die – so es coronabedingt wieder erlaubt ist – noch bis 10. Januar 2021 real zu sehen ist.

Vorbildliche Designstücke

Beim Klicken durch den Online-Katalog unter dem Suchbegriff „LGA“ für Landesgewerbeanstalt stößt man auf einen Braun-Heißlüfter aus den 1960er-Jahren, auf Spielzeug wie eine Laterna magica aus dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, auf Nippes wie Souvenirtassen zur Londoner Weltausstellung von 1851, man entdeckt Jugendstilschmuck, Geschirr und vieles mehr aus dem einstigen Alltag – freilich aus jenen Haushalten, die sich diese Designstücke überhaupt leisten konnten. Ins Museum gab die Landesgewerbeanstalt nämlich nur, was man für innovativ und vorbildlich für das jeweils aktuelle Industriedesign hielt. So entdeckt man im Online-Katalog zum Beispiel Werkstücke, die während der kunstgewerblichen Meisterkurse entstanden, die einst die Designerstars Peter Behrens und Richard Riemerschmid abhielten.

Rund 800 Inventarnummern umfasst die Sammlung des Gewerbemuseums – aber erst ein Fünftel davon ist für den Objektkatalog fotografiert, überschlägt Silvia Glaser, die zuständige Sammlungsleiterin. Zusammen mit einer Fotografin, einer Restauratorin und dem eifrig mithelfenden Aufsichtspersonal öffnet sie nun Vitrine um Vitrine, um Stück für Stück fürs Fotoshooting herauszuholen – allerdings nicht unbedingt nach Reihe ihrer Aufstellung. Rücksicht wird nämlich nicht nur auf die zum Teil hochfragilen Exponate genommen, sondern auch auf die Fotografin: „Wir bemühen uns, die Objekte in Gruppen zusammenzustellen, die vergleichbare fotografische Bedingungen und Lichteinstellungen brauchen. Sonst müsste die Fotografin bei jedem einzelnen Stück Kamera und Licht neu justieren. Das würde viel Zeit kosten.“

So waren an einem Tag lauter Hochformate dran, anderntags Objekte aus Glas, dann die ganz großen Stücke: Für letztere steigt die Fotografin dann auch schon mal auf eine Leiter, um sie von oben fotografieren zu können – was zum Beispiel schon bei einem Teller von 50 Zentimetern Durchmesser nötig sein kann. Noch Größeres wird mitunter in die geräumige Eingangshalle des Museums gebracht, um dort aus luftiger Höhe von einem Verbindungssteg (zwischen zwei Gebäudeteilen) aus fotografiert zu werden: „Dafür putzen wir auch erst mal noch den Boden, bevor auf einer Unterlage ein Teppich ausgebreitet wird.“

Indes stellt weniger die Größe als vielmehr die materielle Beschaffenheit der Objekte eine fotografische Herausforderung dar. Glas, Silber, hochpolierter Edelstahl: Da gilt es Lichtreflexe so einzufangen und zu setzen, dass einerseits der charakteristische Glanz sichtbar wird, der andererseits Form und Farbe nicht verfälschend überblenden darf. Freilich braucht es auch bei matten Oberflächen (zum Beispiel Holz, Leder, Textilien, Kunststoff oder von Patina überzogene unedle Metalle) meisterliches Gespür und Erfahrung, damit diese Schaustücke optisch nicht im Trüben „versumpfen“.

Von vielen Stücken interessiert nicht nur die Hauptansicht, weshalb gleich mehrere Fotos gemacht werden – wie bei einer Kaffeekanne aus der Königlichen Porzellanmanufaktur Berlin aus der Zeit vor 1873: Vorder- und Rückseite, selbst der Deckel zeigen verschiedene Sehenswürdigkeiten. Auch eine Bodenansicht ist wegen Markenzeichen wichtig. Ein fünftes Bild zeigt den Ensemblezusammenhang der Kanne – mit eigenen, fortlaufenden Inventarnummern sind auch die zugehörigen anderen Kannen, Tassen und das Tablett im Objektkatalog anzuschauen.

„Kranke“ Gläser entfernen

Mit wachem Blick begleitet eine Restauratorin die Fotoshootings: Sie überprüft vielfach den Erhaltungszustand und entscheidet gegebenenfalls, dass Objekte aus der Schausammlung genommen werden müssen. Heikel sind zum Beispiel einzelne Gläser speziell des 17. Jahrhunderts, die unter der „Glaskrankheit“ leiden. „Bei solchen Gläsern ist der Alkali-Gehalt (zum Beispiel Natrium- und Kaliumsalze) zu hoch“, erklärt Silvia Glaser. Diese Zusätze sollten dazu dienen, das Glas an der Oberfläche leichter schneiden zu können. Ein Zuviel davon mache sich nach 300 Jahren in einem mehrstufigen Korrosionsprozess bemerkbar: „In einem ersten Schritt schauen die Gläser wie leicht beschlagen aus. Im zweiten so, als wären sie ständig feucht. Im dritten Schritt bekommt das Glas viele Risse. Auf jeden Fall werden solche ,kranken’ Gläser bei der aktuellen Aktion aus den Vitrinen genommen. Laien verstehen oft den traurigen Zusammenhang nicht und glauben, wir würden unsere Gläser nicht hin und wieder reinigen, was wir aber natürlich immer wieder tun.“ (Karin Dütsch)

Information: https://objektkatalog.gnm.de
Die Sonderausstellung zum 150-jährigen Jubiläum des Bayerischen Gewerbemuseums ist nach Wiederöffnung des Museums noch bis zum 10. Januar 2021 zu sehen. Germanisches Nationalmuseum, Kartäusergasse 1, 90402 Nürnberg. Di. bis So. 10-18 Uhr, Mi. bis 20.30 Uhr. www.gnm.de

 

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